Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Article
- Geschichte der Gegenwart
- Date
- 1899-10-20
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die H Welt“ Seite 5 Nr. 42 dem Judenthum am Ende des XIX. Jahrhunderts, lässt alles liegen wie es ist, um sich auf der glücklich erreichten letzten Seite hastig zu empfehlen. Es ist bezeichnend, dass er von der historischen Thatsache der zionistischen Bewegung nichts weiss, dass er an der historischen Begebenheit der Baseler Congresse vorbeistürmt. So eilig hat er es plötzlich, aus dem Buche herauszukommen. Man wird sagen: „Eine illae lacrimae“, und man wird sich irren. Das Buch des Herrn Bernfeld wird an dieser Stelle nicht deshalb für schlecht befunden, weil es kein zionistisches Buch ist. Es wäre eine Borniertheit, wollte man die Qualität eines Werkes immer nur an seiner zionistischen Gesinnung messen. Bernfelds Buch, und überhaupt ein Buch über die Juden der Gegenwart, braucht gar nicht zionistisch zu sein, damit es auch gut sein könne. Aber jener „Rückblick auf hundert Jahre geistiger Entwicklung“ ist lückenhaft. Es ist eine Lücke, dass von der national-jüdischen Zionsbewegung darin geschwiegen wird, und es ist zwar die eclatanteste, aber nicht die einzige. Nichts ist über die Zerrüttung Frankreichs gesagt, über grauenhafte Zustände, wie sie durch die „Affaire“ enthüllt wurden, nichts über die geistigen Kämpfe in der deutschen Presse, an deutschen Universitäten, nichts über verhängnisvolle Schwenkungen, die sich in der Politik der Massen vollzogen. — Die letzten Decennien sind unerzählt geblieben, und Bernfeld hat sich lediglich darauf beschränkt, zu constatieren, dass der Antisemitismus wieder stärker geworden sei. Was er hier nicht gesagt hat, das Warum, Wieso und Wodurch, das ist er in seinen ganzen Erörterungen schuldig geblieben. Ueberall nur Thatsachen, Thatsachen, keine Motive, keine Zusammenhänge. Aus Thatsachen aber besteht die „Entwicklung“ nicht. Die „Entwicklung“,die einzige dramatische Linie in der Geschichte, ihren menschlichen Kern, ihres Wesens Inhalt, hat Bernfeld nicht geschildert. Wie Bernfeld die Geschichte der modernen Juden auseinandersetzt, ist sie ein musivisches Bild kleiner und kleinster Begebenheiten. Man rüttle die Steinchen durcheinander, und alles kann anders kommen, als es gekommen ist — Zufall. Das aber ist Geschichte, dass man die Thatsachen gleichsam nochmals aufs neue schafft und beweist, warum es so, gerade so und nicht anders kommen musste. Und zu zeigen, warum es mit den Juden heute so und gar nicht anders kommen musste, das war die Aufgabe einer Rückschau auf hundert Jahre, eine tiefe, lohnende Aufgabe, nur hat Bernfeld sie weder lösen wollen, noch lösen können. Er hat sein Buch mit langathmigen Erörterungen über jüdische Reformbestrebungen, staatsrechtliche Zugeständnisse, cultusgemeindeämtliche Verhandlungen und Deputationen angefüllt, als ob das der Inhalt des Jahrhunderts wäre. Als ob die Juden in den letzten hundert Jahren nichts gedacht, gethan, erstrebt, erlernt und erreicht hätten, als rabbinale Vorschläge und Resolutionen zur jüdischen Gleichberechtigung. Kein Capitel schildert den Handel der Juden, das Entstehen des jüdischen Grosscapitals. Kein Capitel erzählt von dem Eintritt der Juden in die Wissenschaften, keines erwähnt ihrer Bestrebungen auf dem Gebiete der Kunst, der Musik, der Dichtung. Und dennoch sind die abgelaufenen hundert Jahre auf diesen Gebieten die wichtigsten? die entscheidendsten für die Juden gewesen. Nirgends ist ein noch so skizzenhaftes Bild versucht von der wirklichen geistigen Entwicklung der Juden. Ihre ererbten Gaben, ihre Prädestinationen, ihre culturellen Talente treten bei Bernfeld zurück, verschwimmen, werden undeutlich, und die Gleichberechtigungs-Paragraphen treten allein wie auf Transparentpapier in ihrer papierenen Herrlichkeit hervor. Die Trostlosigkeit solcher Bücher ist wirklich entmuthigoml. Für die Geister, die den Juden so „Geschichte“ schrieben, ist die Gleichberechtigung das Um und Auf, das letzte, äusserste Ziel. Liesen rückständigen Historikern voller Oege wartsscheu bedeutet die Einajicipnt ion Endzweck aller jüdischen Bestrebungen, sie sind noch auf dem Standpunkt von Sonnenfels und Josef II., und das neue Jahrhundert hat sie nichts gelehrt. Die modern empfindenden Judenmenschen dagegen, welchen die Entwicklung von 1801 bis 1890 manche Erkenntnisse gebracht hat, sehen die Gleichberechtigung als erste, als selbstverständliche Bedingung an, ihnen ist sie eine geöffnete Pforte, für deren Oeffnung sie gross Dank zu sagen, verlernt haben, und welche ihnen den Weg zu weiteren Cnlturmissionen erschliesst. Davon ist in dem Buche von Bernfeld nicht die Rede. Es ist eine oberflächliche, flüchtig hingestrichene Geschichte der Juden des letzten Jahrhunderts, mit dürftigen, blassen Farben gemalt. Wer aber nur einen Tag des Judenthums für das Verständnis beschreiben will, der muss auf seiner Leinwand alle vergangenen Jahrhunderte als dunklen Hintergrund auftragen, und er muss in seiner Seele so geschwellt sein von Gedanken, Erinnerungen rmd Ahnungen, dass die banale Objectivität keinen Platz bei ihm findet. Wir Juden können heute noch nicht objectiv sein, wenn wir aufrichtig sein wollen. Das müssen wir uns für später aufheben — wer weiss, für wann. F. S. Lemberger Brief. „A semitismu s“. Wie den Lesern der „Welt“ aus früheren Berichten bekannt sein dürfte, wurde in den letzten Jahren in Galizien der Antisemitismus durch den modern getauften „As ein itismus“ ersetzt. Wenn sich auch in der Praxiskein wesentlicher Unterschied des „classischen“ vom „modernen“ Judenhasse bemerkbar machte, so war man dennoch berufenen' Ortes bemüht, unterscheidende Merkmale beider herauszufinden. Jüngstens hat der Präsident der Lemberger „Katholischen Lesehalle“, Professor der Polytechnik M. Thullie in einem theoretisch gehaltenen Vortrage wiederum versucht, zu beweisen, wie verschieden der Asemitismus vom Antisemitismus wäre. Vor allem constatierte der dem asemitischen Lager angehörende Parteiführer, dass die Ursache des Judenhasses eine gleiche sei, dass sich nämlich die nichtjüdische Gesellschaft gegen das Ueberhandnehmen der Juden und ihres Einflusses verlheidigon müsse. Diese Vertheidigung nennen die einen Anti-, die anderen A s e m itismu s. Der letztere stelle mit alle n (sic!) katholischen Gr u n d s ä t z e n im 1 »osten Ein k lange, sei ein gemässigter und verständig angewendeter Judenhass, während der eigentliche Antisemitismus einen echt nichtkatholischen Charakter habe. Beweise dafür liefere das protestantische Deutschland, der auf dem Hamburger Parteitage jüngstens gefasste Beschluss, beim Religionsunterrichte die Lehre des alten Testamentes aufzugeben, und schliesslich die antisemitisch-deutschn ationa 1 e „Los von Roni“-Bewegung. Der erste Antisemit sei Pharao gewesen, auf ihn folgten die Alexandriner, die Kreuzfahrer u. s. w. Die Mittel, deren sich die letzteren bedienten, seien jedoch unerlaubt und wirkungslos gewesen. Die früher prakticierte Vertreibung der Juden sei bloss für eine ganz kurze Zeit von Nutzen gewesen : gegenwärtig sei ein solches Mittel einerseits ausgeschlossen, anderseits aber wäre es für die Christen seihst von sehr grossem Schaden. Das sollten nach der Ansicht des asemitischen Professors am deutlichsten die Comequenzen der vorjährigen hierländischen Unruhen beweisen. Infolge derselben hätten sich die Juden nur umso stärker vereinigt, indem die Oesterreichisch-Jsraolitische Union eine Enquete nach Wien berief, welche für das Judenthum von grosser Tragweite gewesen wäre. Wenn auch niemand über die Früchte dieser Enquete im Zweifel sei, so kann Professor Thullie nicht genug vor ihr warnen und gibt, um ihre Wirkung zu durchkreuzen, mannigfache „streng christliche“ Rathschläge. Die nichljüdische Gesellschaft müsse sich von den Juden ganz einfach lostreimen. Zwei Motive veranlassen ihn, diesen Rathschlag zu ortheilou .