Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Article
- Lemberg / J. H.
- Date
- 1899-10-13
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 41 „Die A Welt“ christliche Wohlthätigkeitsanstalten in die Lage kommen dürften, von dem von Herrn J o n a s z offerierten Pönale Gebrauch zu machen, da an der ganzen Sache kein wahres Wort wäre. J. H. Deutschland. Köln. Vor kurzem erstattete Herr Rechtsanwalt Doctor Bo d e n h e im e r vor einem zahlreich versammelten Auditorium Bericht über den III. Zionisten-Congress. Wir entnehmen den Ausführungen folgendes: Wie Scharen von Krähen mit Geschrei einem Heere voranziehen, das sich zum Kampfe rüstet um Erwerbung von Beute, der gefallenen Helden, so haben Antizionisten und abgefallene Parteigänger schon vor dem Gongresse denselben in gewohnter Weise durch Unkenrufe jeder Art zu descriditieren versucht. Mit Gekrächze verlassen sie nun wieder den Kampfplatz, nachdem der Erfolg sie überzeugt, dass sie der stets voi arischreitenden Bewegung kein Hindernis in den Weg legen können. Der 111. Gongress war ein weiterer Schritt vorwärts zu unserem Ziele. Es waren circa 300 Delegierte aus allen Theilen der Erde zugegen, aus Nordamerika wie aus Südafrika, aus Mittelasien und Vorderasien, aus Ost- und Westeuropa. Charakteristisch war es, dass auch 15.000 kaukasische Bergjuden vertreten waren, die auch eine Petition mit vielen hundert Unterschriften dem Gongresse übermittelten. Keinerlei Beziehungen hatten wir mit diesen, von der modernen Welt abgschlossenen Stammesbrüdern unterhalten, und doch war das Heilswort des Zionismus zu ihnen gedrungen, das sie mit Begeisterung aufgenommen haben! — Zeigte dieser Gongress auch nicht soviel an laut aufwallender Begeisterung, so hat er umso mehr an praktischer Arbeit geleistet. Die Hauptarbeit wurde in den Commissionen verrichtet, und ohne grossen Widerspruch fänden die Beschlüsse derselben als annerkannte Nothwendigkeit Annahme. Dr. Th. Herzl hat mit seiner hoch bedeutsamen Rede den Gongress glänzend inauguriert. — Dr. Boden heimer citiert dann einzelne Stellen aus Dr. H e r z 1 s Rede und weist dann die gegen die Jüdische Colonialbank gerichteten Verleumdungen zurück, dass das erforderliche Capital nicht vorhanden wäre. Im Gegen theil, das Minimum ist überschritten, die Colonialbank existiert heute! Aber die Schamröthe muss es jedem Juden ins Gesicht treiben, dass diese Verleumdungen aller Art immer nur von Juden ausgehen. Hunderttausende Stammesbrüder haben für diese Bank gezeichnet und wie ein heilig anvertrautes Gut sollen die gesammelten Kopeken verwaltet werden, nicht nur zum Segen des jüdischen Volkes, auch als nutzbringendes Unternehmen für die vielen Unternehmer. Diese .vollendete Bank ist das Facit des dritten Congresses : wir brauchen sie als Verliandlungs - Instrument mit der kaiserlich türkischen Regierung, einen Charter zu erwerben. — Es sind bereits 10.000 Juden in rein jüdischen Dörfern in Palästina angesiedelt. Im Gegensätze zu uns, den politische n Zionisten, benennen sich die Begründer und Verfechter dieser Art Colonien: Die praktischen Zionisten. Diese Praktischen von gestern und vorgestern rufen uns stets zu. wir seien Schwärmer, wir schadeten den Colonisations-Bestrebungen. Wir zweifeln nicht, dass sie selbst daran glauben. Was ist aber ihr Gegensatz zu uns? Sie haben im Herzensdrange, nur Unglücklichen zu helfen, im Lande der Väter diesen zu nützlicher Thätigkeit die Möglichkeit, eröffnet. Eine wunderschöne Idee! Für die Früchte, die sie gezeitigt, sind wir dankbar. Diese Colonisten wurden die Pionniere des jüdischen Volkes: sie bewiesen in ihrer erfolgreichen Thätigkeit, dass das durch fremde Schuld seit Jahrhunderten dem Ackerbau entfremdete Volk Männer liefern kann, die gewillt und geeignet sind, einen guten Bauernstamm abzugeben. Ein praktisches Unternehmen war es jedoch nicht, weil man auf die Gnade der türkischen Regierung angewiesen blieb. Gleichwie ein Privatmann, der ein Haus auf fremdem Boden errichtet, ohne vorher sich alle Rechte zu sichern, und dem der Eigenthümer nach Jahren einfach sagen kann : „Weg da! Du gefällst mir nicht!“ so kann es den jüdischen Colonisten nach Jahren ergehen, wenn der absolute Herr des Landes, der Sultan, sein Wohlwollen aufgibt. Ein Federstrich, und 10J 00 Juden sind wieder heimatlos! Wer schützt sie, wer hilft ihnen zu ihrem Rechte gegen die Autorität des Sultans?! Anders wir politischen Zionisten. Erst wollen wir rechtlich den Bauplatz erwerben. Von der kaiserlichtürkischen Regierung wollen wir für unsere Zufluchtsstätte ein geschriebenes Recht erhalten, ein Recht unter der Garantie der Grossmächte, dass es zu einer solchen Sicherheit für unser Volk werde, wie es sie heute nirgends auf der Erde besitzt. Die Möglichkeit gewährt der gewünschte Charter. Es ist dies ein Schutzbrief für die Colonisation, der gewisse Hoheitsrechte und Privilegien verleiht, etwa des Inhaltes, dass wir in dem betreffenden Lande das unumschränkte Recht auf Colonisation haben sollen. Unter ähnlichen juristischenCorporationsrechten sehen wir grosse Länder prosperieren. Mit grossem Bedauern sehen wir, wie ein grosser Tb eil der deutschen jüdischen Orthodoxie über unsere Thätigkeit und Bestrebungen sich aus gefälschter Quelle informieren lässt. In der „Jüdischen Presse“ treibt in dieser Beziehung ein „praktischer Zionist“ unter dem Namen „W. Hess“ Brunnenvergifcung. In einer anderen bekannten Wochenschrift bringt Dr. S. Raphael L a n d a u Berichte, die der Wahrheit ins Gesicht schlagen. Er hat dem Dr. Th. Herzl über die kaiserliche Audienz Worte in seiner Congressrede in den Mund gelegt, die Herzl nie gesprochen hat. Landau wagte. Herzl den Bericht einer antizionistischen Zeitung vom vorigen Jahre in den Mund zu legen. Wir hatten gehofft, dass Herzls Eröffnung über unseren Empfang vor Sr. Majestät nicht den billigen Spott der Banausen, sondern Begeisterung und Jubel in die Reihen der deutschen Juden eintragen würde, da klar bewiesen war, dass an mangehendster Stelle uns kein Misstrauen begegnet. Leider nicht! Psychologisch mag das so zu erklären sein, dass die deutschen Juden noch den schönen Traum der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit aller Menschen träumen und in ihrem traumhaften Zustande die helle Wirklichkeit, wie sie ihnen der Zionismus vorstellt, noch nicht zu sehen vermögen. Redner machte noch Mittheilung, dass ein zionistisches Pressbureau begründet werden soll, um unter anderen auch die vergifteten Brunnen zuzustopfen. Wanderrednersollen angestellt werden, die inj oder jüdischen Gemeinde Vorträge halten und Aufklärungen über den Zionismus verbreiten sollen. Neue Mittel zur Propaganda sollen aufgebracht werden, damit die deutschen Juden die führende Rolle, die ihnen gemäss ihrer modernen Bildung, die sich der Osten nicht erwerben konnte, zukomme, übernehmen könnten. Auf keine andere Weise können wir unserem erhabenen Landesherrn den Dank für sein uns bezeigtes Wohlwollen abstatten. Mit grossem Beifalle nahmen die zahlreich Versammelten die mit Begeisterung vorgetragene Rede auf. Eine anregende Debatte schloss sich an, in welcher noch die Herren Rabbiner Dr. Nobel, D. Wolffsohn, Weither und Marx sprachen. Viele der Anwesenden Hessen sich in die zionistische Ortsgruppe aufnehmen. Allerlei Nachrichten. Seitens des Provinzial-Schulcollegiums in Berlin wurde an das dortige königliche Polizei-Präsidium eine tabellarische Uebersieht der Berliner schulpflichtigen jüdischen Jugend übersandt, die auch in Betreff der Betheiligung am jüdischen Religionsunterrichte hochinteressante Daten enthält. Am 1. October 1898 betrug die Zahl der schulpflichtigen jüdischen Kinder 7073 Knaben, 4057 Mädchen, davon erhielten weder jüdischen, noch anderen Religionsunterricht 315, respective 676. Ein Vergleich zwischen den Winter-Halbjahren 1897/98 und 1898/99 ergibt: 1897/98 5738 Knaben, 5930 Mädchen, 1898/99 5833 Knaben, 5897 Mädchen. Ohne Unterricht: 402 Knaben, 843 Mädchen, respective 347 Knaben, 644 Mädchen. Aus diesen letzten Zahlen ersieht man am besten die Wirkung der ministeriellen Verfügung an die jüdische Gemeinde bezüglich des mangelnden Religionsunterrichtes. Eine Besserung ist unverkennbar, aber die Zahlen von 6%, respective 11 °/0 sind immerhin noch hoch genug. „Jewisli Chronicle* veröffentlichte letzthin einen sehr beachtenswerten Artikel über die Juden in Australien, in dem nachgewiesen wird, (lass die Juden im öffentlichen Leben der englischen Colonien dieses Welttheiles eine bedeutende Rolle spielen. Bemerkenswert dabei ist, dass Krön an walt J. A. Isaacs ln Victoria der Urheber eines kürzlich ins Lehen getretenen, gegen den Wucher gerichteten Gesetzes ist. In Liverpool wurde für das nächste Jahr ein Jude, Mr. Louis S. C o h e n zum Mayor vorgeschlagen. Der Candidat, der die Wahl anzunehmen sich bereit erklärte, dürfte wahrscheinlich gewählt werden, da die Majorität des Gemeinderathes die Nomination unterstützt.