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Die Welt · 1899-10-13 · 41 (13.10.1899) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
41 (13.10.1899)
Article
Protestversammlung gegen das Ritualmordmärchen
Date
1899-10-13
Page
10 (sequence 1)
Language
German
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Seite 1U „Die Welt“ Niv 41 Protestversammlung gegen das Ritualmordmärchen. Im grossen Saale des Wiener „Hotel Continental“ hielt der „Jüdische Volksverein“ am 10. (Jetober eine gegen das Ritualinärchen gerichtete Protest Versammlung ab. Die Versammlung war ungemein zahlreich besucht und gestaltete sich umso interessanter. als zum Schlüsse einer der Redner eine Reihe von Mittheilungen machte, welche in der Versammlung grosse Sensation hervo,riefen, da anzunehmen ist, dass in der Polnaer Affaire eine neuerliche Wendung eingetreten sei. Nach der Begriissung durch den Vorsitzenden Herrn E 11h ogen ergriff Rabbiner Dr. Bach (Ottakring) das Wort zu seinem Referate. Redner besprach den Polnaer Process und die Beschuldigungen, die man aus diesem Anlasse von antisemitischer Seite erhoben habe, und gegen welche das gesammte Judenthum mit aller Entrüstung protestieren müsse, Redner schloss mit den Worten: Ein Blutrituale zu beweisen ist unmöglich, dagegen steht der Schwur von Rabbinern, vor denen man Achtung haben muss, dass das Rituale nie befohlen wurde, nie geübt wurde, nicht befohlen und nicht geübt wird. Wir nehmen den Kampf auf, den Kampf um das Recht, um Gerechtigkeit und um die Wahrheit. (Beifall.) Herr Rappaport bespricht sodann die Merkwürdigkeit der Processführung gegen Leopold Hiilsner, wobei der Agitation des Pöbels nachgegeben wurde. Man hat auch mit dem Gutachten der Mediciner etwas Merkwürdiges erlebt, wobei der eine derselben zugeben musste, dass er für sein Gutachten keinen medicinischen Grund habe. In keinem Processe der Welt sei es noch vorgekommen, dass ein Sachverständiger erklärt habe, er spreche als Privatmann. Bei der Verurtheilung Hülsners ist das Gericht unter einem Terrorismus gestanden, der in einem civiiisierten Staate niemals Einfluss gewinnen darf. Dr. Ascher verlas sodann die im Musikvcreinssaalo beschlossene Resolution, welche einstimmig angenommen wurde. Nachdem noch ein Redner die Mittheilimg gemacht hatte, das Donnerstag in Brünn in derselben Angelegenheit ein grosses Protestmeeting stattfinden werde, wurde die Versamm 1 ung geschlossen. Zu einem Acte der Pietät rüstet die Fester „Chewra Kadischa“. In einem alten jüdischen Fried hole an der Waitzner Strasse, dessen Todte demnächst exhumiert worden, ruhen nämlich mehrere Todte. welche nach beendigtem Pro i h ei ts kämpfe hingerichtet wurden, ferner auch solche, die, in den Kerker geworfen, sich hier den To deskeim holten. Die „Chewra” hat nun beschlossen, die Todteil auf Kosten der ..Chewra“ zu exhumieren und ihre Gebeine mich dem neuen Friedhofe überführen zu lassen. Dort werden sie unter entsprechenden Feierlichkeiten in einem gemeinsamen Grabe beigesetzt, und auf diesem Grabe wird ein Denkstein errichtet werden, auf welchem die Namen der Helden aufgezählt sein werden. Eine confiscierte Ansichtskarte. Der Red acte ur der „Katolicke Listy“ Gustav To u zi 1 hat eine Anzahl von Ansichtskarten, die sich auf den Mädchenmord in Po Ina beziehen, ln rausgegeben. Eine dieser Ansichtskarten, und zwar jene, die die Section der .Leiche der ermordeten Agnes Hruza veranschaulichte, wurde von der Staatsanwaltschaft m i t B e s c h 1 a g b e 1 e g t. T o u z i I überreichte gegen die (!ontiscation den Einspruch, über welchen gestern vor einem Spruchsenate des Prager Landesals Strafgerichtes verhandelt wurde. Der Gerichtshof g a b d e m E i n s p r n c ii e F o 1 g e u n d hob d i e C o n f i s c a t i o n au f. Das Blutmärchen in Olmütz. Man schreibt uns aus()imütz: Die Saat von Pol na beginnt auch in unserer „Intelligenzstadt“ aufzugehen. In dem nah «.'gelegenen Dollein diente bei einer Jüdin ein Mädchen, das, ihres Liebhabers überdrüssig, sich nach Wien wandte, nachdem es die Frau gebeten hatte, den neuen Aufenthaltsort nicht zu verrat,lien. Der verlassene Galan verfolgte die Spuren der Vermissten und sie endeten in der Vorstadt von. Olmütz, Bleich. Dort wohnt ein alter strenggläubiger Jude, Vater des Olmütz er Malzläbrikanten Fi sc lil. Der Liebhaber nun - sei es, dass ihm die unglückliche Liebe den Kopf verwind, sei es pure Bosheit — verbreitete allenthalben, er habe es vom Zaune des Fisch!- sehen Gartens selbst mit angesehen, wie der Alte, mit dem Tallis angelhan, das Mädchen geschächtet habe. Obgleich das Mädchen unterdess wiederholt von seinem Fortlehen Nachricht gab, will die Aufregung unter dem hiesigen Volke nicht enden, und die Kündigungen der Mägde in Judenhäusern sind an der Tagesordnung. Vielleicht wird nun der Ohnfilzer Malzadel dem Zionismus Verständnis abgewinnen. Eg. Zw. Die Heldenthat eines Sohnes Merciers. Der Sohn des Generals Mercier, welcher als Lieutenant in einem afrikanischen Regimente dient, hatte seinen Burschen, der ihm entflohen war. auf englisches Gebiet verfol g t und i h n d o r t erschösse ii. Als der britische Vertreter Reclamationen erhob, verhöhnte Lieutenant M e r c i e r denselben. Der Zwischenfall hat zu einem lebhaften diplomatischen Notenwechsel Anlass gegeben. Wie man Juden „coionisiert“. Ein Wiener Gesinnungsgenosse theilt uns das folgende nette Gcschichtchen zur Veröffentlichung mit. Die Verantwortlichkeit für die Richtigkeit seiner Angaben müssen wir selbstverständlich ihm überlassen: Eine Anzahl brotlos gewordener Boryslawer Arbeiter wurde vor einigen Monaten von einem Agenten nach Canada geschafft und dort von einem gewissen Mendel, der sieh als Vertreter einer „Colonisations-Gesellschaft“ vorstellte, in Empfang genommen. Derselbe zeigte ihnen einen ausgedehnten Landstrich, gaukelte ihnen vor, dies sei ihr neuer Besitz, und lies« sie ein nach Paris adressiertes Schriftstück unterzeichnen, in dem er berichtet hatte, die „Colonisteir seien wohlbehalten au ge langt, und es gehe ihnen sehr gut. Sodann verduftete er spurlos und Hess die ahnungslosen Leute in der grössten Noth und Rathlosigkeit zurück. Dieselben hatten dem europäischen Agenten ihre mühsam ersparten letzten paar Gulden für seine glänzende Vermittlung gegeben. Die Abwehr. Eine Gruppe von Schülern der Lyceen Condorcet et Rollin in Paris erliess folgenden Aufruf an ihre Kameraden: „Am Vorabende des Wiederbeginnes der Schulen ist es noth wen dig. dass die republikanischen Schulen sich vereinigen, damit die Angriffe, deren Gegenstand sie im letzten Jahre waren, sich nicht wiederholen. Hat doch die Sturmflut, welche man Antisemitismus nennt, bereits auch die Lehrer ergriffen. Das muss aufhören. Wir a p p e 11 i e r e n an alle jung e n a ufric h t i g e n R e p u b 1 i k a n e r, e ine int e r scolaire L i g a z u b i 1 d e n, d e r e n Z w eck die V e r t h e i d i g u n g de r i soliertenJ u den gegen cl i e A n t i s e m i t e n w ä r e.“ Unser junges, energisches französisches Organ „L’e c h o s i o n i s t. e“ bemerkt hierzu treffend : Ist es nicht schrecklich, dass diese Kinder sich verbinden und organisieren müssen, um die armen kleinen Judenkinder gegen die Angriffe ihrer Kameraden und Lehrer zu verth ei di gen? Und wäre es nicht endlich an der Zeit, dass die Juden die Hohlheit der schönen und vielbeliebten Phrase : „Der Antisemitismus ist eine fremde Pflanze, welche auf dem gesunden Boden Frankreichs nicht gedeihen kann“, endlich e insehen und s elbst zu ihrer Vertheidigung sich au fr affen möchten V Hat sie der hochherzige Aufruf der nuithigen Jungen gar nicht beschämt V!“ Ein Freispruch. Die in Crefeld erscheinenen antisemitische „Deutsche Zeitung“ halte die Reden Pücklers abgedruckt und sich dadurch'eine Klage zugezogen. Es erfolgte ein Freispruch mit der Begründung, dass die Auflage der Zeitung eine so kleine sei, dass durch dieselbe eine Beunruhigung nicht hervorgerufen werden könne, und zweitens stünde der Redacteur auf einer so niedrigen Bildungsstufe, dass er sich der Verantwortung nicht bewusst gewesen. Das Ritualmärchen in Braunschweig, in Braunschweig ist dieser Tage ein Mordprocoss verhandelt worden, dessen Vorgeschichte auf antisemitischer Beite zur Pflege des Rit.ua 1mordrunimels benützt worden war. Es handelt sich um die Jet.ia Beider, die in Gemeinschaft mit ihrem Bruder ihr Kind auf der Fandstrasse ausgeseizt hatte. Die Geschworenen er-

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