Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Article
- Eine Protestversammlung
- Date
- 1899-10-13
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Wr. 41 „Die A Welt“ beite 7 dafür gewonnenen Priester taufen lassen und am Sabbatli verbrannt, worauf der Bischof noch am selben Tage krank geworden und verschieden sei. Eine Lüge mit einem Wortzeichen! Der Umgang mit Feuer ist den Juden am Sabbatii untersagt, aber Eberhard ist am Samstag gestorben, und der Erfinder des Märchens durfte sich nicht an das Sabbathverbot kehren, oder, es war ihm nicht bekannt. Es gibt auch Processacten über die den Juden zugeschriebene B r u n n e n v e r gi f t u n g und die von ihnen angeblich verschuldete Pest des schwarzen Todes im Jahre 1384. Warum mischen denn die antisemitischen Patrone und Stützen des christlichen Volkes nicht wieder die Beschuldigung der Hostienschändung, des Bilderzaubers und der Brunnen Vergiftung gegen die Juden auf? Ich will es Ihnen sagen. Dafür erachten sie die Urtheilskraft des christlichen Volkes, so weit es ihnen vertraut, nicht mehr für tragfähig genug, aber den Ritualmord glauben sie ihm noch aufladen zu können. (Stürmischer Beifall.)*Jn der That, wüssten diejenigen Christen, die den antisemitischen Wortführern Gefolgschaft leisten, wie wenig Urtheil und Geschichtskenntnis, ja wie wenig wahres Christentlnini diese ihnen beimessen, sie würden längst den Specnlanten, Fälschern und Ausbeutern, die mit ihrer Hetzerei einträglichere Geschäfte an den Juden machen als jemals von den Juden gemacht worden sind, längst den Laufpass gegeben haben. Wir aber sind hier versammelt, für unsere Religion und für unsere Rechte einzustehen, und darum legen wir Verwahrung ein gegen die Blutbeschuldigung, die ich als dasjenige nachgewiesen zu haben glaube, was sie ist, eine Beleidigung für uns als anerkannte Confession, eine Verhöhnung selbst des Christentums und seiner höchsten Würdenträger, und eine niederträchtige, im antisemitischen Geschäftsinteresse (tosender Beifall) wiedererweckte Lüge. Quod non credimus. Wir glauben nicht daran, hat Papst Gregor X. von dem Ritualmord gesagt, und wahrlich: er hatte recht. Soll ich es beschwören, dass an der Blutbeschuldigung kein Spur von Wahrheit ist? Ich kann es mit dem heiligsten Eide vor Gott und aller,Welt betheuern, dass ich in unseren sämmtlichen Religionsschriften nicht die leiseste Berechtigung finde für die Beschuldigung, dass die Juden oder eine jüdische Secte oder einzelne Juden Christenblut, Menschenblut zu rituellen Zwecken jemals gebraucht haben oder gebrauchen, und dass ich noch nie von einem Juden der Vorzeit oder Gegenwart Kenntnis erlangt habe, der zu dieser Beschuldigung begründeten Anlass gegeben hätte. (Langanhaltender Beifall.) Es ist unendlich traurig für uns, aber nicht minder auch für den dermaligen Stand der Humanität und Sittlichkeit, dass ausserhalb unserer Glaubensgenossenschaft sich Niemand gefunden hat, der dieser infamsten antisemitischen Beschuldigung aus freien Stücken entgegengetreten ist. Ich hätte gemeint, dass ein hoher Geistlicher, ein Kirchenfürst wie es ja früher vorgekommen ist, und wie es noch neulich die streng kirchliche „Kölnische Volkszeitung“ gethan hat, sich bewogen gefunden hätte, das christliche Volk über die Grundlosigkeit dieser Beschuldigung zu belehren. Gelten doch die Vorschriften des Alten Testaments, 3. B. M. 19, hi, „Du sollst nicht stille dastelien bei dem Blute deines Nächsten“, und daselbst 5, 1, „Wenn er nicht Zeugnis sagt, ladet er eine Schuld auf sich“ auch für sie. Und wenn ich zu ihrer Entschuldigung annehmen will, dass die Furcht vor dem antisemitischen Heerbaann ihnen zu vorsichtigem Schweigen Veranlassung gegeben hat. so gibt es doch genug unabhängige Christen von Intelligenz und Ansehen, die wohl für uns hätten Zeugnis ab legen können, zumal ja viele von ihnen in jüdischen Häusern verkehren und das Judenthum kennen zu lernen Gelegenheit gehabt haben. Aber es scheint, dass sie es mit dem Studenten Brander in „Auerbach’s Keller“ halten : Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, doch seine Weine trinkt er gern“. Bei den deutschen Kaiserkrönungen rief der kaiserliche Herold ans: „Ist kein Dalberg da?“ Wegen des hohen Ansehens dieses Geschlechtes. So hat sich uns Juden angesichts dieser infamen Blutbeschuldigung die Frage auf die Lippen gedrängt: Ist kein Zola da? Aber die Frage war eine vergebliche. Da muss ich sagen, dass es vor 500 Jahren liier in Wien besser bestellt war. Da lebte hier zur Zeit des schwarzen Todes ein Geistlicher, Conrad v. Me genberg, und er schrieb in seinem „Buch der Natur“,' der ersten deutschen Naturgeschichte, über die Anklage, dass die Juden die Brunnen vergiftet hätten, folgende Worte : „Wahrlich, ob etlich Juden das tbäten, das welss ich nicht . . jedoch weiss ich das wohl, dass ihrer zu Wien so viel waren, wie in keiner Stadt, die ich wiisst in deutschen Landen, und dass sie da allso sein* stürben, dass sie ihren Freithof weitern mussten und zwei Häuser darzukaufen. Hätten sie sich nun selber vergiftet, das wär ein Thorheit gewesen.“ Der Mann hat die Sache von der praktischen Seite aufgefasst, aber durch seine vernünftige Bemerkung gewiss Manchen aufgeklärt. Heute aber sind wir, da ausserhalb unseres Kreises sich kein Mund zur Bezeugung der Wahrheit aufthut, allein auf uns selber angewiesen. (Stürmischer Beifall.) Das macht aber nichts. Wir werden es auch allein mit den Antisemiten aufnehmen. Sie wollen die Blutiüge ga'lvanisiren, aber sie galvanisiren uns. Indem sie an unseren Lebensnerv rühren, an unsere Religion, befeuern sie nur unseren Eifer und unseren Entschluss, wie ein Mann für unsere Religion wie für unser Recht einzustehen. Ich führe Ihnen noch einen Satz aus der erwähnten Abhandlung Gustav Freytag’s von dem Judenknaben Simon Abeies an: „Die jüdische Religion hat schon siebzehnhundert Jahre bestanden, bevor der erste Christ getauft wurde.“ Und sie besteht noch! Blicken Sie aber zurück in unsere Geschichte. Als Antiochus Epiphanes den Juden an ihren Lebensnerv, an ihre Religion rührte, da schossen gleich Meteoren, die Makkabäer, die Mutter mit den sieben Söhnen auf. Diese Gestalten der Seelengrösse, der Ueberzeugungstreue und des Opfermuthes, an denen auch die Christen sich erbauen, hat das Judenthum aufzuweisen. Was aber hat der Antisemitismus aufzuweisen? Er ist die Düngerstätte, wo, wie der vorliegende Fall zeigt, veraltete und verrottete Vorurtheile ausgegraben werden, die man im Volke verbreitet, und deren giftiger Hauch die Luft wie die Gesinnung verpestet. Harren wir daher muthig aus in der Wahrung unserer Rechte und in der mannhaften Vertheidigung unserer Religion, so werden wir in diesem Kampf, den man uns allein überlässt, nicht blos uns, sondern auch der Wahrheit dienen, die kein jüdisches und kein christliches Gepräge trägt, sondern, die nach dem schönen Worte unserer Weisen das „Siegel Gottes“ ist. (Minutenlanger Beifall und Hüteschwenken.) Nach einer energischen Protestrede des GultusVorstandes Dr. Heinrich Sieger wurde folgende Resolution einstimmig angenommen. „Durch die im Kuttenberger Gerichtssaale von dem öffentlichen Ankläger in verhüllter, von dem Vertreter der PrivatbetheiJigten in unverhüllter Form gegen die jüdische Glaubensgemeinschaft erhobene Blutbeschuldigung ist unser altehrwürdiger Glaube in seinen Grundlehren beschimpft, unsere Menschenwürde und unsere bürgerliche Ehre besudelt worden. In dem Gefühle tiefster Empörung erheben wir heute an dieser Stelle versammelten österreichischer Staatsbürger jüdischer Confession lauten Protest gegen die uns angethane Schmach, die zugleich eine Erniedrigung der Wahrheit, der Gerechtigkeit und Humanität und eine Erschütterung der Rechtsgrundlagen unseres geliebten Vaterlandes bedeutet. Gleichzeitig fordern wir als u n s e r staatsbürgerliches und natürliches Recht, dass die Reg i erung d urch volle An w e n d u n g des Gesetzes solchen lügenhaften, barbarischen und fluchwürdigen B e s c h u 1 d ig un gen entgegentret e.“ Mark Twain über die luden. Es ist ein allgemein verbreiteter Irrthum, dass Mark T w a i n platterdings nichts anderes machen könne als Witze. Wenn man seinen Namen nennt, verfliegt aller Ernst, und zu seiner Ehre lassen die feierlichsten Leute ein vergnügliches Lächeln über die Mundwinkel huschen. Er ist der Humorist, der von jedem Dinge den dunklen Schleier hebt und die komische Fratze aufzeigt, die sich so gediegen zu verstellen gewusst hat. Die Lächerlichkeiten seiner Heimat sind längst von ihm erschöpft worden, und so macht er weite Reisen und lässt sich feierlich empfangen von Leuten, deren schwache Seiten er zum Dank in englischer Sprache bekannt macht. Er ist keiner von den Dutzendhumoristen, die die Missgestalten einer jeden Woche am siebenten Tage mit einem Wortwitz weiter verunzieren. Zu solchem Treiben ist man mit einer verzerrenden Brille genügend ausgerüstet. Mark Twain ist aber einer, dessen Talent vielleicht in nichts Grösserem wurzelt, als in der Eigenschaft, sehr scharf zu sehen und in einer, für uns andere unzweifelhaften Glätte Unebenheiten zu entdecken. Man hat Respeel vor dieser.;