Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-10-13 · 41 (13.10.1899) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
41 (13.10.1899)
Article
Polna und Böhmen
Date
1899-10-13
Page
5 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315838-3391120--15203-3391250
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 41 „Die Welt“ Seite 5 besonders auch Mittelschullehrern, die sich als Vorkämpfer des ■ Antisemitismus ■ hervorthun und ihre Ansichten selbst in der Schule zur Schau tragen. Damit wirken sie für die Zukunft und sorgen dafür, dass auch die kommende Generation den antisemitischen Ideen treu bleibe. So empfinden die Juden nicht nur die Gegenwart sehr unbehaglich, sondern finden auch im Ausblicke auf die Zukunft wenig Trost. Stärker als jemals muss sich ihnen jetzt die Ueberzeugung aufdrängen, dass eine andere als Selbsthilfe nicht zu gewärtigen ist. Die böhmischen Juden waren bisher unter den Juden Oesterreichs am allerschwersten für die jüdischnationalen Bestrebungen zu gewinnen; in keinem anderen der österreichischen Grönländer hat der Zionismus so geringe Ausbreitung gefunden wie in Böhmen. Dort fühlen sich die Juden auch heute noch zum Theile als Deutschnationale oder als Gzechischnationale. Doch dieses Eindrängenwollen in fremde Nationalitäten hat gründlichen Schiffbruch erlitten. Weder hat die Begeisterung der „jüdischen Deutschen“ für die deutsche Sache jemals den Antisemitismus der Deutschböhmen auch nur um eine Spur zu mildern vermocht, noch auch haben die Gzechen auf die Liehesanträge der Jüdischen Czechischnationalen“ auch nur im geringsten reagiert. Langsam, aber unaufhaltsam, gewinnt nun auch in den Kreisen der böhmischen Juden, die sich bisher am hartnäckigsten den Thatsachen verschlossen haben, die Einsicht an Boden, dass den Juden die Anlehnung an andere Nationen nicht das Geringste nützt, dass vielmehr alle Assimilationsbestrebungen nur eine Selbstschwächung bedeuten, und dass die Juden sich selbst helfen müssen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen. Wenn die Juden Oesterreichs heute einmüthig zusammenstehen, um die ihnen als Gesammtheit angelhane Schmach abzuwehren, so ist dies nicht genug. Sie müssen auch einmüthig zusammenstehen, um allen Gefahren, die ihrer wirtschaftlichen Existenz drohen, wirksam zu begegnen. In diesem festen Zusammenschlüsse aller Juden werden auch die heute besonders schwer bedrängten den sichersten Rückhalt finden; ein solcher Zusammenschluss wird Kräfte wecken, die die Summe der Kräfte aller einzelnen weit übertreffen wird, und durch ihn werden Institutionen geschaffen werden können, die nicht bloss der Noth des Augenblickes abiielfen, sondern dauernd dem Wolile und der Bhre unseres Volkes dienen werden. Dr. K. Die Woche. Wien. 12. October. Europa in Afrika. Im halbcivilisierten Süden Afrikas hat sich dieser Tage etwas zugetragen, was sonst nur im hochcultivierten, überfeinerten Abendlande zeitweilig passiert : Eingeborene sind über jüdische Geschäftsläden hergefallen, haben die Einrichtungsstücke demoliert, die Locale verwüstet, Waren gestohlen, die Eigenthümer bedroht — kurz, sie haben sich benommen wie civilisierte Europäer. Es ist eine unleugbare Thatsache : Die Kaffem des Transvaal antisemitein bereits. Das ist für die Juden schon in anthropologischer Hinsicht sehr interessant. Denn bisher lebten die Juden im dünkelhaften Wahne dahin, dass sie nur gegenüber den „Ariern“ eine inferiore Rasse wären. Jetzt, nachdem die Juden auch von den Kaffern mit unverkennbarer Missachtung behandelt werden, d ürften sie wohl ihrer chauvinistischen Aufgeblasenheit einigermassen Zügel anlegen. Wieso der antisemitische Hochgedanke seinen Weg in den Kaff ernkraal gefunden? Ich weiss momentan nicht, wie „EI epp! Hepp!“ in der Kaffernsprache heisst, es scheint aber, dass sich die entsprechenden wohlklingenden Silben dem Neger ebenso instinctiv auf die wulstigen Lippen drängen, wie etwa auf die zarten Lippen einer Wiener oder Kuttenberger christlichen Dame. Hierin decken sie sich. Alle Völker sind in dieser Philologie Autodidakten. Und es scheint, dass auch der schwärzliche Kaffernsäugling, wenn er nicht gerade zufällig bei Ziegenmilch aufgezogen wird, den Judenhass mit der Muttermilch einsaugt. Arme Juden! Ueberall „Schwarze“. In Wien, inPolna, in Paris arbeiten die Schwarzen gegen die Juden, und die Schwarzen in Afrika thun desgleichen, wenn auch ohne frommen Augenaufschlag. Durch die Transvaal er Exeesse ist den Juden eine schöne Hoffnung geknickt worden. So mancher San de c er Jude mochte zur Zeit der galizischen Judenexcesse von Urwäldern geträumt haben, von exotischen Gegenden, wo nur Wilde wohnen und keine galizischen Bauern. Die Wilden sind nun sozusagen geplatzte Seifenblasen. Der Wilde ist kein „Wilder“ mehr, er schwört Stein und Bein aufs antisemitische Parteiprogramm. Ja, wir erleben es vielleicht noch, dass der friedliche Missionär, der früher unbehelligt durch Negerdörfer ziehen konnte, nach guter europäischer Sitte von den Negerbübchen mit Steinen beworfen und dann massacrierfc wird, weil er eine Blechschale auf dem Ränzlein trug. Oder ein jüdischer Hausierer, der bei einem afrikanischen kannibalischen Volksstamme Zahnstocher und Essbestecke feilbietet, wird von schwarzen Geschworenen zum Tode verurtheilt, weil in der Gegend eine „bildhübsche“, ebenholzfarbene Negermaid verschwunden ist. Und dann stellt sich vielleicht heraus, dass ihr eigener Vetter, weil sie nicht nur „bildhübsch“, sondern auch, ziemlich feist war, sie nach Kannibalenmanier zum Nachtmahl verzehrt hat. Oder es stellt sich auch nicht heraus, weil dem Vetter, bei dem auf die feisten Bissen die Gewissensbisse folgen, von der antisemitischen Partei des Landes neuerlich einige fette beruhigende Bissen in den Mund geschoben werden, so dass er schweigt und kaut. Ja, den Wiener Antisemiten kann man den warmen Erdtheil nicht warm genug ans Herz legen. Man führe für die Bedürfnisse der Afrikaner die Wiener antisemitischen Blätter ein. man importiere für die leiblichen Bedürfnisse der Neger ferner Knopflöcher mit den dazu gehörigen Westen und Jacken, damit die Neger die weissen Nelken hineinstecken können, man führe ferner einige agitierende Damen vom antisemitischen Wiener Frauenbund ein, und die Ereignisse werden gewiss einen freudigen Verlauf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.