Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Article
- Orientalische Autonomien
- Date
- 1899-10-13
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 41 „Die Welt44 Seile 3 je gehört von autonomen Provinzen unter türkischer Herrschaft?* Nun, man hat von solchen gehört, sie bestehen und blühen, und es wäre auf s dringendste zu wünschen, dass diese und andere heute in der Türkei bestehenden Verhältnisse besser bekannt wären. Dann würde man dem Zionismus nicht mehr vorwerfen können, dass er arme, verzweifelnde Menschen mit lockenden Zukunftsbildern betrügt. In meiner Schilderung orientalischer Autonomien, wie sie in diesem Artikel und bei späteren Gelegenheiten geboten werden wird, ist nichts Neues enthalten — nichts, das nicht jeder finden könnte, der sich die Mühe nimmt, es zu suchen, aber die Thatsachen an sich sind zionistische Argumente der denkbar besten Art. Die Insel Samos ist fast unmittelbar an der Küste Klein-Asiens gelegen und umfasst ein Areal von 468 qKm. Die Einwohnerzahl betrug 1894 (letzte Zählung) 48.666, unter denen sich nur 614 Ausländer befinden, von denen wiederum 565 Griechen sind. Gegenüber dieser geringen Anzahl von Fremden auf Samos leben auf dem benachbarten Festlande nicht weniger als 13.500 Samioten, ausserdem leben in der Türkei und in anderen Ländern noch 3500. Die Samioten sind eine albanesische Mischrasse mit sehr geringem griechischen Element. Das tapfere Verhalten der Bevölkerung während des griechischen Befreiungskrieges (Aufstand 1821) veranlasste die Mächte (England, Frankreich und Russland) zugunsten der Insel zu intervenieren und es wurde das Abkommen getroffen (11. December 1832), dass Samos unter der Souveränität des Sultans ein autonomes Fürstenthum bilden solle mit einem christlichen Fürsten an der Spitze, der von der Pforte zu bestätigen wäre. Der dem Sultan zu zahlende Tribut wurde auf 30ü.000 Piaster festgesetzt. Dies entspricht also bei der heutigen Bevölkerungsziffer einem Satze von 6 Piaster per Kopf. Ausser der Zahlung dieses Tributes hat Jarnos kaum etwas von der türkischen Oberhoheit zu fühlen. Die Regierungsform ist in Kürze diese: Der von der Pforte bestätigte Fürst ist Chef der Executivgewalt. Die Insel ist in vier Districte gethoilt, die 8 Senatoren nominieren, von denen* der Fürst vier auswählt. Diese bilden die eigentliche Regierung. Ausserdem existiert eine gesetzgebende Körperschaft von 37 Deputierten. Auch eine „Armee“ ist vorhanden — sie besteht aus 80 Mann, zu denen noch 10 Mann Gendarmerie kommen. — Die Fahne des Fürstenthums weht auf allen öffentlichen Gebäuden, sie ist roth und blau horizontal gestreift, mit einem weissen Kreuz am Fiaggenstock. * * * „Samos — a study in autonomy“ (Samos und seine Autonomie) betitelt sich ein Artikel von W. Miller in der angesehenen englischen Zeitschrift .The Speaker* (Jahrgang 1898, Seite 579 ff.). Da mir durchaus nicht daran liegt, Eigenes zu bringen, so halte ich es für das Beste, den erwähnten Artikel stellenweise zu eitleren. „In Verbindung mit der kretischen Frage wurde soviel von der Autonomie auf Samos gesprochen, während doch so wenig über die Verwaltung der Insel wirklich bekannt zu sein schien, dass ich sehr begierig war, nach Samos zu gehen, um mich selbst zu überzeugen, wie es sich mit anderen Theilen des türkischen Reiches vergleichen lässt. Mein Besuch hat mir über allen Zweifel hinaus bewiesen, welche immensen Vortheile eine autonome Provinz über die unter direct er Herrschaft des Sultans stehenden Länder besitzt. Ein orientalisches Sprüchwort sagt, „dass, wo des Türken Ross hintritt, kein Gras mehr wächst“, und für die Richtigkeit der Maxime sprechen all die zahlreichen Inseln des ägäischen Meeres, die als nackte Felsen aus dem griechischen Freiheitskampfe hervorgiengen. Samos aber ist der lieblichste Fleck Erde im ganzen Orient. Wenn man in den schönen Hafen von Vathy einläuft, glaubt man in eine Märchenscene versetzt zu sein, wo die Natur ihr Meisterstück vollbracht hat. Schon wenn man am Quai landet, so sprechen die schmucken, weissen Häuser und sauberen Strassen von einem Wohlbefinden der Einwohner und einer trefflichen Verwaltung, wie sie selten sind im Orient.“ Nachdem der Verfasser noch bei der Vorzüglichkeit des Klimas, der geringen Sterblichkeit (13 von 1000), bei der grossen Sicherheit des Landes etc. verweilt hat, schliesst ©r etwa wie folgt: „Das Experiment einer Autonomie hat sich auf Samos als ein vollständiger Erfolg erwiesen und würde auch auf anderen türkischen Inseln einen grossen Fortschritt bedeuten, nicht bloss im Vergleich zu der Art, wie griechische Bevölkerungen anderwärts unter türkischem Scepter leben, sondern auch gege nüberderhohenBesteuerung und schlechten Verwaltun g imKönigreicheGriechen- 1 a n d.“ Der Aufsatz im „Speaker“ ist vom April 1898 datiert — aber schon 10 Jahre vorher, also zu einer Zeit, als die kretische Frage noch nicht so stark zu Vergleichen anregte, sagt ein anderer Schriftsteller fast das Gleiche. In den „Annales de TExtreme Orient“ (Tome XI, 1888—1889) findet sich ein Artikel von Bernier, „La principaute de Samos“, in welchem ebenfalls empfohlen wird, eine ähnliche Autonomie wie die samische in Greta, Chios, Mytilene, Rhodos etc. zu etablieren, und in dem ebenfalls ein Anschluss an Griechenland als nicht wünschenswert hingestellt wird, da die Inseln bei einem solchen Regierungswechsel nur schlecht fortkommen können. Der Verfasser rühmt die öffentlichen Einrichtungen, die Schulen, den Aufschwung von Handel, Gewerbe und Schiffahrt. Eine fünfzigjährige Ruhe hat alle Verhältnisse so consolidiert, dass der Wohlstand der Bewohner fast von Tag zu Tag wächst. Miller erwähnt das auffällige Factum, dass Samos allein unter allen grossen und kleinen Ländern dieser Erde sich eines besonderen Vorzuges erfreut — der Abwesenheit einer National-Schuld. Etwas noch Merkwürdigeres berichtet Bernier, und das wirft ein besonders bezeichnendes Licht auf das Vasallenverhältnis der Insel zur Pforte: „Ein Gesetz bestimmt, dass Muhammedaner auf dieser türkischen Insel kein Land besitzen dürfen!“ S o lebe Autonomien existieren im Reiche des Sultans. — — — Polna und Böhmen. Böhmen, das fortgeschrittenste Kronland Oesterreichs, steht heute im Vordergründe der antisemitischen Bewegung in Oesterreich. Nicht Wien, dessen Bewohner zum Theile noch immer durch ihre leichte