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Die Welt · 1899-10-06 · 40 (6.10.1899) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
40 (6.10.1899)
Article
Der Talmudbauer
Date
1899-10-06
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 40 Seite 15 „Die 2$x Welt“ auch kein Jüngling mehr! Und nun sprach er sogar von ihm, von ihm, der nicht aufzublicken wagte. „Ich möchte diesen meinen jungen Freund gerne an der Seite Ihrer Brüder sehen". „0, wir können kräftige Hände brauchen! Ich heisse Mirjam,“ wandte sie sich zu Chajim. „Und wenn Sie arbeiten wollen, die Weinlese steht vor der Thüre, ich werde mit meinem Vater und meinen Brüdern darüber sprechen. Kommen Sie nur zu uns." Chajim stammelte verlegen: „Ich habe Vater und Mutter hier und kann sie nicht verlassen“; und als er von der Mutter sprach, da erschrak er: »0, und sie ist zuhause und hat kein Wasser, Herr Doctor! Ich habe ganz vergessen!" Nun schämte er sich, dass er vor dem fremden Mädchen von ihrer Noth gesprochen. „Kein Wasser!* rief Br. Rapp. „Wir wollen dazu sehen“. * * * Frau Malke hatte durch des Doctors Vermittlung Wasser bekommen und auch die Hitze war gegen Abend erträglicher geworden, der Wind hatte umgeschlagen und der sonngedörrten Stadt rasche Kühlung gebracht, wie dies auf der Höhe des Gebirges so häufig geschieht. Dennoch wälzte sich Chajim schlummerlos auf seinem Lager, bald IM das Blut eilig und heiss durch seine Adern, bald lag er matt und hilflos. Was war geschehen? Was gieng mit ihm vor? Gestern noch freute er sich, der dumpfen Studierstube entlaufen zu können, mit kräftigem Arme den Hammer zu schwingen und heute? Warum zauderte sein Sinn? Sein Vater schien das bessere Theil für ihn erwählt zu haben,, hier war er sicher und geborgen, umgeben von der Schutzwehr des Gesetzes der heiligen Lehre, da draussen aber — — er mochte es nicht ausdenken — wie sie dem fremden Manne ins Gesicht gelacht hatte, wie sie ihm vertraulich die Hände schüttelte! Freilich, da draussen in den Colonien' mögen sie nichts dabei finden, ihnen fehlt die rechte Scham. Sie sollen arge Sünder sein. Wie sagt doch der Talmud? „Wer schamhaft ist, sündigt nicht leicht". Nein, wie eine Sünderin sah sie nicht aus! Es lag nichts Böses in ihrem kleinen, lieblichen Gesichtchen, und doch — warum so vertraulich mit einem Manne, den sie zum erstenmale im Leben gesehen hatte? Was würde sein Vater, was würden seine Genossen aus dem Beth Hamidrasch zu einem solchen Mädchen sagen?“ Es genügt nicht, vor Gott unschuldig zu sein, man muss auch vor den Menschen so erscheinen,“ lehren die Weisen. Er schloss die fieberhaften Augen, drückte sie fest zu, als wolle er sich vor dem Bilde schützen, und je mehr er es aus seiner Seele zu entfernen suchte, desto klarer stand es vor ihm, dieses süsse, kleine, weisse Gesichtchen mit dem schelmischen Naschen und den sprechenden Augen. Wie begeistert sie von ihren Brüdern gesprochen hatte, wie selbstbewusst von deren Arbeit und von ihrem Besitze! Wie sie den Bruder rühmte, der die vielen tausend Weinstöcke pflegt und bearbeitet, und von den anderen jungen Leuten! — Hm, arbeiten mögen sie können, aber wer weiss, wie es mit ihrem Wissen steht! Er möchte es einmal versuchen, ihnen auf den Zahn zu fühlen und ein grosses Hilches tosefos vor ihnen aufzurollen. Nein, nie wird er dort hinausgehen und von diesen stolzen Leuten, die ihm wahrscheinlich im Wissen so wenig ebenbürtig sind, etwas lernen. Arbeiten, ja arbeiten will er, aber in Jerusalem bei Tag arbeiten und den Abend dem Studium widmen; das soll die Losung seiii. Am nächsten Tage schon will er mit dem Doctor das Nähere besprechen. Vorerst gieng er am nächsten Morgen zur Post. Viele seiner Bekannten sandten allwöchentlich einige Briefe nach Europa; er hatte mit wundem Herzen zwei Bittbriefe nach Europa geschrieben an Leute, deren Adressen sein Vater kannte und wandelte nun täglich zur österreichischen Post in dem Hared el Arnem, um zu sehen, ob jene frommen und mildthätigen Männer, an die man sich gewendet hatte, etwas Geld geschickt hätten. Beide Briefe waren mit dem Vermerk zurückgekommen: „Adressat verstorben.“ Das war der Grund, weshalb die kleine Unterstützung seit Jahr und Tag ausgeblieben war. Nun war jede Hoffnung geschwunden. Die Chaluka war durch Vorschüsse aufgezehrt, das Haus leer von Lebensmitteln — der Vater mochte was immer einwenden, die Noth forderte gebieterisch eine That von ihm. Draussen vor dem Jaffathore wurde , ein neues jüdisches Hospital aufgebaut, an dessen Leitung Dr. Rapp betheiligt war, der musste ihm Arbeit verschaffen! Arbeit wollte er, Arbeit, kein Almosen! Und schliesslich, es kann ja nicht jeder Weinstöcke pflanzen, es muss auch Handlanger, Steinmetze und Maurer geben. Zum erstenmale in seinem Leben gieng er am nächsten Tage um die Frühstückszeit mit einer Unwahrheit auf den Lippen aus der Stube. „Ich will sehen, ob ich Milch und Brot verschaffen kann," sagte er zur Entschuldigung und dann eilte er spornstreichs durch die kleinen, schmalen Gassen hinauf zum Davidsthurm, beim Jaffathore hinaus, die Strasse entlang, weit hinaus zum neuen Bau. Er setzte sich auf ein behauenes Werkstück, niemand achtete seiner. Die Steinmetze sassen bei der Arbeit, die Meissei klangen, die Splitter flogen mit Krachen durch die Luft den Arbeitern ins Gesicht, an die Augengläser, die jeder zum Schutze trug. Er sah, wie aus den unregelmässigen Steinen nach und nach Ecken und Flächen hervortraten, einzelne Arbeiter schlugen Ornamente in den Stein, glätteten Ränder und Ecken; dann sah er, wie hinter dem sich erhebenden Gebäude der Stein aus der Erde gelöst wurde. „Die Oeffnung, die entsteht,“ erklärte ihm ein Arbeiter, „dieses grosse Loch wird zu einer Gisterne benützt“. Mit welcher Sicherheit die Leute sich bewegten, wie sie freudig die Blöcke loslösten, auf einer schiefen Bahn in die Höhe schoben; ihre Arbeit gibt Kraft und Sicherheit, vor allem die Sicherheit des Erwerbes: sie alle wissen, was sie heute zu Mittag essen werden, sie wissen, dass sie ihren Schlafplatz bezahlen können, er aber wohnte in einer wohlthätigen Stiftung und harrte der Geschenke. Das musste ein Ende nehmen! Zum Glücke kam auch bald Dr. Rapp, den Bau zu besichtigen. Chajim trug ihm sein Anliegen vor. „Jede Arbeit, Herr Doctor, jede! Steine schleppen, Mörtel tragen, aber nur Arbeit! Wir brauchen Brot!" (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. Stud. phil. Victor Kassner. Wir bitten um die derzeitige Adresse. Zionistischer Student. Ihre Anregung haben wir wohl erwogen. Die Sache ist nicht leicht. Wir würden uns dem Vorwurfe aussetzen, aus einer ab gern einen Calamität politisches Capital zu schlagen. Darum wäre eine selbständige Agitation durchaus nicht am Platze. Dr. med. M. Schlaposchnikow, Charkow. 8. W. Kagarlitzky, Nikoiajew; Zionsvereine, Nikolajew; J. Eisenstadt, Jaffa; 8. Ackermann, Cor. Pitt, N. Y.; 8. Regierer, Nikolajew; Noel Bring; N. Benjamin, Cor. Pott, N. Y. Wir erwidern Ihre Gratulation aufs Herzlichste.

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