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Die Welt · 1899-10-06 · 40 (6.10.1899) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
40 (6.10.1899)
Article
Jüdischer Volkskalender für das Jahr 5660 [Rezension]
Date
1899-10-06
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 Nr. 40 „Die H Welt" Glanz verleiht, ist ein Aufsatz von Max Nordau, „Praktischer und politischer Zionismus“ überschrieben. Nordau führt in diesem Aufsatz alle diejenigen ad absurdum, die — vermuthlich im besten Glauben, aber aus einer haarspalterischen Denkweise heraus — Gegensätze im Zionismus construieren möchten, Gegensätze, die lediglich in der Einbildungskraft ihrer Erfinder vorhanden sind. Die Bezeichnung „praktischer Zionismus“ sei einfach ein Pleonasmus. Der Zionismus könne gar nicht anders sein als praktisch, was aber den p o 1 itisch e n Charakter der Bewegung nicht nur nicht ausschliesst, sondern direct zur Voraussetzung hat. Ohne Zweifel: Dieser Aufsatz wird sehr viel zur Klärung der Meinungen, namentlich in Galizien, beitragen. — Einen Beweis ihrer Objectivität liefert übrigens die Redaction, indem sie im Kalender auch zwei Aufsätzen Raum gibt, in denen Anschauungen verfochten werden, die in vielfacher Beziehung von den Erörterungen Nordau s abweichen. Wir meinen die Aufsätze von J. A. Lubetzlcy und Dr. A. Salz. Von den literarischen Arbeiten des Kalenders wären in erster Reihe „Die Abbrändler“, eine Skizze aus dem Leben der Juden in Russland, zu erwähnen, deren Verfasser M e n d e le Mocher-Sforim ist. Mendele Mocher-Sforim versteht es wie kein Zweiter, die jüdischen Volksmassen, ihr Leben und Treiben zu schildern. Dabei schreibt er eine Prosa vor einem wunderbaren Wohllaut, die alle Kenner des Jargons geradezu entzücken muss. Diese Skizze müsste ins Deutsche übertragen werden. — In seinen „Liebesbriefen mit fremder Hand“ beschwört A. S. Fried b erg Erinnerungen aus weiland der Aufklärungsepoche in Russland herauf. Er versteht es, dem damaligen jüdischen Leben humoristische Seiten abzugewinnen. — R. B rainin ist mit 2 Beiträgen vertreten. In der Plauderei „Bei Professor Trockmann“ schildert er den Eindruck, den die neue national-jüdische Bewegung auf einen ganz in seine Bücher und Forschungen versenkten jüdischen Professor der semitischen Sprachen macht, der die neuen Strömungen im jüdischen Volke, das er todt, glaubt, nicht zu begreifen vermag. Die Zeichnung, die er von dem pedantisch-steifen Gelehrten entwirft, ist meisterhaft. In der kleinen Skizze „Vom Congress“ beschreibt Brainin den mächtigen Eindruck, den ein eigens zum Congress nach Basel gereistes christliches Mädchen aus Amerika auf ihn machte, mit dem er hebräisch conversierte. Unsere jüdischen Mädchen — und auch Männer — könnten sich an dieser Amerikanerin ein Beispiel nehmen .... Auch des actuellen und lesenswerten Aufsatzes von Jos. Klausner: „Die Erziehung des Volkes“ soll hier Erwähnung geschehen. — Der Redacteur des Kalenders, G. Bade r, gibt eine kritische Uebersicht der Neuerscheinungen in der Jargonliteratur und wirft einen Rückblick auf die Ereignisse des verflossenen Jahres. — Auch zwei Illustrationen enthält der Kalender: ein Gruppenbild der Colonisten von „Machnajim“ und ein Porträt Max Nor da us. Zu letzterem hat G. Bader einen kleinen Essay über Nordau als Schriftsteller und Zionist (aus Anlass seines 50jährigen Geburtstages) geschrieben. Alles in allem: ein Volkskalender in des Wortes vollster Bedeutung, der sehr geeignet ist, auf unsere Volksmassen belehrend und auf klärend einzuwirken und dem deshalb die weiteste Verbreitung zu wünschen ist. Sein billiger Preis — 50 kr. — ermöglicht es unseren Gesinnungsgenossen, ihn zu Agitationszwecken zu verwenden. J. Z. Dorf und Ghetto. Von Wilhelm 6 o I d b a u m. An einem dunkeln Herbstabend passierte Albert Tr a eg er, der bekannte deutsche Lyriker und Parlamentarier, die Hohenzollernstrasse im Berliner Westend. Er beschleunigte seinen Gang, denn es wehte ein scharfer Wind, der ihm dicke, kalte Regentropfen ins Gesicht trieb. Da gewahrte er im Laternenschein vor sich einen untersetzten, breitschultrigen Mann, der, des schlimmen Wetters nicht achtend, langsam und in sich versunken auf dem Trottoir dahinschlich. Als er ihm näher kam, erkannte er ihn; es war Berthold A u e r b a c h. Verwundert fragte er ihn, ob er bei der unglücklichen Witterung nicht furchte, an seiner Gesundheit Schaden zu nehmen. Da lehnte sich der Achtundsechzigjährige wie hilfesuchend an seine Schulter, und vom Munde kam ihm herzzerreissende Klage. Er gehe mit sich zu Rathe, stöhnte er, ob er nicht eine Audienz bei dem alten Kaiser erbitten, und ihn namens seiner Glaubensgenossen um Schutz gegen den Antisemitismus anflehen solle. Es war die Blütezeit der Stöcke Eschen Agitation, und wie eine persönliche Schmach empfand der Dichter der „Schwarz wälder Dorfgeschichten“ die wüsten Ausschreitungen, zu denen der Hofprediger seine Anhänger aufreizte. Traeger beschwichtigte den Tiefgebeugten, der noch wenige Jahre vorher so frisch und mannhaft gewesen war und nun seines Lebens nicht mehr froh werden konnte, weil er es nicht verwand, als Deutscher verleugnet zu werden. Siech und traurig schleppte sich Auerbach wenig später nach Nizza, um an Sonnenschein und Seeluft sich aufzurichten, aber die Energie war zerbrochen, und als er sich im Angesichte des südlichen Meeres zum Sterben niederlegte, waren seine letzten Phantasien ergreifende Klagen über die grausame Zerstörung seiner Ideale. Nach zwanzig Jahren noch war Traeger tief bewegt-, als er mir von jener Begegnung in der Hohenzollernstrasse erzählte. Und allerdings wie ein Trauerspiel mit der tödtlichen Empfindung des Schiffbruchs endete Auerbachs Leben. Eine lange, glückliche Fahrt hatte er hinter sich gehabt, und plötzlich, knapp vor dem Haien, war an einer jähen Welle sein Boot zerschellt. Nichts hatte der Sohn des jüdischen Lehrers aus Nordstetten im schwäbischen Schwarzwalde heisser erstrebt, als den Ruhm, ein deutscher Dichter zu sein, und die Gewissheit, sein Deutschthum von niemandem angezweifelt zu sehen. Von der Erzählung jüdischer Schicksale („Spinoza“, „Dichter und Kaufman“) hatte er sich schon in jungen Jahren mit bewusster nationaler Tendenz der Darstellung des Bauernlebens zugewendet und überraschenden Erfolg geerntet. Ferdinand Freiligrath hatte ihn stürmisch begrüsst und ihm dafür gedankt, dass er gekommen, Für ein Jahrhundert den Beweis zu führen, Dass nicht erstorben deutsche Treu’ und Sitte. Jakob Grimm, der deutscheste aller Deutschen, hatte ihm die Ehre erwiesen, seine „Schwarzwäl der Dorfgeschichten“ und sein „Neues Leben“ unter die Sprachquellen des grossen Wörterbuches einzureihen. Er selbst hatte in seinen Romanen „Das Landhaus am Rhein“ und „Waldfrierl“ volle nationale Accorde angeschlagen, während des Krieges mit Frankreich mit allen Fibern dem nationalen Triumphe entgegen geharrt, und in einem rührenden Liede den Elsässern, den „lieben Brüdern mein“, den Willkommgruss zugerufen. Seinem Wesen, das immer durch ein wunderbares Gemisch von naiven und selbstgefälligen Impulsen bewegt war, hatte sich etwas von der freudigen Gemüthsruhe eines Dichterpatriarchen zugesellt, nachdem die deutsche Kaiserin ihn zu ihrem Vorleser auserkoren hatte und ihm durch diese Auszeichnung der Beweis geliefert war, dass er als deutscher Dichter der Festigkeit seines nationalen Piedestals vertrauen durfte. Da plötzlich, wie wenn ein Orkan an den Mauern eines hochragenden Hauses rüttelt, schien alles unter ihm zusammenzubrechen, alles zumal, was er in anderthalb Men sehen altern wie einen Schatz aufgehäuft und behütet hatte. Wo er gieng und stand, hörte er den gellenden Hep- Hep-Buf, ward er daran erinnert, dass Ahasvers Leidensweg noch nicht zu Ende. Und vergebens blickte er nach Schutz aus, denn mit kaum verhehltem Liebäugeln Hessen di»’ Obrigkeiten die wilde Meute gewähren. Und der Dichter, der für die Literatur das deutsch»’ Bauernthum entdeckt hatte, sah die Mauern des Ghetto sich von neuem erheben, sah sich selbst schon in das Ghetto zu rückgeschleudert. Er starb, ohne von dieser Furcht befreit zu sein. In diesem tragischen Geschick liegt ein Zusammenhang zwischen Dorf und Ghetto verborgen, der d»‘i’

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