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Die Welt · 1899-10-06 · 40 (6.10.1899) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
40 (6.10.1899)
Article
Prag / N. P.
Date
1899-10-06
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 40 „Die H Welt« Seite 9 zwischen der französischen und der czechischen Presse und folgerte!aus der infamen Haltung beider, dass die Juden. Schulter an Schulter mit ihren christlichen „Volksgenossen“ für die nationalen Rechte der czechischen Nation einfcreten müssen. Seine Erörterungen fanden ungeteilten — .Widerspruch. Der nächste Redner war Dr. Max Reiner. Er trat den Ausführungen Arnsteins entgegen und gab seiner heftigen Entrüstung über das schmachvolle Verhalten der gesummten czechischen Nation beredten Ausdruck. Rauschenden Applaus weckten insbesondere seine Schlussworte, in denen er die „czechisch-gesinnten“ Juden aufforderte, ihre „nationalen“ V ereine zu s c h 1 i e s s e n, da dieselben unter den derzeitigen Umständen nicht nur gar keine Wirkung üben können, sondern überhaupt für die J u d e n demüthigen d s i n d. In gleichem Sinne sprachen die Herren Eckstein und Brumelik, während Dr.Bon dy undDr. Singer „unentwegt“ auf ihrem Czechenthum beharrten, da ja bekani}termassen das czechischeVolk die Blume und Zier der Menschheit sei und die Herren als Czechen geboren, beschnitten und erzogen seien und als solche daher auch sterben wollen. Dr. Reiner ergriff sodann nochmals das Wort und sagte, er sei von seinen Vorrednern missverstanden worden. Auch er sei ein guter Czeche und werde es immer bleiben, aber — aber — die „Volksgenossen“ haben in der Polnaer Affaire ein schändliches Benehmen zur Schau getragen, wir stolzen Czechen jüdischen Glaubens dürfen uns dies nicht bieten lassen und darum geh' in ein Kloster, Ophelia, — schliessen wir unsere czechisch-nationaien Vereine, aber — aber — bleiben wir gute Czechen, treue Volksgenossen derer von Polna und Kuttenberg. Noch sprachen die Herren Sfcransky und Dr. Scharf, beide als unbeirrbare Hurrah-Czechen und als donnernde Eiferer gegen — gegen die „jüdischen Fehler“. Namentlich Scharf excellierte in der Aufzählung derselben. Zischen begleitete seine Worte. Das war aber auch alles. Rausch ender e Kundgebungen vermochten seine empörenden Worte nicht hervorzurufen. O Fleisch, wie bist Du verlischt worden. —- N. P. Deutschland. Nürnberg. Eugen Her z, ein Bruder des bekannten verstorbenen Erlanger Professors Herz, ist am 7. September, mittags, einem Schlaganfall erlegen. Eugen Herz, selbst besitzlos und von der Unterstützung eines in Wien wohnenden Bruders lebend, hatte seine ganze Existenz in den Dienst der Armen gestellt. Er war unaufhörlich bemüht, für seinen Wärmestuben- und Wohlthätigkeitsverein Freunde zu werben und genoss wegen seiner selbstlosen und aufopfernden Thätigkeit die Achtung aller. In der That war Eugen Herz ein trefflicher Mensch und von einem wahren Wohlthätigkeitsfanatismus beseelt, obgleich er selbst in nichts weniger als glänzenden Verhältnissen lebte und sich manches versagen musste, um für seine Armen sorgen zu können. Er war seines leider zu früh verstorbenen Bruders, des grossen Arztes und idealen Menschen, Gross-Almosenier. Professor Herz hatte die Gewohnheit, von seinen zahllosen Patienten kein Honorar zu verlangen; von den wenig Bemittelten und Armen nahm er gar nichts, von den Reichen nur, was ihm freiwillig geboten wurde — er ist auch arm wie eine Kirchenmaus aus der Welt gegangen, bei einer Praxis, aus welcher andere Hunderttausend© gezogen hätten. Wenn nun der Professor einen Patienten hatte, der nicht nur ärztlichen Rath und Arznei, sondern auch Geld behufs besserer Pflege brauchte, dann musste sein Bruder Eugen zu den reichen Patienten gehen, was er auch gewissenhaft und mit Nachdruck that, und so ist manche hübsche Summe in die Hütten der Armen, in denen Krankheit und Notli ei ngekehrt war, gewandert. Dem Wunsche des Verstorbenen entsprechend, wurde die Leiche von hier zum israelitischen Friedhofe in Baiersdorf gebracht, woselbst die Grosseltern, und Eltern des Dahingeschiedenen, sowie sein Bruder (der bekannte Erlanger Professor) ruhen. Eine stattliche Trauerversammlung hatte sich bei der Beerdigung eingefunden, Männer aller Confessionen waren von hier nach Baiersdorf gereist, um dem edlen Manne die Letzte Ehre zu erweisen. Der Wärmstuben- und Wohlthätigkeitsverein, den der Verstorbene gegründet hatte, liess einen Kranz niederlegen; ein Vorstandsmitglied des hiesigen Vereines für Krankenpflege durch Niederbronner Schwestern legte mit einer Ansprache einen Kranz nieder, und die Niederbronner Schwestern selbst Hessen auch am Sarge einen Kranz niederlegen. Allerlei Nachrichten. Die vom Staatsanwalte des Landesgerichtes G 1 o g a u beim Reichsgerichte eingelegte Revision gegen das freisprechende Erkenntnis in Sachen des bekannten Rittergutsbesitzers Grafen Pii ekler wurde abgewiesen mit der bereits vom ersten Richter gegebenen Urtheilsbegründung, „dass der Angeklagte an Wahnvorstellungen leide, die, verbunden mit fanatischer Begeisterung für die antisemitische Sache es erklärlich erscheinen lassen, dass er sich der möglichen Wirkung seiner Rede nicht bewusst war“. Der Procurator des „heiligen Synods“, der obersten Kirchenbehörde in Russland, P o b e d ono c z e ff, erklärte jüngst einem Interviewer in Wien, dass er sich dagegen verwahre, ein Judenfeind zu sein, wobei er sich auf seine „intime“ Freundschaft mit dem Baron und der Baronin Hirsch berief. Er sagte, die Massregeln gegen die russischen Juden fielen gar nicht in sein Ressort, denn die Judentrage in Russland sei längst keine religiöse Frage mehr, sondern ein ökonomisches Problem. Durch seine guten Eigenschaften sei der Jude dem russischen Bauern so sehr überlegen, dass man d a r u m Massregeln gegen die Juden ergreifen müsse. * Die amerikanische „Jewish Publication Society“ zählt nach dem neuesten Berichte 4*800 Mitglieder. An ihrer Spitze stehen die angesehensten Männer der amerikanischen Judenheit und ihre Veröffentlichungen erwecken das Interesse der gebildeten Kreise aller Confessionen. Der Lehrkreis setzt sich aus circa 300.000 Personen zusammen. Die Ausgaben betrugen in den letzten 10 Jahren fast 100.000 Dollars. Man geht in Berlin damit um, für Deutschland einen ähnlichen Verein zu gründen, der die Benennung „J ü d i s c h e B i b e 1g e s e 11 s c h a f t“ tragen soll und dessen ochöpfer den Zweck verfolgen, unbemittelten Juden die Bibel in guten, wohlfeilen Ausgaben zugänglich zu machen. £ Die Herausgeber der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums“ in Breslau beabsichtigen, zur Erinnerung an Professor Dav i d K a u f m a n n ein Gedenkbuch herauszugeben, und richten an alle Freunde und Verehrer, die mit dem Verstorbenen im Briefwechsel gestanden haben, die Bitte, diejenigen Briefe, welche für das Charakterbild und die wissenschaftliche Bedeutung des Entschlafenen von Wert sind, ihnen zur Benutzung zu überlassen. Der in weiten Kreisen der Berliner jüdischen Bevölkerung bekannte frühere Verlagsbuchhändler Siegmund G erstma n n, feierte jüngst seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar ist Besitzer zahlreicher jüdischer Ehrenämter und wurde durch Glückwünsche und Ehrengeschenke von den verschiedensten Seiten ausgezeichnet. * Nach einer dreissigjährigen Thätigkeit als Director der bekannten jüdischen Realschule „Philanthropin“ in

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