Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / R.
- Date
- 1899-10-06
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die Hl Welt?4 Nr. 40 verhängt. — Das dumme Gänschen! Warum ist es nicht zuhause geblieben? Einer Dame mit solchen Anlagen wäre es vielleicht gelungen, als Hausbesorgerin oder Stubenmädchen im deutschen Botschaftspalais zu Paris unterzukommen, und dann hätte sie ungestört ihrer Neigung fröhnen können, geliebt und geachtet von den Spitzen der französischen Gesellschaft. — Bleibe in der Heimat und nähre Dich redlich! Hülsner hat wieder gestanden. Er hat gestanden, dass er nicht gestanden habe. Sein Geständnis sei nur eine von der Todesangst erpresste Lüge gewesen. In acht Tagen werden die Blätter vielleicht wieder Gelegenheit haben, zu melden, Hülsner habe gestanden, dass er letzthin keineswegs gestanden, dass er vielmehr das vorletztemal wirklich und wahrhaftig gestanden habe. Und in weiteren acht Tagen wird er vielleicht wieder gestehen, dass er etc. etc. ad infinitum. * * * ln Pilsen hat die jungczechische Bevölkerung die reichen Mineralschätze des Landes dazu verwendet, um den Juden die Scheiben einzuschlagen. Die Sprachenverordnungen sollen nämlich wieder aufgehoben werden und das stimmt die Jungezechen trübselig. So gehen denn die Sprachenverordnungen, wie sie gekommen: Unter dem Klirren israelitischer Fensterscheiben. Bei der Einführung der Sprachenverordnung flogen die Steine aus germanischen Fäusten, beim Verschwinden der Verordnungen aus slarischen Fäusten. Man sieht also, dass die mimische Aeusserung des Seelenschmerzes einen gemeinsamen Zug bei allen Völkern aufvveist: den Zug gegen die israelitischen Scheiben. * * * Die Haager Friedensconferenz ist doch nicht so ganz erfolglos gewesen. Die verschiedenen Mächte zeigen nicht die geringste Lust, sich mit kriegerischen Verwicklungen zu befassen. Das zeigt sich jetzt bei der Transvaalfrage. Keine einzige Macht zeigt Lust, sich mit den Differenzen der Engländer und Buren zu befassen. Man würde es kaum glauben, welchen Höhepunkt die Seuche des Antisemitismus in Wien bereits erreicht hat. Selbst öffentliche Functionäre, wie die Kaffeehauskellner, sind von ihr nicht frei geblieben. Dieser Tage haben wir in einem Cafe folgende bezeichnende Scene mitangesehen : Ein jüdischer Gast verlangt das „Freradenblatt“. Und der Kellner bringt ihm mit tückischem Lächeln — die „Welt“. R. Weltchronik. Der Mord in Polna. Die beiden von Hülsner als Mörder ler Anna Hruza bezeichneten Juden Josua Erbmann und Salomon Wassermann wurden am 4. Oct., um b Uhr lachmittags aus der Haft entlassen. Die Confrontation mit lern Zeugen, der am Tage nach dem Morde zwei Juden in der Gesellschaft Hilsners gesehen habe, konnte die Identität der beiden Beschuldigten nicht sicherstellen, weshalb hre Enthaftung erfolgte. Sie wurden mittelst Wagens nach Colin gebracht, von wo sie die Reise nach Prag antraten. Wie uns von vertrauenswürdiger Seite im letzten Uigenblicke vor Schluss des Blattes mitgetheilt wird,;teht in der Affaire von Polna eine sensationelle Wendung bevor. Die Schuldlosigkeit Hülsners dürfte sich, wenn unser Gewährsmann gut unterrichtet ist, schon in den nächsten Tagen mit zwingender Beweiskraft herausstellen. Der Verdacht der Mordthäterschaft hat sich in den letzten Tagen auf eine Spur gelenkt, die man schon anfangs verfolgte, dann aber wieder aufgab. Näheres zu sagen sind wir in diesem Augenblicke nicht in der Lage. Die Juden an der Wolga. Ungefähr seit 10 Jahren macht sich in den russischen Städten, die an der Wolga gelegen sind, ein grosser Zuzug von Juden bemerkbar. Sie sind in verschiedenen Branchen des dortigen Handels, und zwar hauptsächlich als Commissionäre thätig. Namentlich betreiben sie den Umsatz von Getreide, Naphtha und Fischwaren. Besonders viel Juden gibt es in Saratow und Zorizyn. In diesen Orten arbeiten sie sogar als gewöhnliche Taglöhner hei der Verfrachtung von Fisch waren. Die Einwanderung der Juden geht den christlichen Kaufleuten selbstverständlich wider den Strich, weshalb die Behörden fortwährend mit Petitionen überschwemmt werden, in denen ein Einwanderungsverbot gegen die Juden gefordert wird. Ueber Verfügung des Ministeriums des Innern wurde nun in Saratow vor kurzem eine specielle Commission eingesetzt, welche sich mit der Frage beschäftigte und zum Schlüsse gelangte, dass das jüdische Element auf dem Gebiete des Handels in diesen Ortschaften unentbehrlich sei. Eine Erklärung Jouaust’s. Der „Pester Lloyd“ bringt eine telegraphische Nachricht aus Paris, die für die Beurtheilung des Schuldspruches in Rennes von höchstem Interesse ist. Bekanntlich entspann sich in der Pariser Presse eine Discussion über die Frage, welche Mitglieder des Kriegsgerichtes es waren, die ihre Stimmen für die Freisprechung Dreyfus’ abgegeben haben. Man dachte vorerst an die Gapitäne Beauvais und Parfait, diese aber nahmen die ihnen zugekommenen Gratulationen nicht an. Auch die übrigen Richter wiesen die Beglückwünschungen, welche man später an sie adressierte, entschieden zurück. Bloss der Präsident des Gerichtshofes Oberst Jouaust und Oberstlieutenant Breon gaben keine ähnlichen Erklärungen ab. Hieraus wurde geschlossen, dass es die beiden genannten Richter waren, welche für den Freispruch gestimmt hatten, Nun wird dem „Pester Lloyd“ aus Paris telegraphiert, Oberst Jouaust habe an den „Figaro“ einen Brief gerichtet, in welchem er bestätigt, einer jener Richter gewesen zu sein, welche mit „Nein“ gestimmt haben. Anfangs sei er von der Schuld Dreyfus’ überzeugt gewesen, doch gewann er nach längerer, wohlüberlegter Prüfung der Dinge die feste Ueberzeugung, dass Dreyfus unschuldig sei. Bei dem sichtbaren Uebelwollen und Misstrauen, mit welchem Oberst Jouaust die Verhandlung gegen Dreyfus leitete, hätte eine solche Erklärung nicht wenig zu bedeuten, sie wäre in den Augen jedes halbwegs Vernünftigen eine eclatante Rehabilitierung des von der antisemitischen Meute gehetzten und durchaus zum Verräther gestempelten Gapitäns. Ein Denkmal für einen jüdischen Märtyrer der Freiheit. Unter dieser Ueberschrift berichten ungarische Blätter über eine Action, die die Bürgerschaft der Stadt Güns im Eisenburger Comitate unternahm, um dem in dieser Stadt begrabenen jüdischen Officier der Achtundvierziger Nationalgarde, Bernhard Schöntag, ein imposantes Grabdenkmal zu errichten. Als im Jahre 1848 in Ungarn der Freiheitskampf ausbrach, Hessen sich bekanntlich auch sehr viele Juden in die ungarische Freiheitsarmee aufnehmen und kämpften heldenmüthig mit. Mehrere von ihnen starben den Heldentod, Einer von den tapfersten war Schöntag, der