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Die Welt · 1899-10-06 · 40 (6.10.1899) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
40 (6.10.1899)
Article
Der sociale Geist des Judenthums und das jüdische Volk
Date
1899-10-06
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 Nr. 40 „Die H Welt“ Studium wird man nicht nur die Geschichte der Classen bei den Juden hüben, sondern man wird auch noch feststellen können, dass im Schosse der Gemeinden der Classenkampf immer lebendig war. Ich kann hier nicht zahlreiche Thatsachen eitleren — die Sache wäre eines Specialstudiums wert — wenn man aber gerade ein Beispiel finden will, so wird als solches wenigstens für die Juden im 17. Jahrhundert das gelten, wie die Reichen die progressive Steuer, welche die „Carriere“ eines jeden beherrschte, beseitigen und sie durch die Personaleinkommensteuer ersetzen wollten und wie sie gleichzeitig das System der Gemeinde - Repräsentanz derart zu ändern suchten, dass die Kleinhändler und Handwerker in den Rathssitzungen nicht mehr hätten vertreten sein können.*) Man wird auch constatieren, dass kein Volk eine so grosse Zahl von Armen besitzt, als das jüdische Volk. Anfangs, als der Krieg in Israel verabscheut wurde, war der erstrebenswerte Stand der eines Armen und Gesetzesgelehrten. Die Reichen rechneten cs sich zur Ehre an, eine zahlreiche Clientei von Bedürftigen und mehr oder weniger armen Gelehrten um sich zu haben. Die Geschichte eines Abarbanel in Spanien und eines Nassi in der Türkei ist in dieser Einsicht sehr charakteristisch. Audi die Verhältnisse mussten viel dazu beitragen, eine so ungemein grosse Classe von Hilfsbedürftigen zu schaffen. Ackerbauer bei sich zuhause, auf ihrem eigenen Grund und Boden, Handelsleute nach der Zerstreuung, wurde ein Th eil der Juden unter den christlichen Nationen zu Zwischenhändlern zwischen Europa und dem Orient. Nach der grossen ökonomischen Bewegung der Kreuzzüge ergriff die katholische Bourgeoisie schutzzöllnerische Massregeln zugunsten ihres eigenen Handels und verschloss den Juden — nicht ohne unter ihnen vorher ein Blutbad angerichtet zu haben — die Handelsstrasse nach dem Orient, beschränkte sie so darauf, innerhalb der Nation mit den Bauern Handel zu treiben und drängte sie dadurch in die kleinbürgerlichen Kreise zurück. Andererseits bildeten sich die Corporationen auf religiös-christlicher Basis, sie verjagten den jüdischen Handwerker, drängten ihn in niedrigere Berufe, verpflichteten ihn, fast ausschliesslich nur für seine jüdischen Brüder zu arbeiten und trugen auf diese Art dazu bei, in jeder jüdischen Gemeinde eine entsetzliche Kategorie von Arbeitslosen zu schaffen. Sowie der Jude dieser Situation zu entgehen suchte und zeitweilig Privilegien erhielt, erhoben sich die Genossenschaften der Kaufleute und die Innungen der Handwerker gegen ihn. Das kann man besonders im 17. Jahrhundert bemerken, zur Zeit, als die Gesetzgebung weniger grausam gegen die Juden verfuhr. Man braucht nur die Geschichte der jüdischen Kaufleute in Bordeaux, Angoumois oder Languedoc nachzulesen. Fast zur selben Zeit protestierten die Diamantenarbeiter in Amsterdam gegen die jüdischen Diamantenarbeiter. Sie verlangten gewisse Vorrechte und das Verbot für die jüdischen Arbeiter, am Sonntag zu arbeiten. Die ökonomische Situation der Juden hat sich in unseren Tagen nicht geändert. Wie gestern, wie immer, besteht auch jetzt die Theilung in Classen unter ihnen; sie sind hauptsächlich Städter, ihre Bourgeoisie gehört fast in ihrer Gesammtheit dem Handel und der Industrie an, mit Ausnahme einer kleinen Anzahl, die zu einem Theile aus lntellectuelleu, zum anderen aus der bürgerlichen haute finance besteht. Die ungeheure Mehrzahl ist immer noch zu einem Proletariat formiert, das im russischen Territorium, in Galizien, Rumänien und Bulgarien und in den gewaltigen Massen von London und New-York concentriert ist. Die officiellen Enqueten über das Sweatingsystem haben in diesen beiden Centren erwiesen, dass der jüdische Kleinmeister seine Proletarier, die doch derselben Rasse angegehören, schwer drückt. Dasselbe geschieht in den grossen Industriestädten Russlands, z. B. in Lodz und Berditschew, in gewissen Districten Galiziens, wo periodische Arbeitseinstellungen jüdische Arbeitgeber und jüdische Arbeiter einander feindlich gegenüberstellen. Neben diesem Proletariat aber, das sich in Holland, England und Amerika zu organisieren verstanden hat, vegetiert noch ein ganzes Volk von Arbeitslosen dahin, ein Lumpenproletariat, wie es in keiner anderen Nation besteht, eine Menge von Bettlern, die zusammengedrängt ist in den Steppen Russlands und Polens, in Algier und im Orient. Doch, ich will hier keine Studie über die jüdischen Arbeiter oder die jüdischen Armen liefern. Es genügt mir, ihre grosse Zahl zu constatieren und die Thatsache, dass sie fast die Gesammtheit des jüdischen Volkes bilden. Sie sind so zahlreich in Russland (nach der Zählung von 1887 *) Bardinet: Revue der jüdischen Wissenschaft. XXXVllI. •ÜlH.hou Arbeiter- und 80.844 Taglöhner; nicht mitinbegriffen sind bei der Zählung die Armen, die Arbeitslosen, ferner die ganz ideinen Händler, Hausierer etc., die noch elender leben als die Arbeiter und sechsmal zahlreicher sind als sie), in Rumänien und Bulgarien, dass die christlichen Arbeiter sich über ihre Concurrenz beklagen. Ebenso ist es in London — es gibt ihrer 60.000 nur in Whitechapel, darunter 10.000 Arbeiter — und in New-York, wo man ihrer mehr als 200.000 zählt, und wo eine Bewegung in den Trade-Unions gegen sie merkbar wurde, da man sie beschuldigte. dass sie den Arbeitslohn herunterdrücken. Das ist wahr, denn das jüdische Proletariat ist das elendeste von allen, da es nicht nur seine eigenen Reichen gegen sich hat, sondern auch die Reichen und Armen der Völker, in deren Mitte es sich befindet. So hat uns also das Studium der Lehren dieser Bücher — der Bibel und des Talmuds — keineswegs bei den Juden einen socialen Geist, der auf dem Schacher basiert, finden lassen; das Studium dessen, was Marx das „empirische Wesen“ des Juden genannt hat, erwies ihn auch nicht. Anderen, als den Juden, mu.<s man also die Entwicklung des mercantilen. industriellen oder (kapitalistischen Systems zuschreiben, und eskonnte nur durch ein ungenügendes Studium des ökonomischen Zustandes der Juden in der Vergangenheit und Gegenwart geschehen, dass man so sprechen konnte, wie es eines Tages Jaures nach Marx gethan hat, und dass man mit der übergrossen Mehrzahl der jüdischen Schriftsteller annehmen konnte, dass das unglückliche Geschick dieses Volkes auf seinem Gewinnste im Handel beruhe, dass der Capitalismus sein Werk sei, und dass es sich ihm in einer verhältnismässig viel heftigeren Weise hingehe und mehr durch ihn leide als jedes andere Volk. Man hat den Juden bisher nur in seiner Bourgeoisie studiert, es ist an der Zeit, ihn auch in seinem Proletariat kennen zu lernen, diesem wahrhaft bedeutenden und charakteristischen Gros der Nation. S. W. Oesterreichs luden.4-) Von Rudolf Kohn-Schlackenwerfch. Von all den Völkern, die in unserer weiten Monarchie neben einander leben müssen und sich, so gut es geht, vertragen müssen, gibt es nur eines, das von allen gleiehmässig gehasst und verachtet wird, das sind die Juden. Die anderen Völker und Völkchen haben Freunde und Feinde, Bundesgenossen und Gegner, aber nur gegen dieses eine kleine Nation dien concentriert sich der Abscheu aller. Das ist auch weiter kein Wunder. Die anderen Völker, deren Emancipation um die Mitte dieses Jahrhunderts begonnen hat, haben ihren festen Wohnsitz, von festen oder schwankenden Grenzen, an denen sich die nationale Eifersucht reiht, umgeben, die Juden allein haben sich mitten unter den anderen Völkern nach zweitausendjähriger Erniedrigung erheben müssen, sie haben mitten in den trägen Teig einheitlicher Rassenentwicklung den Sauerteig einer gänzlich verschiedenen Rasse gebracht und^eine stürmische Bewegung hervorgerufen, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Indem sie mit einer zweitausend Jahre unterdrückten Energie daran giengen, ihr Plätzchen an der Sonne zu erobern, haben sie mit ihrer explosiven Beweglichkeit, mit ihrer durch die Vererbung der Knechtschaft vervielfachten Anpassungsfähigkeit in einzelnen Berufen, in die sie von dem noch immer lauernden Judenhass und der ungesetzlichen, aber noch immer bestehenden Juden sperre für viele Berufsarten gestossen wurden, alle Concurrenten überflügelt und allen anderen Völkern wehe gethan. Ihre ungeheuerliche Vermehrung in den Juden noch offenen Beschäftigungskreisen oder wie ihre Feinde behaupten, das jüdische Zusammenhalten und ihr schlechterer Charakter haben bewirkt, dass es in Oesterreich heute nur noch wenig nichtjüdische Advocaten, Journalisten, Schriftsteller, Aerzte, Grosskaufleute und so weiter gibt. Was das Zusammenhalten anbelangt, so *) Wir entnehmen diesen Artikel einer im Verlage .von Carl M i n d e (Leipzig) erschienenen Broschüre: „Oesterreich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts“ von Rudolf K olm- Schlackenwerth.

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