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Die Welt · 1899-09-29 · 39 (29.9.1899) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
39 (29.9.1899)
Article
Der Prinz von Homburg und Moriz Hülsner
Date
1899-09-29
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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„Dir H Welt« Seite 12" Die. Lebensgier! Wie ist sie in die Menschencreatuf eibj gewühlt und ßingebohrt, und wenn der grause Vertolger Lyd herannaht, wie. LLmpkt, sie um. -jedey.Lcdritt,. wje flüchtet sie yoq Stelle zu Stelle und hofft noch .immer» einen letzten Schlüpf zu entdecken, in den hinein sie sich retten könn e l ' Typisch dafür und unvergessbar uns .im Gedächtnisse geblieben ist,;was wir. einmal von einem praktischen Lebens- und Todesphilosophen erzählen hörten, dem Mitgliede einer Leichenbruderscliaft, zu deren freiwillig geübten Obliegenheiten auch das Nachtwache** bei Sterbenden gehörte.J So sass denn unser Mann um mittet nächtige Zeit am Sterbelager eines Achtzigjährigen, der wirklich unter einer seltenen Complication erschwerender Umstände e# bis in die Achtzig gebracht hatte. Er war reich gewesen und im* Alter erst um sein Vermögen gekommen, er hatte alle Angehörigen verloren and war im Leben einsam zurückgeblieben, er war zudem krank und blind geworden — eine Coricürrenz von Schicksalsschlägen also, die wohl nach üblichem Allefweltsbegriffe den Tod als Erlöser und Befreier erscheinen lassen konnten. Nun war er endlich da, auf die Stunde liess sich sein Eintreten berechnen, immer schwerer und keuchender giengen die Athemzüge des Kranken, plötzlich aber richtete er sich auf, griff krampfhaft nach der Hand des am Bette Sitzenden und sprach mit Anstrengung, aber mit einer düsteren Feierlichkeit des Tones zu ihm: „Ich habe eine Frage an Sie. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort; dass Sie mir sie'wahrhaftig beantworten werden.* Peinlich von der Seltsamkeit des Moments gefasst, erwiderte der andere : „Mein Ehrenwort kann ich nicht geben, bevor ich höre, was Sis wisset wollen. Fragen Sie." Und der Kranke, angstvoll beklommen: „Muss ich sterben?“ Worauf jener wieder, noch mehr aus der* Fassung gebracht: „Bevor ich Ihnen darauf antworte, sagen Sie mir zuerst: Sind Sie bereit zum Sterben?“ Nun ein aus dem Tiefsten der Brust sich herausringender, langgedehnter Seufzer, wie ein schmerzvollster Klage hall,' und die vom bittersten Resignationsweh erfüllten Worte dazu: „Wenn ich muss .. .!“ Dieses elende Compendinm alles erdenklichen Menschenleides vermochte sich noch nicht der Lebensgier zu entschlägen. Die Bekundungen der in Todesängsten zuckenden Lebensgier sind es, welche das psychologisch interessierende Moment in der jüngsten Wendung des Kuttenberger Processes bilden. Dieses Moment haben wir berühren zu können geglaubt, ohne dabei irgendwie den Ergebnissen der weiteren gerichtlichen Untersuchung zu präjudicieren oder in den „ außergerichtlichen -. streit der Parteien einzutreten -— von der schandbaren Lächerlichkeit des Ritualmord-Gezeters vollends abgesehen. Wie die beiden Enden der Menschheit, die oberste, vornehmste Stufe und 5 die seelenniedrigste, in dem Lebenstriebe und der Lebensgier ein menschlich Verbindendes finden, das hat uns zur Betrachtung angeregt: der Prinz von Homburg und Moriz Hülsner. „Wiener Tagblatt". Tribüne. Löbliche Redaction! Ein tragisches Ende hat ein hiesiger Glaubensgenosse am 9. September gefunden. Ein jüdischer Fiaker namens Abraham H. Sternberg kam zufällig hinzu, wie zwei Antisemiten zwei jüdische Knaben misshandelten. Er fragteeinen von ihnen, was der Grund der Misshandlung wäre. Statt jeder Antwort stiess ihm der Befragte ein Messer in die Herzgegend. Der Unglückliche verschied auf der Stelle. Er hinterlässt eine Witwe und sechs unmündige Kinder im tiefsten Elende. Wir appellieren an die Humanität aller Menschenfreunde, den bedauernswerten Hinterbliebenen über das erste Elend hinwegzuhelfen. Spenden nimmt der Verein „Bene Zion“, Dolma, entgegen. Für den Verein „Bene Zion“ : Leib Litwak, Dohna. Spenden fürjdie Hinterbliebenen des erstochenen Abr. Sternberg. Redaction der „Welt“ ............... 10 fl. Spenden für Boryslaw. Dr. L. G o 1 d w a s s e r, Präsident der Haschachar, Krakau, Reinertrag vom Cömmers der akademischen Jugend, der Vereine „Bär Kochba“ und „Haschachar“. fl. 105.23 Propper Josefine in Wasserpuppen . . . ., . „ 2.— Summe . fl. 107.23 In Nr. 38 äüsgewieseri . „ 1031.39 Totale . fl. 1138.62 Nr J Vöii* nun;;än 4nrd eliia Beilage„.Mjttheilungeiide8 werden.;/v Vereinsnaehrichten mßssen spßte^ens ain lliiiwoeii bei der Redaction siniaiMn, Wenn sie lfr der tfäiWichert- WocheAufnahraeflndensollßn. Weltchronik. Scheurer-Keslner’s Leichenbegängnis. "DM L eiche hH e* f g ä h g hi s Sehe u r e r - K e S trföris gestattete A sich zhf einer grossartigen Kuhdgebuhg; Th das Tranerhatis der Rue Pierre Charroh in den Chainps ElysiSes strömten vörh Vormittag an zahllose Theilnehmer, um sich ih die auf* liegenden Listen einzutragen- und man musste" schliessIifeKdie Listen auf der Strasse ’ auflegCn. Um V* 3 Uhr setzte Sicht der Zug in Bewegung. Auf dernLeichenWagön ruhen mir "die; Kränze der Famile, desSenätslhndderElsass-Lothringef; zwei andere Blumen wagen sind über und über mit Riesend kränzen bedeckt. Hoch oben sieht niän ah* einem KfaMe von Rosen und Stiefmütterchen eine Lila-Schleife mit der Inschrift: „Herrn Scheurör-Kesfcner in grenzenloser Dahkbarkeit. Alfr e d Dr ey fus". Darunter ein wuydervMex Kranz aus Orchideen mit einer Schleife, auf der in Gold-, lettern steht: „Ehre dem Apostel der Wahrheit - Sarah Bernhardt." Andere Kranzschleifen tragendie Xnschiiffh „Verband der Frauen Frankreichs;“ Gruppe rü8sischer y e rehrer“ etc. Einige Rietzän* kränze folgen auf besonderen Gestellen nach, so der der Franzosen aus O'alifornien, der ddr¥e .rechts -Liga und der der „Äurore“. HihM -dem; Leichenwagen schreiten, die Zipfel des Bahrtuches trhgehd;; Brisson, Fall!eres, Si e gfried und Kahc elimer^ ihnen folgt der Senat,, seine Huissiers an der Spitze^-danh eine schier endlose Reihe von Theilnehttiern zifNMäWid'. in Wagen, darunter viele Damen. Auf dem ganzeh Weg|; vom Trauerhause durch die-phamos •EiysäesJ::iimäht^\uNr/ die Place de la Concorde, die Rue ftoyale und die Bpüieyäfiih: zum Ostbahnhofe machte eine respektvoll; harrende- Menge zu beiden Seiten des Fahrweges dichtes Spalien Ni hg e';hfdfs; ertönte ein Ruf, überäH herrschte feierliche ^Uer Ber;i Trauerzug umfasste nicht nur Körperschaften,.Abordnuhgen und persönliche Bekannte i Scheurer's,; (Jas. Gej^ager üdSffi. ihm vielmehr die Tausende Von frei williKeh LÄMägenMi, hauptsächlich aus den iritellectu eilen Schichten,' dbe “ älcii zwanglos anschlossen. Man sah, dass sieK^h0h M$mn 2U Grabe trugen, der allen besseren Elementen;,eines; ganzen Volkes abgestorben ist. M a t h i e u D r e y f u s war VM Carpentras herbeigeeilt, um dem Todten namens der Familie die letzte Ehre zu erweisen: auch Picqua^t war?chk^Von Ministern sah man Deerais, Laness an,; jB.audife L e y g u e s und Jean Dupu y. Auf dem Bahnhöfe sprachen Rane, Ratier, Renou (namens der republikanischen Jugend) und Ex-Minister Si egfri e d, > welcher namens der elsass-lothringischen Vereinigung dem Todten; alseinem! der edelsten Söhne der elsässischen Heimat das, letzte; Lebewohf zurief und in bewegter Rede die That. seines Lebens priest Nach den programmgemässen Reden sprach \R r o n von den Kämpfen, die Scheurer's,: MannesmuM > zündenden Worten, die . in üer Versammlung ein bewegtes Echo fänden. Als er schloss, erscholl, es von .aHen Seiten v ,jEs lebe die Republik!$ „Es lebe: die GsreÄLtjOkeitz M ^Etzre seinem Andenken W Man folgte Brisson, iVu seinem- Wagen und bereitete ihm eine Ovation.. Brisson, aehr bewegt, sagte : „Ja, meine, Freunde,,lieben wir die Republik, aber hören wir niehk äuf"sib LuVerkhMdig— Pi c q u a r t wurde gleichfalls begfnsst,' Md Verden die Rufe laut: „Es lebe Picqüäri! Es lebe die Republik!" Der Sarg wurde mittelst Bahn nach T h än'h üteVführt.; " "; J Cenfiscation. - Die Brunner Staatsanwaltschaft hat die im Verläge von Anton *Odehhal erschienene Broschüre^^Rituelhi razdi ü Zidu a zo je fpih söüdeti“^-'-(„Die Ritilalgah^db* hei den Juden ün<f was davon zu'.d^ken Mecinsky, confisciert und deren Weiterverbreihmg^verb Die Broschüre würde in den letztenr Tagen mäsäenhM & Böhmen ünd Mähren verbreitet' und Ridtänberg, Polna und Umgebung.

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