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Die Welt · 1899-09-29 · 39 (29.9.1899) · p. 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
39 (29.9.1899)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1899-09-29
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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tir. 39 - Seite 7 „Die Welt“ Herzog von Orleans (behaglich): Siehst D j, Kind, das kommt davon, wenn man eine Jüdin küsst. Herzogin (beim Waschtische, weinerlich): Jetzt wasch’ ich mir schon zehn Minuten mit Eau de Cologne die Lippen und ich spür’ immer noch etwas, wie — wie — Herzog: Du musst stärker frottieren, liebes Kind. Herzogin (erbittert): Spott’ nur noch! Wegen der lumpigen hunderttausend Francs muss ich die widerlichsten Dinge machen. Herzog: Ich werde mich jetzt drei Tage lang wohl inacht nehmen, die Herzogin auf die Lippen zu küssen. Herzogin:. Das könnte mich mit Frau Porges aussohnen. Der Herzog hat übrigens gar keinen Grund, zu höhnen — ein Orleans hat Esterhazy geküsst. Herzog: Nun, der ist doch noch appetitlicher! Nicht? Herzogin (seufzt). * * * Die Tagesereignisse sind so toll, dass man sie bloss zu photographieren braucht, wenn man vollendete Caricaturen erhalten will. — In Nassaberg, in der Nähe von Chrudim, hat ein bei einer jüdischen Familie bedienstetes Mädchen bei der Behörde die Anzeige erstattet, dass ihr Dienstgeber täglich vor dem Frühstück ein Gläschen Blut zu sich nehme. Wem er das Blut ab gezapft habe, wisse sie nicht, aber das Versteck des rituellen Getränkes sei ihr bekannt. Die Behörde, die aus den Zeitungen über die rituellen Liebhabereien der Juden informiert ist, ergriff mit Freuden die Gelegenheit, einen Juden auf frischer Schandthat zu erwischen, und Hess sofort nach dem Blute fahnden. Und richtig fand sich eine rothe Flüssigkeit vor — übermangansaures Kali, mit dem sich die Familie täglich die Zähne zu putzen pflegt. * * Eine Lieblingsbeschäftigung der österreichischen Antisemitenliga ist es bekanntlich, möglichst viel Parallelen zwischen der Polnaer Geschichte und der Dreyfus-Affaire herzustellen. Alle Lumpereien, auf denen die französischen Dreyfus-Gegner seinerzeit ertappt worden, sucht man jetzt zur Revanche auch den österreichischen Juden anzudichten. Dieser Tage hiess es nun, die Juden hätten dem Hülsner einen mit Gift gewürzten Gugelhupf ins Gefängnis geschickt, damit der Gefangene sich daran erquicke. — Wer hat nicht sofort in dem besagten Gugelhupf einen lieben, alten, französischen Bekannten wiedererkannt — das Rasiermesser Henrys? * * * Die Wiener Antisemiten sind mit dem Sinken der Donau sehr unzufrieden. Das Wasser ist nämlich gesunken, ohne dass vorher der Donaucanal auf den Einfall gekommen wäre, die Leopoldstadt ausgiebig zu überschwemmen. * * * „Jud’! Jud’!“ „Halten Sie das Maul!“ „Polna!tf „Reden Sie nicht so weiter! Wir werden mit diesem Gesindel schon fertig werden!“ Wo diese Plauderei stattgefunden? In einer „vertraulichen Sitzung“ der Wiener Stadtväter. Das ist nämlich dort der „vertrauliche“ Ton. * -r- * Die Wiener Antisemiten sprechen immer von einer „Verjudung“ der Wiener Universität, und sie haben nicht so unrecht. Man braucht nur den jetzigen Rector Magnificus Prof. Dr. Wilhelm Neumann ins Auge zu fassen. Womit beschäftigt er sich? Er ist Professor der semitischen Sprachen. * * * Moriz Jokai befindet sich mit einer Jüdin auf der Hochzeitsreise. Von Jokai war nichts anderes zu erwarten. Der Mann hiess schon zeitlebens Moriz, jetzt hat er seinen jüdisch zugestutzten Namen naturgemäss an eine Jüdin vergeben. Herr und Frau Moriz Jokai befinden sich auf der Hochzeitsreise. Erwin Rosenberger. Carpentras. „Der begnadigte Dreyfus hat in Carpentras bei seinem Schwager Valabregue Aufenthalt genommen.“ Diese Notiz, welche alle Zeitungen brachten, machte das Städtchen im Vaucluse, das innerhalb Frankreichs als Gegenstück zu Tarascon das zweifelhafte Renomme eines Schilda geniesst, auch ausserhalb Frankreichs bekannt. Carpentras ist eine der ältesten Städte Frankreichs. Schon vor der Eroberung Galliens durch die Römer bestand dort eine Stadt, welche Plimus Carpentoracte nennt. Im Jahre 527 unter dem Pontificate des Papstes Felix IV. und der Regierung des Gothenkönigs Atholarich von Italien fand in Carpentras ein Kirchen-Concil statt. Zur Berühmtheit gelangte Carpentras mit der ganzen Grafschaft Vaudessin, als Papst Clemens V. im Jahre 1313 seine Residenz aus Rom dorthin verlegte. 70 Jahre residierten die Päpste in Avignon. Aber nicht bloss weltgeschichtlich spielten die Schwesterstädte Avignon und Carpentras eine Rolle, sondern sie sind auch in der Geschichte der Juden denkwürdig. Die Juden kamen mit den Römern als Geschäftsleute oder Flüchtlinge nach Süd-Frankreich, Ihre Zahl muss in der Provence ziemlich gross gewesen sein, denn Marseille wird geradezu die „hebräische Stadt“ genannt. In der Zeit der Gründung des Frankenreiches durch Chlodwig wird auch schon der Judengemeinde von Carpentras Erwähnung gethan. Als die Juden aus Spanien und Portugal verjagt wurden, fand eine gewisse Zahl derselben im kleinen Kirchenstaate innerhalb Frankreichs, in der Grafschaft Venaissin, Zuflucht, ja mehr noch, sogar gewisse Freiheiten und Begünstigungen. Papst Clemens VII. nahm die Juden von Avignon und Carpentras in seinen besonderen Schutz und bedrohte diejenigen, welche ihren Frieden antasten sollten, mit dem Kirchenbanne. Während sie aus dem ganzen übrigen Frankreich vertrieben worden waren, durften sie in Carpentras sogar Grundbesitz erwerben. Zwei reiche Brüder, Samuel und Bondion Crescas aus Carpentras genossen hohes Ansehen bei den päpstlichen Behörden und waren vielleicht sogar päpstliche Finanzmeister. Im Jahre 1570 mussten auch die Juden von Carpentras den Wanderstab ergreifen, und wanderten — wie alle aus unduldsamen christlichen Gebieten Verwiesenen nach der Türkei, wo sie die beste Aufnahme fänden — wenn sie dieselbe glücklich erreichen konnten und nicht unterwegs von dem maltesischen Raubritterorden aufgefangen und ausgeraubt worden sind. Als die französische Nationalversammlung neben den Erklärungen der Menschenrechte auch die bürgerliche Gleichstellung der Juden decretierte, befanden sich in ganz Frankreich beiläufig 50.000 Juden, davon der grösste Theil im Eisass. Das eigentliche Frankreich wies nur einige wenige Judengemeinden auf, deren grösste die von Carpentras war. Sie umfasste 700 Familien mit über 2000 Seelen. In Paris lebten kaum 500 Juden. Ausserdem bestand eine Gemeinde in Bordeaux, grösstentheils aus Nachkommen der Marrannen bestehend, und deren Tochtergemeinde in Bayonne. Vereinzelt wohnten noch wenige Juden in Rouen, Dieppe und einigen anderen Städten im Norden Frankreichs. Die Gemeinde von Carpentras hatte einen eigenen Ritus, abweichend von dem deutschen und sephardischen, und ein eigenes Rabbinat, und hielt sich ln vornehmer Absonderung von der übrigen Judenschaft. Schon damals galten die Valabregues als die vornehmste Familie der Judengemeinde von Carpentras, und sind es bis auf den heutigen Tag geblieben. Sie zeichneten sich auch vielfach im öffentlichen Leben aus, und zwei von ihnen haben als französische Dichter und Schriftsteller sich einen Namen gemacht: Antony als Poet und Kunstschriftsteller und Albin als Dramatiker und VaudeviLlist. Gerechtigkeit für Dreyfus. Unter diesem Titel brachte das „Buclapester Tagblatt“ einen Artikel aus der Feder des katholischen Priesters und Reichstags-Abgeordneten Johann Hock. Der Artikel ist vor der Urtheilsfällung des Kriegsgerichtes geschrieben. Wir entnehmen dem Aufsatze folgende Stellen:

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