Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 39 (29.9.1899)
- Article
- Die Philosemiten und das wahre Interesse der Juden
- Date
- 1899-09-29
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die # Weit!* 'Nr. 3d dem alten Fräulein Tesman aus „Hedda Gabler“, der herzenswärmsten Gestalt Ibsens, gleichen, die, nachdem ihre arme bettlägerige Schwester gestorben, meint, dass es ja noch genug Kranke und Arme gebe, die ihrer Hilfe bedürften. Sie aber bedarf dieser Bedürftigen wiederum nicht weniger. : Die Juden bringen dafür eine gar oft leidenschaftlich vorstürzende Dankbarkeit dar. Nach'Cäsar und cfeiji Macedonierkönig sind bei ihnen die Vornamen Julius und Alexander geblieben, noch in den 99 Kaiser Friedrich-Tagen wurde der Vorname Friedrich bei den Juden.so häufig, und im Mommsen lesen wir, wie viele Nachtwachen sie bei der Nachricht von Casare Ermordung aufgeblieben. Nun braucht solche Dankbarkeit nicht immer eine bedrückende Fessel, eine Demüthigung zu sein; sie ist gewiss eine der wunderschönsten Blumen des menschlichen Seelenlebens; sie ist es, die auch noch die Elendshölle erträglich machen kann. Aber der Zionismus will die Juden doch nicht zur Undankbarkeit anhalten, wenn er sie in eine Lage bringen mochte, dass sie gar keine Dankbarkeit mehr empfinden können; Er nützt doch mehr den Juden, wenn er sich ihrer so'annimmt, dass sie keines anderen *Annehmens“ mehr bedürfen. Andere Philosemiten sind es aus einem überzeugten Humanitätsgefühle. Von der grauen theoretischen Humanitätsgesinnung, in welcher der Held von Wilhelm Rahe^s „Hungerpastor“ seinem jüdischen Schulkameraden gegenantisemitische Verfolgungen Beistand leistet, gibt es unzählige Grade bis zu den politischen Sentiments, durch die manche Philosemiten moderner Zeit zu ihrer Stellung gelangt sein mögen. So geschieht es oft, dass Liberale oder Demokraten, die persönlich den Juden nichts weniger als freundlich gesinnt sind, nach ihren politischen Gesinnungen erbitterte Feinde der Antisemiten und leidenschaftliche Vertheidiger der Juden werden. Wenn auch der Justizrath der „Vossischen Zeitung“, der, wie es sich seiner Zeit in einem Processe herausgestellt hatte, keine Juden in der Redaction seines Blattes dulden mag, einzig durch geschäftliche Erwägung hin- und hergeleitet werden mag, so bleibt es doch bestehen, dass z. B. Eugen Richter, der desgleichen in einer auffälligen Weise Juden aus der Redaction der „Freisinnigen Zeitung“ fernzuhalten gewusst, ein ernsthaft leidenschaftlicher Feind der Antisemiten ist. Wieder andere lieben und verehren die Juden, weil sie in ihnen die treuesten Vorkämpfer der ewigen Freiheits- und socialen Revolutionen sehen. Liebknecht, der sie noch 1869 für Ausbeuter mit ganz besonderen Raubthierorganen erklärte, feierte sie später, indem er in ihnen sozusagen Stammgäste der Barrikaden erblickte.*) Und diese Auffassung findet ihre Bestätigung bei den Juden selber, die von einer besonderen „Mission“ ihres Volkes überzeugt sind, und den anderen Völkern, der Menschheit, in ewigen Evolutionen und Revolutionen so etwas wie einen paradiesischen Idealzustand erkämpfen wollen. Dieser Missionsgedanke, der vielfach mit einem *) Beiläufig bemerkt: Es bleibt seltsam genug, dass jetzt in Frankreich gerade Guesde und Vaillant, die eigentlichen Marxisten unter den dortigen Socialdemokraten und persönlichen Freunde Liebknechts, gegen die Betheiligung an der Revisiorisbewegung Stellungnahmen und so einein den Anfängen begriffene, höchst logische Evolution störten und unterbrachen. Aber auch hier dürfte gerade die Ausnahme die Regel bestätigen und das Judenthum, das nichts von der Geruhigkeit eines zionistischen Bewusstseins weiss, doch noch zu den extremsten Revolutionären stoesen, als ein einziges Element der Destruction. hohen Märtyreropfersinne verschmolzen ist; wird unter den Juden umso begreiflicher, wenn man bedenkt, dass jede Märtyrerbegeisterung im Grunde ein Sichsel,b st vergessenwollen ist. und mit einem inneren oder äusseren .Elönde zusammenhängt. Aber wenn diese Märtyrern atureii' unter den Juden auch zahlreich sind, so erschöpfen sie doch nicht das ganze Judenthum. Zum Märtyrer ipüss man wie zum Dichter geboren werden;, es ist kein Handwerk und kann nicht erkoren werden. Nebenden Märtyrernaturen gab es bei den Juden doch zu allen Zeiten auch Hofjuden, Geschäftsleute im weitesten Sinne, und gerade jetzt in dein Anfängen* einer ganz neuen, unerhörten. Zukunft, mögen; es diese, sein, die mit ihrem concreten,, gesund realistischen Sinne die glücklichere Zukunft versprechen. Aber der Zionismus möchte die Juden' eben - entwöhnen, unter dem gleichsam permanenten, / unausgesprochenen Schutze aller edlen Grundsätze zu stehen. Man könnte ihn einem Naturarzte vergleichen, der einen vielleicht gerade noch erträglichen Zustand durch eine radicale Cur scheinbar Verschlimmert, um dein' Patienten die völlige Gesundheit zu verschaffen! Dies ist der Punkt, ,an., dem das Judenthum monologisieren kann: Sein öden Ni<^itseTti, das ist hier die Frage. -Man muss an das Wort -des römischen Geschichtsschreibers denken, dass Staaten immer nur. durch die Kräfte erhalten werden, durch die sie begründet worden sind. Nun wäre es ja wahnwitzig, utopistisch zu - denken; dass das jüdische Volk durch eine eigene kriegerische Anstrengung sein Reich. begründen könnte. Aber es kann durch eigene colpnisatorische, Arbeit, und dies mag die freudige Hoffnung auf die Zukunft des zionistischen Ideals immer aufs neufe beleben. Die Steins, mit denen noch weite Landstrecken, in Palästina, übersät de in sollen und die ausdauernde und entsagungsvolle Anstrengungen . der ersten Colonisten nöthig machen werden, können wertvoll sein als Steine, die das Schicksal den Juden-bei der Begründung ihrer Zukunft in den Weg gele£t;Jmt. Und Mommsen .sagt, die,.semitische Rasse gegen den Vorwurf der Feigheit vertheidigend,- das Handeln und Fahren zur See erfordere nicht minder tapfere Herzen als das Kribgführen. Die Woche. Wien, 27. September." Der französisch^ Kriegsminister Gallifet hat in; einem vielbesprochenen Armeebefehl den Dreyfus-Hahdel ' einen „Zwischenfa 11“ genannt. Gallifet. hat. da. eine, ganz originelle Idee gehabt. Er will offenbar ein neues-Zeitmass schaffen, etwa nach Art der griechischen Olympiaden. Därafis ergeben sich beachtenswerte Perspectiven. '— — —- - Ri ch ter: Sind Sie vorbestraft? Z u c h t h ä u s 1 e r (mit 15 JäMen! schweren Kerkers vorbestraft): Ach, ich hab’ nur-einmal ärei Zwischenfälle in einer Zelle mitgemacht. Vierzigjährige Schö ne' (kokett):'AlsÜ,rfür wie alt würden Sie. mich , halten? , .,. -V Ihr Freund (seufzend) r Dieses grausame Herzpppht schon fünf Zwischenfälle lang. ';* V ierzigj ä h r,i g e Sch ö n e : Sie Loser! Sie haben die Zahl um einen Zwischenfall .zu niedrig gegriffen (droht ihm mit dem Fächer). .