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Die Welt · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
38 (22.9.1899)
Article
Der Talmudbauer
Date
1899-09-22
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16-;;Die Welt44 m 38 kennt Ihr, die Yerheissung: „Jeglicher unter seinem Weinstock und Feigenbaum’/ „Aber auch das Handwerk, Herr Doctor, war berühmt in Israel, ganze Orte waren bekannt wegen ihrer besonders vorzüglichen Arbeit: Arbel wegen seiner Seile und Stricke, Kefar Chananja und Sichln wegen ihrer Thonwaren“. „Gewiss, lieber junger Freund, aber wir haben schon zuviel Handwerker in Palästina und zu wenig reiche Leute, die sie beschäftigen; der Ackerbau ist die Grundlage eines jeden Volkes, die Quelle aller Kraft und allen Reichthums. Hinaus müsst Ihr aus den engen Mauern von Jerusalem, hinaus ins freie Feld, den Weinstock pflegen und den Acker bebauen. Da liegt unsere Erlösung, unsere Zukunft!“ „Aber Herr Doctor, wenn ich ein Handwerk erlerne, dann kann ich es für mich ausüben, wie soll ich mir einen Acker kaufen?“ „Einen Acker? Geht hinunter in die jüdischen Golonien, geht nach Rischon, geht nach Rechobod, geht nach Sichren Jakav und verdinget Euch als Arbeiter!“ Sie waren am Siloa-Teiche angelangt. Ghajim blieb stehen und blickte ängstlich nach seinem Vater zurück. Der, eifrig sprechend, ihn und den Doctor nicht hören konnte. „Als Knecht! Ich soll mich als Knecht verdingen,“ rief er bitter. „Ja, als Knecht, darin liegt nichts Erniedrigendes. Wisst Ihr nicht: „Ein jüdischer Knecht ist seinem Herrn gleich“. Es steht geschrieben: „Du sollst ihn nicht mit Strenge beherrschen“. Wenn es Euch ernst ist, mein junger Freund, und wenn Ihr wirklich zur Arbeit wollt, dann rathe ich Euch, dann wünsche und hoffe ich von Euch, dass Ihr erlernt, den Boden bearbeiten. Es heisst, vorerst demüthig sich der Arbeit widmen und sie kennen lernen, und dann, dann hilft Gott weiter: „Wer der Erde dient, wird ihr Herr,“ so stehts geschrieben“ Und noch einmal: darin liegt die Erlösung Israels — “ Sie waren jetzt beim Hospiz angelangt und Reb Jo ine hatte die letzten Worte gehört. „Die Erlösung Israels, die Erlösung, ja die liegt darin, dass man endlich auf hört mit den lügnerischen Verleumdungen, dass man auf hört, uns zu hassen und zu verachten, uns zu verfolgen; wir haben es nicht getlian, die Römer sind es gewesen!“. Doctor Rapp nickte bejahend, ohne recht zuzuhören. Er gieng mit in die Stube und. sprach mit Frau Malke über ihren Gesundheitszustand. „Gute, kräftige Nahrung,“ das waren die Schlussworte seiner Ermahnungen. „Gute, kräftige Nahrung, hie und da ein Glas Wein und sehr vorsichtig mit dem Wasser. Die Gisternen fangen an, leer zu werden und das ist die böseste Zeit, weil alles Wasser verdächtig wird. Nie ungekochtes Wasser trinken, Frau Malke verstehen Sie?“ In den nächsten Tagen brannte die Sonne heiss hernieder auf Jerusalem, die Berge widerstrahlten Licht und Wärme, die gelblichen Flächen der Steinwände blendeten das Auge, auf den Strassen zerfielen die Steine zu Staub, der alle Pflanzen in der Nähe bedeckte. Die Häuser, aus dem Stein ihrer nächsten Umgebung gewonnen, sahen aus wie dem Boden entwachsen. Soweit das Auge reichte, eine Farbe, eine Stimmung. Auch die Empfindung der Menschen war einheitlich, gequält lechzte alle Welt nach einem kühlenden Lüftchen, die Armen, sie sehnten sich nach frischem Wasser. Trinkbares Nass aber war kostbar geworden auf der Höhe von Zion, die kleineren-Gisternen alle leer, und der Preis guten Wassers für den Armen unerschwinglich hoch. Frau Malke lag fiebernd auf ihrem Bette, Reb Joine sass über einen Folianten gebeugt; er that so, als ob er in dessen Inhalt vertieft wäre, aber auch seine Gedanken suchten trotz des heiligen Sabbaths nach: Mittel und Weg, um seiner Frau Kraft und Erfrischung zuzuführen. Ghajim sass an dem Bette der Mutter, streichelte ihr die fieberheissen Hände und flüsterte ihr zu: „Es wird schon gut werden, liebe Mutter; morgen werden wir wieder Geld bekommen. Unser Freund, Reb Avrohom Boiechow aus Tamnitz hat heuer noch nichts geschickt; ich habe gefragt, es muss heute das Geld auf der Post sein. Ich werde jetzt gehen und Wasser suchen“. Reb Joine sass wie gelähmt, er traute seinen Ohren kaum : sein Sohn sprach am Sabbäth von Geld, hatte sich am heiligen Ruhetag zur Post begehen! ' 0, wie Hunger und Durst die Menschen demoralisieren! Oder sollte das eine Strafe Gottes sein, eine Strafe für seine Ruchlosigkeit, eine Vergeltung für den heimlichen Weg hinauf nach Gulgoleth? Das musste es wohl sein. Seit jenem Tage war der Sohn von der Jdee besessen, ein Flickschuster oder Steinhauer zu werden; seit jener Stunde nannte er das Forschen in der Lehre Gottes erniedrigend, weil es keinen Reichthum bringt. Ghajim war mit einem „Sabbath salam!“ aus der Stube gegangen. — Das Judenviertel erschien heute inbesseremZustande als an Wochentagen, die kleinen Boutiquen waren alle geschlossen, die schmierigen Krämer in reinliche Kleider gehüllt, Mist und Unrath von den Strassen nach Möglichkeit entfernt, und dennoch zogen widerliche Gerüche durch die Luft, die Sonne drang bis in die Tiefen der Erde und verwandelte alles Faule und jeden Abfall in bewegliche Miasmen. Ghajim wandte sich vorerst zum Bethause, das nach dem grossen Rabbi Jochanan ben Sakai benannt wird, dem weisen Manne, der sich aus dem belagerten Jerusalem in einem Sarge zu den Römern tragen liess und von ihnen als Freistätte die Gelehrtenstadt Jahne zü erhalten wusste. Im Laufe der Zeit wurden vier Synagogen auf seinen Namen aneinander gebaut. In jeder befinden sich ein bis zwei Gisternen. Ghajim bat, man möge ihm etwas Wasser schenken; es wurde ihm aber bedeutet, dass man für die armen Sephardin sparen müsse. „Nehmt es nicht für Härte,“ meinte der Tempelcliener. „Ihr wisst ja, wir haben fast gar keine Chaluka, unsere engeren Genossen sind viel ärmer als Ihr, sie sind auch mehr geschwächt durch Hunger und Entbehrung. Geht hinauf ans Jaffathor, gegenüber dem britischen Gonsulat wohnen drei jüdische Familien, denen man nachsagt, dass sie täglich etwas Wasser verschenken“. Ghajim zögerte eine Weile. Diese Leute, er hatte von ihnen gehört, — sie lebten zwar hier, ihren Eltern zuliebe, die in der heiligen Erde begraben sein wollten, aber sie galten doch nicht als rechte Juden, trotzdem sie alle Gebote strenge einhielten: die Frauen trugen keine Scheitelperrücken, die Männer giengen elegant gekleidet. Das entfremdete sie den Frommen der Stadt. Nein, er wollte es vorerst da draussen in den grossen jüdischen Ansiedlungen in der Jaffa-Vorstadt versuchen. (Fortsetzung folgt.) Infolge der Feiertage hat Nummer 37 der „Welt“ eine kleine Verspätung erlitten. Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red.: Erwin Rosenberger Buchdruckerei »Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. tl

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