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Die Welt · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
38 (22.9.1899)
Article
Anti-Anti
Date
1899-09-22
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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„Die Welt“ Seite 15 Nr. 38 Wie man sieht, schliessen sich die neuen christlichen Nationalökonomen wieder an die Bibel an, sie loben die Physiokraten, weil sie der Bibel folgten. Sie sind aber mit den Anschauungen der heiligen Schriften in grösserer Uebereinstimmung als die Physiokraten, zum mindesten in ethischer Beziehung, denn sie tadeln den übermässigen Reichthum, preisen die Entsagung der Armen und suchen diese Anschauungen mit den Bedürfnissen des Lebens und der modernen Industrie in Einklang zu bringen. Dieses Bestreben ist besonders bei einem von ihnen, bei Charles Pdrin ersichtlich. Er ist der Verfasser des Werkes „Vom Reichthum in der christlichen Gesellschaft“, eines Werkes, in dem er „den materiellen Fortschritt und die christliche Entsagung“ zu versöhnen und zu beweisen sucht, dass „alles Grosse und wahrhaft Nützliche sowohl für die materielle als für die moralische Ordnung nur durch die Entsagung geschaffen werden kann und seit jeher auch geschaffen worden ist“. Nach Charles Perin „darf eine Gesellschaft, weil ihre Vorliebe für den Ackerbau ihre Neigung zur Industrie überwiegt, keineswegs als inferior betrachtet werden. Im Gegentheil! Man wird in der Voreingenommenheit, welche die Thätigkeit einer Nation dem Ackerbaue zuwendet, eine der grössten Segnungen des Himmels für dieses Volk sehen müssen, vielleicht sogar ein Anzeichen der grossen Dinge, die Gott mit ihm vor hat.“ Ein Mann aber ist es, der sich wieder besonders genau an die socialen Lehren des alten Testamentes gehalten hat, und zwar ein Mann, der als wahrer Repräsentant einer Classe und einer Geistesrichtung gelten darf. Dieser Mann ist Le PI ay. Er behauptet nicht nur, dass die Landwirtschaft, ergänzt durch gewisse Künste, die ebenso wie sie die Ausbeutung der natürlichen Reichthümer des Bodens, der Luft und des Wassers bezwecken, streng genommen, genüge, um einer Nation ein andauerndes Gedeihen zu gewähren*), sondern er schrieb sogar eine Abhandlung „Die Organisation der Arbeit nach dem herkömmlichen Rechte der Arbeitsstätten und das Gesetz des Dekalogs“, um die patriarchalische Familie als Quelle des Wohlstandes zu preisen und zu behaupten, dass nur die nomadisierenden Hirten und die Ackerbauer, die auf einem Gebiete zusammenwohnen, dem Wechselspiele der Corruption und der Reform entgehen. Sie allein sind im Besitze dieses wahren Wohlstandes, der sich nicht durch Reichthum, Prunk und Macht, sondern durch die Arbeit, die Einfachheit und Tugend offenbart. Nicht in der Bibel also können wir einen socialen Geist finden, der auf dem Schacher basiert. Wir haben in ihr nur die Auffassung einer Gemeinschaft von Ackerbauern und Hirten gefunden, und das biblische Ideal ist in unseren Tagen das Ideal der katholischen Nationalökonomen und der Antisemiten geworden. Der Hauptvorwurf, den die letzteren gegen die Juden erheben, ist der, dass sie in den Ländern, in denen sie wohnen, nicht den Ackerbau betreiben.-Wir wollen diesen Vorwurf einmal auf seine Ri chtigkeit prüfen. (Fortsetzung folgt.) Anti’Anti. Und sauste Fluch auf mich und Schimpf und Schand Und spie der Hass mich an aus tausend Schlünden, Ich presste die Zähne fester aufeinand — Und hab's verwunden. Und warf man Stein und Stein nach mir Und hetzte mich mit wüth’gen Hunden — Es hat mein Herz zerrissen schier . . Ich hab’s verwunden. *) Die sociale Reform. (La reforme sociale.) Cap. XXXIV. Doch als ich jenes todte Mitleid sah, Das die geballte Faust erschlaffen machte: Das gieng mir nah! . . Das gieng mir nah. Ein nie empfundner Schmerz erwachte. Ihn hab? ich nicht verwinden können . . Theodor Zloc i s t i. Vöhrenbach (bad. Schwarzwald). Der Talmudbauer. (Aus dem Leben der Juden in Palästina.) Von H. York-Steiner. (Fortsetzung.) „Ja, öde und unfruchtbar zieht die Lehre durch die Strassen unserer Stadt, sie beschäftigt das Gehirn, aber sie dringt nicht genug zu Herzen. Und wissen Sie, warum, Herr Doctor, warum diese Menschen so eifervoll und unduldsam sind? Weil sie von der Lehre leben. Einer will frömmer und gerechter sein als der Andere, so wie ein Geschäftsmann sein Gewerbe besser verstehen möchte als sein Nachbar. Darum die Warnung unserer Geistesheroen, nicht vom Worte Gottes Nahrung zu ziehen. Unsere grossen Lehrer waren alle Handwerker, unser Talmud ist von Schlossern, Schustern, Kupferschmieden und W asserträgern zusammen gestellt worden“. Doctor Rapp sah befremdet nach seinem Begleiter. Sein Blick schien zu sagen: Aber Du selbst? „Ich weiss, was Sie denken, Herr Doctor. Aber ich kann mir nicht helfen, ich bin der einzige Sohn meines Vaters und ich glaube, es würde ihn schwer kränken, wenn ich jetzt noch ein Handwerk lernen wollte“. „Und Sie — Sie möchten wirklich —?“ Der Arzt sprach zweifelnd. „Wenn man erst siebzehn, achtzehn Jahre alt geworden ist, ohne die Hände zur Arbeit geregt zu haben, wird es schwer, sich daran zu gewöhnen“. „Mag sein, Herr Doctor, dass es schwer ist, aber umso grösser wäre das Verdienst vor Gott. Dann treibt mich auch das weltliche Bedürfnis und die Sorge um die Existenz, wenn man zusieht, wie Vater und Mutter vor Hunger langsam erkranken!“ Dem Arzte war das wie ein Vorwurf. „Ich war schon lange nicht bei Ihrer Mutter, aber sie ist ja gesund“. „Soweit man gesund sein kann ohne gute Nahrung und mit stetem Fieber“. „Ja, ja, das unglückselige Fieber,“ sagte Dr. Rapp, „das Fieber und die Augenkrankheit, die sind unser Fluch. Aber mein junger Freund, es gibt ein Mittel, ein starkes Mittel gegen alle Krankheit, gegen Hunger und gegen finsteren Glaubenseifer“. Ghajim blickte erfreut auf. „Es gibt ein Mittel, nicht wahr, Herr Doctor? Die Arbeit! Half ichs errathen?“ „Ja, die Arbeit! Aber nicht die Arbeit, die Ihr meint, nicht das kleine Handwerk in den dumpfen Strassen und finsteren Stuben; draussen auf den Bergen Judäas, in der Ebene von Saron, auf den Hügeln von Galiläa, dort sind die Brunnen, aus denen unser Volk Kraft schöpfen wird, dort hinunter, bis dorthin müssen wir gehen!“ Ghajim horchte hoch auf. „Ja, ja, Sie mögen Recht haben, heisst es doch schon in der Bibel: „Gott hat den Menschen die Erde gegeben“. „Und dann weiter,“ rief der Arzt, die Verheissung

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