Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 38 (22.9.1899)
- Article
- Lemberg
- Date
- 1899-09-22
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die H Welt“ Seite 9 ' : NrV 38 Stiftungen eine Reihe von Concursen schaffen wollten, um dem erwähnten Mangel abzuhelfen. Ebenso wäre es von grossem Nutzen, wenn mehrere Stipendien für die würdigsten und gewöhnlich so sehr bedürftigen Schüler gegründet werden sollten. Tarnow. Vor einigen Monaten war in Galizien das Gerücht verbreitet. Herr Dr. A. Salz hätte die um die Gründung der „Jüdischen Colonialbank“ am meisten verdienten Zionisten beschuldigt, sich 100.000 Francs als Entschädigung für ihre Mühe ausbedungen zu haben. Die Redaction hat nach gepflogenen Nachforschungen festgestellt, dass Herr Dr. S alz dem genannten falschen Gerüchte vollständig fern steht. Gelegentlich einer Polemik zwischen Herrn Doctor Nord au und Herrn Dr. Salz hat die „Welt“ in Nr. 18 einen Brief Nordaus mit einer redactionellen Einleitung zum Abdruck gebracht. Nachdem nun obiges Missverständnis aufgeklärt ist, sind wir bereit, zu erklären, dass die Redaction durch die genannte Einleitung Herrn Dr. Salz mit nichten beleidigen wollte. England. London, 13. September. In ganz England hat das Urtheil von Rennes einen Sturm von Entrüstung hervorgerufen. Die gemässigtesten Blätter haben nicht gezögert, Frankreich als ein Land zu beschreiben, das die Reihen der civilisierten Nationen verlassen habe. In den Kirchen ist Dreyfus als Märtyrer gefeiert worden. Hervorragende englische Prediger verglichen die Kriegsrichter mit Judas Ischariot und Pontius Pilatus. In der grossen Londoner St. Pauls-Kathedrale wurde die Sache des jüdischen Hauptmannes zur Menschheitssache erklärt, und in den Feldbaracken von Windsor über die Gegner Dreyfus’ in heftigsten Ausdrücken gesprochen. In vielen Städten wurde die französische Fahne verbrannt, und wo auf einer englischen Bühne ein französischer Soldat aufzutreten hatte, war der Schauspieler, der ihn darstellte, in der unangenehmen Lage, für fremde Sünden ausgezischt zu werden. Das allgemeine Urtheii über Frankreich ist auf unzähligen Placaten zu lesen. „Die Welt ruft Schande über Frankreich!“ heisst es auf einem dieser Placate. Die Zeitungen wetteifern untereinander in der Wahl scharfer Ausdrücke. Der Artikel eines angesehenen Blattes, der die Heb er Schrift trägt: „Frankreich ist gewesen!“, findet allgemeine Zustimmung. Die Boy Codierung der Weltausstellung, an einzelnen Stellen sogar der französischen Waren wird stürmisch gefordert und von führenden Männern des öffentlichen Lebens und von grossen Zeitungen befürwortet. Französischen Häusern gegebene Ordres werden vielfach widerrufen, und der Verkauf von Rundreisebillets für Frankreich steht thatsächlich still. Während das eine Journal die Königin bittet, nicht mehr an die Riviera zu gehen, schlägt ein zweites eine Nationaladresse an Dreyfus und seine Frau, ein drittes eine Massenpetition an den deutschen Kaiser vor, ein viertes beantragt die Gründung eines Fonds zur Fortführung der Sache, wodurch das Märchen von den Syndicatsgeldern in veränderter Form und nachträglich zur Wahrheit würde. Andere organisieren wieder grosse Demonstrationen, um den Abscheu des englischen Volkes vor dem ungerechten Urtheii zum Ausdrucke zu bringen. Die römisch-katholischen Blätter von Irland sind die einzigen, die sich von der allgemeinen Empörung ausschliessen. Man bedenke : Die Iren, die selber so viel unter dem Rassenhass zu leiden hatten, die so oft die Sympathie der Welt für das ihnen angethane Unrecht anriefen, bringen es übers Herz, in der Dreyfus-Äffaire auf die Seite der Rechtsbeuger zu treten! Dagegen leitet' ein englisches Blatt eine Attaque gegen die Wühlarbeit der Jesuiten ein und warnt jeden, der den Antisemitismus nach England importieren möchte. Mein letzter Artikel handelte vom englischen Antisemitismus. Die Gerechtigkeit zwingt mich, Heute die Kehrseite des Bildes zu zeigen. Was noch vorige Woche möglich war, ist eben heute nicht mehr möglich. Ich weiss nicht, wie lange dieser Gefühlsüberschwang sich auf seiner Höhe behaupten wird, aber für den Augenblick muss Arnold W hite die Hörner einziehen, denn ein Blatt nach dem anderen verurtheilt aufs schärfste eine Bewegung von solcher Art, die England in denselben tiefen Schlamm zerren könnte* in welchem Frankreichs. Ehre sich wälzt. Das Wort selber ^Antisemitismus“ stinkt für englische Nasen ebenso wie faules Fleisch. Ein neues Stück, „Das Ghetto“, das zur Zeit im Comedy Theatre aufgeführt wird und - sich bemüht, den jüdischen Char akter von r einer i schmutzigen - Seite zu - zeigen, würde vom Publicum mit eisigem Stillschweigen aufgenommen, und einige Kritiker bezeichneten es als einen, dem jüdischen Volke angethanen Schimpf. Wollte ich ausführlicher beschreiben, wie weit die Reaction zugunsten der Juden geht, man würde mich einfach als Uebertreiber ärgster Sorte verlachen. Und doch ist es wahr, dass Dreyfus in dieser Stunde dem englischen Volke als Ideal, als Muster für alles, was in der Menschheit an Güte und Adel lebt, gilt. Das ist die seltsame und höchst unerwartete Scene, über die der Vorhang des neunzehnten Jahrhunderts fällt. Was werden wir zu sehen bekommen, wenn er wieder aufgeht? J. de H. Frankreich. Paris. (Die royalistische Verschwör un g.) Vor dem französischen Senat, der sich als Staats-Gerichtshof constituiert hat, begann am 18. September die Verhandlung gegen die der royalistischen Verschwörung Angeklagten, Den Vorsitz führt Präsident Fahleres, in der Anklageschrift wird darauf hingewiesen, dass die verschiedenen Ruhestörungen in den Jahren 1898 und 1899 auf eine Verschwörung zum Zwecke einer Abänderung der Regierungsform zurückzuführen sind. Es sind drei Gruppen zu unterscheiden : 1. Die Patriotenliga, welche an Stelle der parlamentarischen Regierung eine constitutionelle setzen will; 2. die A n t i s e m i t e n 1 i g a Guerins, der die Nationalisten, Royalisten und Imperialisten zum Zwecke eines Aufstandes vereinigt. Dubuc, der Leiter der antisemitischen Jugend, bildet das Bindeglied zwischen der Patriotenliga und Antisemitenliga. 3. Die Anklageschrift weist ferner darauf hin, dass die Verschwörer mit dem Herzog von Orleans in geheimer Verbindung standen. Infolge dessen hat der Procura tor den Staats-Gerichtshof ersucht, das Verfahren gegen 22 Beschuldigte zu eröffnen. — Fort Cbabrol hat capituliert. Die zionistische Bewegung. Spenden für zionistische Zwecke, sowie Schekelzahiungen sind an das Bureau des Zionistencongresses, Wien, IX., Türkenstrasse 9, Schekelblocks, sowie -Juxten an das Bureau des Zionistencongresses, Basel zu senden. - Das Actions-Comite. Bukarest. Sonntag, den 10. d. M. erstatteten unsere Delegierten auf dem III. Baseler Gongresse, die Herren M. Nach m i a s und M. Schwa r zfe 1 d in der bis aufs letzte Plätzchen gefüllten grossen Synagoge ihr Gongressreferat. Auch zahlreiche Damen waren dabei auf der Gallerie anwesend. Den Referaten gieng die Absingimg von zionistischen Liedern durch den wohlgeschulten Chor voran. Die ausführlichen und gediegenen Berichte beider Herren fanden enthusiastische Aufnahme. Die Begeisterung erreichte ihren Höhepunkt, als nach Beendigung der Referate Herr Rosmann, Redacteur der Zeitschrift „LaRoumanie“, eine Resolution des Inhaltes einbrachte, es möge Herrn Dr. Herz! das Vertrauen und der Dank der Versammlung ausgesprochen werden. Umbra. Czortköw. Die studierende Jugend Czortköws veranstaltete Sonntag den 20. August a. c. zu Ehren des dritten Baseler Gongresses einen Festabend, welchem sämmtliehe Kreise der Stadt und Umgebung das lebhafteste Interesse entgegenbrachten. Der Abend verlief glänzend. Eine 400- bis oOOköpfige Menge lauschte gespannt den Reden, Vorträgen und Declamationen der Mitglieder des „Jung Zion“ und entfernte sich mit dem Bewusstsein, einer derartigen, würdigen und gelungenen Feier wohl noch nie beige wohnt zu haben. Besonderen Erfolg erzielte die Tendenzrede des Präsidenten des „Jung Zion“, Herrn J.Rothenstraucb, durch welche auch der zionistischen Bewegung fernstehende Kreise dem Zionismus zugeführt wurden. Besonders verzeichn ens wert dürfte der Umstand sein, dass auch aus Nachbarstädtchen, in denen noch keine Zionsvereine bestehen, Vertreter zugegen waren, die durch diesen Abend erst auf den Zionismus aufmerksam gemacht wurden, so dass wir hoffen können, binnen kurzem werden auch die jüdischen Bewohner der umliegenden Dörfer sich zur Fahne des Zionismus bekennen. Von dem Reinerträgnisse des Festabends fiel ein Th eil den Armen Czortköws, ein Th eil dem Vereine „Bnei Zion“ zu und die restliche Summe ist für die Boryslawer Arbeiter bestimmt.