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Die Welt · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
38 (22.9.1899)
Article
Der Mädchenmord in Polna
Date
1899-09-22
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die He Welt44 Nr. 38 Process gegen den wegen Esmordung der Anna Hruza angeklagten Leopold Hülsner aus Polna. Die Schuldfrage auf Meuchelmord wurde von den Geschworenen mit 11 Stimmen gegen 1 Stimme verneint. Die Eventualfrage wegen Mitschuld am Meuchelmord wurde von allen 12 Geschworenen bejaht. Der Gerichtshof verurtheilte Hülsner zum Tode durch den Strang. Der Verfcheidiger des zum Tode Verurtheilten, Doctor Aurednicek, hat nach einer mit seinem Clienten gepflogenen Rücksprache die Nichtigkeitsbeschwerde gegen das Urtheil des Kreisgerichtes angemeldet. Die Wiener antisemitischen Blätter sprechen mehr oder weniger unverblümt von einem „Ritualmord“. Auch einzelne Partien der Kuttenberger Verhandlung waren auf die Aufdeckung eines „Ritualmordes-* zugeschnitten. Das blöde Märchen spukte in dem Gutachten der Sachverständigen, in den Aussagen der Zeugen; der Staatsanwalt bediente sich gewisser rücksichtsvoller Redewendungen, die nichts anderes als unverkennbare Anspielungen auf den „Ritualmord“ waren. Dr. Baxa, ein antisemitischer czechischer Abgeordneter fungierte als Vice-Leiter des Processes. Unter dem Vorwand, dass er die Mutter der Ermordeten vertrete, zerrte er, wo es nur angieng, die stumpfsinnige Blutmär in die Verhandlungen und hielt ein „Plaidoyer“, das von geradezu bestialischem Judenhasse durchtränkt ist. Das Auditorium und die zahlreich vertretene antisemitische Presse benahm sich recht ungezwungen. Zwischenrufe wie „Verfluchter Jud!“ tönten in die Verhandlung hinein, die Bemühungen des Vertheidigers, der den Blut-Blödsinn zu widerlegen suchte, wurden vom Auditorium mit forciertem, höhnischem Gelächter beantwortet. Zwei Landärzte hatten ein Gutachten zusammengestellt, welches darin gipfelte, dass das Blut der Ermordeten irgendwie bei Seite geschafft worden wäre. Die beiden „Sachverständigen“ gaben an, sie hätten im Körper der Ermordeten bei der Obduction nicht so viel Blut gefunden, als in den Adern eines Lebenden enthalten wäre. Auch an dem muthmasslichen Thatorte hätte sich eine nicht hinreichende Blutmenge gefunden. Dabei besagt die Anklageschrift: „Um den Kopf war ein blutbeflecktes Hemd gebunden“ — ferner: „die Hemdärmel waren bis zur Hälfte der Schultern hinaufgestreift und ebenfalls mit Blut befleckt.“ Dann: „der Leichnam lag in einer Blutlache, in seiner Nähe wurden zwei mit Blut bedeckte Steine aufgefunden“; ausserdem an einer Stelle, die drei. Meter von der Leiche entfernt war, „deutliche Spuren geronnenen Blutes, auf einem Fleck sogar noch frisches Blut. Die mit geronnenem Blute bedeckte Stelle war. 22 cm lang und 15 cm breit. Ausserdem war ganz deutlich zu sehen, dass hier ein Körper gelegen war, und dass der ganze Boden in einer Länge von 1 m und in der Breite von 60 cm mit Blut bespritzt war“. Ferner wurde — laut der Anklageschrift — ein blutbeflecktes Zeitungspapier, ein blutbeflecktes Stück grober Leinwand gefunden, bei einer stark mit Blut bedeckten Stelle unter einer kleinen Fichte lag ein blutiger Strick, es fand sich ein grosses Tuch aus gelber Wolle mit Blutspuren, ein mit Blut bespritzter Unterrock, ein mit Blut bespritzter Tannenknüttel. Aber das genügte den beiden Sachverständigen nicht. Sie waren von einem masslosen, schier unersättlichen Verlangen nach Blut erfüllt. Auch der Umstand, dass die Leiche drei Tage lang auf YValdboden gelegen, war für die „Sachverständigen“ ganz unmassgeblich. Zur Aufhellung der Mordthat hat ein antisemitischer Wiener Redacteur, der eigens nach Polna gereist war, viel beigetragen. Er bediente sich folgender Methode: *Im Verein mit einem Polnaer Bürger machte er den Bruder des Leopold Hülsner, einen kaum dem Knabenalter entwachsenen Burschen in einer Spelunke durch Wein trunken, und notierte sich das sinnlose Geschwätz des Berauschten. So wurde das Beweismaterial für den „Ritualmord“ gesammelt In einer Atmosphäre des Wahnsinnes und der Schurkerei wurden die heimtückischen Waffen geschmiedet, die jetzt von den Antisemitenblättern gegen das Judenthum geschwungen werden. Christlichsociale, dermale, deutschnationale Pressbanditen reichen einander hierbei brüderlich die unsauberen Hände. Der Fall Polna wird gründlich ausgeschrotet. __ Correspohdenzen. Oesterreich-Ungarn. Lemberg. In jüngster Zeit werden von berufener Seite jüdische Schulen gegründet, deren Hauptaufgabe in der systematischen Pflege jüdischer Sprache und Geschichte bestehen soll. Unsere wackeren Gesinnungsgenossen Avigdor Mer meistern in Przemysl, S. Mendel Spira in Tarnow und IsaakE w e n in Boryslaw, verschafften sich sogar Concessionen zur Gründung eigener hebräischer Sprachschulen und entfalteten bald eine sehr erspriessliche Thätigkeit. Vor circa vier Jahren übersiedelte der letztere nach Lemberg, gründete auch in der Hauptstadt eine Sprach schule „Chanoch 1 ’ n a a r“, musste jedoch anfangs wegen des unüberwindlichen Indifferentismus der hiesigen Judenheit mit grossen, vorzüglich materiellen Schwierigkeiten kämpfen. Erst ' als sich der Schule Herr Dr. M. Munk, einer der angesehensten und einflussreichsten Juden Lembergs, annahm und sie sowohl moralisch als auch materiell unterstützte, ward der Bestand des „Chanoch l’naar“ gesichert. Herr Dr. Munk verstand es, in kurzer Zeit um sich eine Gruppe von jüdischen Volksfreunden zu sammeln, und mit ihrer Hilfe gedieh die Anstalt zu immer grösserer Vollkommenheit. Als Leiter der Schule wurden die Herren Ewen, Primost und Rabbiner Dr. Guttmann bestellt. Wegen der übergrossen Schüleranzahl — sie belief sich im letzten Semester auf circa 130 —- wurden drei Curse eröffnet: einer für Volksschüler, ein zweiter für jüngere und ein dritter für ältere Mittelschulzöglinge. Der Lehrstoff wurde nach einem dem Alter und den Kenntnissen der Schüler entsprechenden Massstabe eingetheilt, so dass neben leichter Bibelübersetzung auch geeignete Excerpte aus dem Talmud unterrichtet wurden. Bei der am 29. August 1. J%- stattgefundenen öffentlichen Semestralprüfung hat sich jedermann überzeugen können, welch grosse Fortschritte die jungen Zöglinge in der kurzen Zeit, seitdem sie Unterricht gemessen, gemacht haben. Der Fleiss und der Ernst, mit dem sich dieselben dem Studium ihrer väterlichen Sprache und Geschichte ergeben, verdient umsomehr hervorgehoben zu werden, als die meisten von ihnen den ärmsten Volksschichten entstammen und nebst den obligaten Schulgegenständen noch viel Zeit für Privatlectionertheilen verwenden müssen, um sich und häufig auch die Eltern ernähren zu können. Der „Chanoch l'naar“ geniesst bereits eine solche Popularität, dass der bekanntlich echt jüdischen Institutionen nicht sehr gewogene Lemberger Cultusvorstand sich gezwungen sah, der Schule eine gebürende jährliche Unterstützung zu gewähren und ihr die Localitäten der jüdischen Volksschule unentgeltlich abzutreten. Zu der oben erwähnten öffentlichen Prüfung delegierte auch der Vorstand eine fünfgliedrige Commission, mit dem Cultuspräsidenten Dr. E. Byk an der Spitze, und der letztere sah sich auch veranlasst, Worte der Anerkennung an die Förderer und Lehrer der Anstalt, sowie der Belobung und Aufmunterung, auf dem bereits beschrittenen Wege auszuharren, an die Zöglinge zu richten. Bei dieser Gelegenheit sei auch gestattet, eines Mangels Erwähnung zu thun, der sich sowohl in der Lemberger als auch in anderen derartigen Schulen stark fühlbar macht: des Mangels an entsprechenden Lehrbüchern und Chrestomathien. Es wäre sehr wünschenswert, wenn zahlreiche jüdische

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