Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 38 (22.9.1899)
- Article
- Die Juden sind ....
- Date
- 1899-09-22
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 7 Nr. 38 „Die Welt“ hervor gerufen würden. Der Staatsanwalt verkannte nicht, dass K. Grund hatte, in JErregung und Zorn zu gerathen, aber ein Recht, so zu handeln, wie er gethan, könne ihm nicht zugesprochen werden. Er beantrage gegen ihn eine Geldstrafe von 5 Mark. Der Gerichtshof erkannte nur auf eine Geldstrafe von 3 Mark. Von dem Vorhandensein einer Nothwehr könne keine Rede sein, denn es würde zu sonderbaren Folgen führen, wenn jemand jeden Gegenstand, durch den er sich belästigt oder beleidigt fühle, ohne weiters vernichten dürfe. K. hätte bei der Polizei Schutz und Hilfe nachsuchen sollen. Aus den Tagen des Processes von Rennes wird noch ein charakteristischer Vorfall bekannt. Als Mahre L ab o ri von jenem feigen Mordgesellen, der bis auf den heutigen Tag nicht entdeckt worden ist, verwundet worden war und es einen Augenblick schien, als würde der Verwundete nicht mehr aufkommen, da eilte Madame Labori auf die Strasse und bat drei ihr entgegenkommende Priester, ihrem Gatten die Tröstungen der Religion zu spenden. Die Herren kehrten ihr entrüstet den Rücken. Keiner von ihnen hielt es für angezeigt, den Mann noch als Menschen zu behandeln, der sich als der gefürchtetste Entlarver der Generalstabsfälscher und Lügner erwiesen hatte. Zangwill ist von dem bekannten Major Pond eingeladen worden, die Reihe von Vorlesungen, welche er in amerikanischen Städten gehalten, auf englischem Boden zu wiederholen. Man erinnert sich, welches Aufsehen jene Vorlesungen hervorgerufen und wie sie zum Theile Gegenstand entrüsteter Kritik gewesen. Die Leute, die der berühmte Satyriker mit seinen wuchtigen Schlägen bedacht, haben sich bis auf den heutigen Tag von ihnen nicht erholen können. Nun will der Dichter die Geissei, die er auf dem Rücken der Yankees ausprobiert, seinen Landsleuten angedeihen lassen. Die bedeutendsten seiner Vorlesungen sind betitelt: „Das Drama, eine edle Kunst“, „Die dichterische Einbildung, die höchste Wahrheit“ und „Das Ghetto“. Der „Jewish Express“, ein bedeutendes dargonblatt des East-End, veröffentlicht ein Porträt von Alfred Dreyfus, welches ganz aus unglaublich kleinen jüdischen Lettern zusammengesetzt ist. Wer gute Augen hat und sich durch das Gewirre der Tausende von Buchstaben durchwindet, liest zu seinem grössten Erstaunen eine ziemlich genaue Zusammenfassung der Dreyfus-Affaire, die bis zur Anordnung der Revision durch den Cassationshof hinabreicht. Die mühevolle Leistung ist ein glänzendes Zeugnis für den hohen Stand der Mikrographie bei den Juden, die von jeher eine merkwürdige Vorliebe für Schriftspielereien gezeigt haben. Vom antisemitischen Parteitage in Hamburg. Der Referent, Dr. G i e s e (Berlin), befürwortete eine Reihe von Thesen, worin es u. a. betreffs der Aufgabe der antisemitischen Partei heisst: „Nur „aus der Einsicht, dass ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen dem Judenvolke und allen anderen Völkern in sittlicher und allgemein geistiger Beziehung besteht, und dass der Jude nicht nur unfähig zur Theilnahine an der naturgemässen culturellen und sittlichen Weiter ent Wickelung der Menschheit, sondern seinem Wesen nach ein Feind aller nationalen wie auch allgemein menschheitlichen Cultur sei, kann der feste Wille zur Abwehr des Judenthumes entspringen“. Die vom Referenten beantragte zweite Resolution lautet: „Zur Befreiung des deutsch-christlichen Geisteslebens vom jüdischen Einflüsse fordern wir in Uebereinstimmung mit ernst denkenden Theologen die Ausscheidung des Alten Testamentes aus dem christlichen Religionsunterricht. Was im Alten Testamente von Wert für die Bildung religiöser Anschauungen und sittlicher Begriffe ist, lässt sich auf andere Weise in den Religionsunterricht verweben. Die Schicksale des Judenvolkes, seiner Patriarchen, Könige und Propheten gehören in den Geschichtsunterricht; hier werden sie bei unparteiischer Darstellung ein wichtiges Hilfsmittel zur Erkenntnis der jüdischen Volksart abgeben“. In einer weiteren Resolution empfiehlt der Parteitag der antisemitischen Fraction, im Reichstage alljährlich durch geeignete Anträge die Parteien und die einzelnen Abgeordneten zur Stellungnahme in der Judenfrage zu zwingen; nur so könne den Wählern bewiesen werden, „dass von den alten Parteien und ihren Vertretern in der Bekämpfung des Judenthumes schlechterdings nichts zu erwarten ist“. Eine andere Resolution spricht betreffs der Zukunft der antisemitischen Bewegung die Erwartung aus: „Dank der Entwickelung unserer modernen Verkehrsmittel dürfte die Judenfrage im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Weltfrage werden und als solche von den anderen Völkern gemeinsam und endgiltig durch völlige Absonderung und (wenn die Nothwehr es gebietet) schliessliche Vernichtung des Judenvolkes gelöst werden. Der wahre Friedenscongress wird derjenige sein, der sich mit der Stellung der erdbewohnenden Menschheit zum Hebräer beschäftigt“. Im Museum von Rennes befindet sich ein authentisches Porträt von Leonora Galligei, Ehefrau des Concini Conchini und Lieblingsfreundin der Maria deMedici. Diese Frau war eine Art weiblicher Dreyfus. Am Ende der Regentschaft Maria de Medicis wurde sie als „Jüdin und Hexe“ verbrannt. Man beschuldigte sie, ihren unleugbaren Einfluss auf diese Königin irgendwelchen geheimen Künsten zu verdanken. In Wirklichkeit übte sie den Einfluss des stärkeren Geistes auf den schwächeren. Ihren Feinden erschien es aber natürlicher, Hexerei a n z u n e h m e n. Man beschuldigte sie feiner einer Gonspiration mit Spanien, die den Zweck gehabt hätte, Heinrich IV. aus dem Leben zu schaffen. Leonora war von wunderbarer Schönheit, und es ist merkwürdig genug, dass Heinrich, der Zeit seines Lebens ein arger Frauenjäger war, von dieser Schönheit nicht berührt worden zu sein scheint. Das Porträt zeigt dem Beschauer ein Weib von räthselhafter Schönheit. Von der Stirne fliesst eine schwarze Löwenmähne rückwärts tief über die Schultern. Die Brauen sind gewölbt, die Augen leuchten in einem flüchtigen Glanze, mild und lieb schauen sie in die Welt. Aber dahinter glitzert es wie katzenartige Treulosigkeit. Der Mund deutet Leidenschaftlichkeit an. Eine leichte Krause, ähnlich derjenigen, die R u b e n s auf seinem jetzt im Louvre befindlichen Porträt der Elisabeth von Frankreich angebracht, verhindert nicht, einen Hals von tadellosem Wuchs und Teint zu sehen. Wie gesagt, es ist ein Wunder, dass dem leichtfertigen und kennerhaften Heinrich diese Schönheit entgangen sein soll. Es ist aber weder in den Memoiren aus dieser Zeit, noch in den Berichten über den Process auch nur die leiseste Andeutung eines Verhältnisses der Beiden zu entdecken. Auch ist wohl anzunehmen, dass in einem solchen Falle die Hexenrichter nicht gezögert hätten, die Verliebtheit Heinrichs auf Behexung zurückzuführen. In der Literatur jener Tage findet man nichts, was auf eine antisemitische Bewegung in Paris hindeutete. Aber der über Leonora gefällte Spruch ist gleichwohl bedeutend: „Wir verurtheilen sie als Jüdin und Zauberin und als schuldig der göttlichen wie menschlichen Majestätsbeleidigung zum Tode des Verbrennens auf dem Greve-Platze.“ — Leonora aber bewahrte bis zum letzten Augenblicke eine unerschütterliche Fassung. Ihre letzten Worte, die sie vom erhöhten Brandpfahl hinabrief, waren : „Welche Menge, um ein unglückliches Weib zu sehen!“ Der Mädchenmord in Polna. Das Kuttenberger Schwurgericht fällte am 16. September nach fünftägiger Verhandlung das Urtheil in dem