Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 38 (22.9.1899)
- Article
- Der moderne Künstler in seiner Stellung zur nationalen Geschichte
- Date
- 1899-09-22
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 38 „Die Hc Welt?* Künstler erfasst wird. Mag der moderne Künstler mit seinem stärksten Empfinden auf dem Boden der Gegenwart stehen und nach dem Gegenstände der Darstellung in seiner Zeit, im wirklichen Lehen sich Umsehen — es scheint doch, als ob er aus der Quelle geschichtlicher Vergangenheit nicht auf hören würde zu schöpfen. Welcher Künstler wollte auf beglückende Ueberraschungen verzichten? Gerade aber in der historischen Kunst erwarten sie ihn. Soll er also mit Vorliebe geschichtlichen Stoffen sich zuwenden, die Vergangenheit uns heraufführen? Er soll es, wenn er's mit Vorliebe thut, wenn er es mit Kraft thun kann. Ein anderes Sollen gilt für den Künstler nicht. Wir nämlich sollen nicht vergessen, dass wir es mit dem Künstler zu thun haben. Er darf uns kommen, womit er will, nicht womit wir wollen. Er mag uns dem Inhalte nach Geringes bringen; er mag sogar bei Geringem zeitlebens verweilen. Geringes, in edler Form dargebracht, ist durchaus nicht geringe Kunst. Weit entfernt, den Künstler ob seiner Darstellung inhaltlich nicht eben gewichtiger Dinge zu tadeln, werden wir ihm auch wegen seiner weisen Beschränkung sogar manch lobendes Wort geben. Denn wie? Wollten wir, dass er an dem Bedeutenden sich vergreife, es arg misshandle? Er bleibe nur bei dem Seinen. Suum cuique. Lassen wir einem jeden die Art, die er übt, und freuen wir uns, dass er sie mit Glück übt. Nur darf man ja auch auf die anderen Arten hinweisen, denn sie gehen aus der Idee der Kunst hervor und bleiben nicht in der Idee bloss bestehen, sondern geben sich kund in wirklichen Schöpfungen. Die Kunst, da sie ein Lebensprincip ist, also alles durchdringend, was nur irgendwie mit dem Leben in Berührung kommt, schliesst in gleicher Weise den geringen und den bedeutenden Inhalt ein. Werfen wir nun unter diesem Gesichtspunkte einen letzten Blick auf die Kunst der Gegenwart, so bekommen wir etwa folgendes Bild: Wir sehen eine schier unendliche Zahl künstlerischer Formen durcheinanderfluten, das Leben uns spiegelnd im Kleinen wie im Grossen. Und aller dieser Formen Gemeinsames ist zunächst das Moment des Schönen. Wie die Natur, so ist auch der Geist; sie erzeugen und erhalten eine Mannigfaltigkeit der Formen nebeneinander, und nur der eifernde Wille, das menschliche und menschlich einem bestimmten Ziele zustrebende Bewusstsein des Einzelnen, bevorzugt die eine Form vor der anderen und nimmt den Schein der Zeit zuhilfe, um das Vorrecht und die* Herrschaft der einen vor der anderen für dauernde Zeiten zu begründen. Vielleicht gienge sogar der Geist des Einzelnen durch alle Arten der Erscheinung hindurch, wenn man ihm Zeit liesse, solange im Körper zu verweilen. Die Namen aber, die wir den Sterblichen geben, je nach ihren besonderen Eigenschaften, ihrem besonderen Berufe — wir sagen Maler, Musiker, Dichter, Philosophen — diese Namen, wie sie das Grosse und Ausserordentliche ausdrücken, so bezeugen sie zugleich die Einseitigkeit der menschlichen Natur. Die Fülle der Erscheinungen in ihrem ganzen Umkreise zu erfassen und sie durch eigene Schöpferkraft wieder zu gestalten — ist dem Geiste des Einzelnen versagt. Aber gegeben ist es dem Geiste der Völker. Im Offenbaren ihrer Kräfte, im Wettkampfe gegen- und nebeneinander streben die Völker, strebt ihr Geist, zum Gesammtausdrucke des Lebens zu werden. Und dasselbe Streben hat auch die Kunst. Bedeutendes und Geringes, Spiel und Emst, die Zeit und die Zeiten — alles ist in ihrem Kreise. So sehr die Kunst unmittelbarer Ausdruck sein will des Gegenwärtigen, so gestaltet sie doch in sehr bedeutendem Grade das Vergangene. Das geschichtliche und völkergeschichtliche Princip in der Kunst ist ein ergänzendes Moment derjenigen Kunstweise, welche ihren Stoff den fliessenden Wellen der Gegenwart entnimmt. Grosses wird von einer jeden Nation in beiderlei Formen geschaffen. Nur eine Nation scheint die historische Kunstart beharrlich zu meiden. Es wird jedenfalls merkwürdig sein, zu constatieren, dass der historische Sinn gerade bei demjenigen Volke am spätesten wiedererwacht, dessen historische Vergangenheit von mehr als nationaler Bedeutung ist. Es wäre ein schöner, sogar schuldiger Dank der Künstler, vorausgesetzt, dass sie zu ihrer Nation sich bekennen, wenn sie den Völkern, deren Sprache sie sich zu eigen gemacht und ebenfalls die Formen des Schönen, nun ihrerseits eine Gegengabe entrichteten, durch die Erneuerung eines nationalen Inhaltes in moderner Kunstweise. Es ist klar: von dem Antheile der Künstler jüdischer Abkunft ist die Rede. Die Kraft und die Farbe althebräischer Weise käme auch der modernen Kunst zustatten. Aber diese Künstler müssen von ihrem Volke nicht gebeten sein, sie müssen von selber kommen. Und sie werden kommen. Das Judenthum wird auch seine Dichter haben, wenn erst die Dichter Judenthum haben werden. Weltchronik. Dreyfus begnadigt. Der französische Ministerrath hat principiell die Begnadigung des Capitäns Dreyfus ausgesprochen, und Dreyfus hat auf das Revisionsbegehren verzichtet. Der rasch erfolgte Begnadigungsbeschluss der Regierung beweist, dass sie der Meinung der Welt hinsichtlich des Renneser Urtheiles theilt. Dreyfus ist nun frei, seine Leiden haben ein Ende erreichlt. Er erhält noch immer täglich Sympathiekundgebungen aus allen Ländern. Darunter sind Adressen mit vielen tausend Unterschriften. Aus diesen Freundschaftsbezeugungen mag Dreyfus Trost schöpfen. Vor dem Forum aller rechtlich denkenden und vorurteilslosen Menschen ist er freigesprochen und nicht begnadigt. DerTodScheurer-Kestners. Senator Sc h eurer-Kestner, der berühmte Vorkämpfer für die Unschuld Dreyfus’, ist am 19. September gestorben. Am 15. November 1897 veröffentlichte der „Temps" einen vom Senats-Vicepräsidenten Scheurer-Kestner geschriebenen Brief, in dem er sein Bedauern über die Ungesetzlichkeit ausspricht, die im Processe Dreyfus begangen wurde. Dieses Schreiben, welches grosses Aufsehen erregte, war einer der ersten Alarmrufe der Intellectuellen in der Dreyfus-Affaire, ein weithin tönender Schrei jener zuerst so kleinen Minorität von Männern, welche in dieser Angelegenheit sich ewigen Ruhm erworben haben. Am 7. December brachte er die Sache im Senate vor und Kriegsminister Billot wie Ministerpräsident Meline antworteten mit den Versicherungen, Dreyfus sei schuldig. Seit jener Zeit ist Scheurer stets im Vordergründe der Kämpfer für die Rehabilitierung Dreyfus’ gestanden und hat immer und immer wieder in alle Discussionen eingegriffen. Er hat sich durch alle Schmähungen, die ihm in der wüthenden Schmutzpresse zutheil geworden sind, durch alle Verdächtigungen, welche man gegen ihn als Elsässer erhob, niemals irre machen lassen und nur seine Krankheit hinderte ihn, im Processe zu Rennes auszusagen. Scheurer-Kester ist 66 Jahre alt geworden. Die Juden sind . . . . Eine Sachbeschädigung eigener Art führte dieser Tage den Kaufmann Konitowski vor die 134. Abtheilung des Berliner Schöffengerichtes. Eines Tages sah er in der Friedrichsstrasse den Druckschriftenhändler Neumann antisemitische Druckschriften feilbieten. In einer Hand hielt Neumann in Gesichtshöhe ein Placat, welches die mit fetten Lettern gedruckten Worte: „Die Juden sind" und darunter zwei Schweine zeigte. Konitowski,der Jude ist, ärgerte sich über das Placat, entriss es dem Händler, zerriss es und warf die Fetzen auf den Strassendamm. Neumann veranlasste seine Festnahme durch einen Schutzmann. Die Zeugen bekundeten, dass durch Neumann fast täglich Aufläufe in der Friedrichsstrasse