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Die Welt · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
38 (22.9.1899)
Article
Solidarität
Date
1899-09-22
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 38 Seite 5 „Die Welt“ Revolution" uns zuerst die Menschenrechte gebracht, hatten doch französische Armeen in Mainz und Frankfurt, in Rom und Neapel zuerst verkündet, der Jude sei auch ein Mensch. Man macht den Juden so oft den Vorwurf, dass sie eine besondere Vorliebe für alles Französische hätten, dass Heine und Börne, Meyerbeer und Offenbach in Paris eine zweite Heimat suchten. Aber man vergisst, dass sie Gastrecht in dem Lände fanden, das die Mauern des Ghettos zerbrach und aus Objecten namenloser Willkür freie Männer schuf. Die Dankbarkeit der Juden ist unbegrenzt gewesen. In Scharen sind sie an den Seinestrand gepilgert, um mitzuarbeiten an Frankreichs Grösse und Ruhm. Juden waren es nicht zum wenigsten, die zum Glanze des zweiten Kaiserreiches beitrugen. und als Frankreich dem deutschen Sieger erlag, da war es ein Jude, Adolphe Cremieux, der noch vor Gambetta den Volks widerstand zu organisieren begann. Französischen Unterricht und französische Ideen führte die Alliance israelite universelle in ihren Schulen ein, durch den ganzen Orient hat sie für das Franzosenthum Propaganda gemacht. Und unser Vertrauen zu clem Volke der Gerechtigkeit war so gross, dass man noch vor wenigen Jahren die Idee eines antisemitischen Frankreich für absurd erklärte. Das alles ist ein grosser, fortdauernder Irrthum gewesen! Hundert Jahre sind wir gläubigen Gemüthes der UebErzeugung gewesen, jenseits der Vogesen habe das Recht einen Zufluchtsort, dort sei die Heimat der Heimatlosen. Uncl nun werden uns die Augen geöffnet und wir sehen so jäh die nackte, erbarmungslose Wahrheit, dass viele von uns in den Fehler des verschmähten Liebhabers verfallen, der den Gegenstand seiner früheren Neigung mit grimmigem Hasse verfolgt. Die Lehre ist bitter, aber nützlich. Wir selbst mit unserem unverbesserlichem Optimismus sind an der Enttäuschung Schuld. Wir beurtheilten die anderen Völker nach uns selbst und. meinten, man könne uns uneigennützig, um unserer selbst willen, als gleichberechtigte Menschen achten und lieben. Aber der Jude ist für die Massen um ihn her nur ein Factor in dem grossen Rechenexempel materiellen Gewinnes. Nicht meil man ihn liebte, hat man ihn emancipiert, nicht weil man ihn achtete, hat man ihm die Sclavenketten abgenommen. In einer kurzen Spanne Zeit hat man sein Capital, seinen angeborenen Handelsgeist, sein industrielles Genie ausgenützt, weil man ihn brauchte, weil der gewaltige Aufschwung der Maschinentechnik und die dadurch bedingten Geldverhältnisse ihn unentbehrlich machten. Und nun ist er nicht mehr unentbehrlich. Da empfindet man den Juden plötzlich wieder als Fremdkörper im Volksorganismus und sucht ihn auszustossen. Und Frankreich, angeblich das Land der Gerechtigkeit und Freiheit, der Gleichheit und Brüderlichkeit, macht keine Ausnahme. Wer weiss, wie lange es noch dauert, bis sich auch in den Ländern der angelsächsischen Rasse der Antisemitismus regt und man uns jenseits des Canals beweist, dass die heutige England Schwärmerei vieler Juden genau so unberechtigt ist, wie die bisherige Liebedienerei den Franzosen gegenüber. Aber es ist doch ein Unterschied in dem Antisemitismus der Völker. Auch in Deutschland haben wir unsere „Bewegung“ gehabt und wenn sie nun auch im Niedergänge begriffen ist, so haben wir doch die Tage ihrer Macht nicht vergessen. Was aber dort in Rennes vor sich gl eng, das wäre, mit Befriedigung sei es gesagt, bei uns unmöglich gewesen. Nur ein degeneriertes, bis ins Mark angefaultes Volk, konnte dieser Justizkomödie zujubeln. Wäre dieser Process gegen einen Juden in Smyrna oder Saloniki geführt worden — sicher hätte ganz Europa von orientalischer Uncultur gesprochen. Wie man denn stets bei der Hand ist, ..geordnete Zustände" in anderen Ländern zu schaffen, während man wahrlich zuhause ein grosses Arbeitsfeld hätte!! In Deutschland hätten sich keine Officiere gefunden, um falsches Zeugnis gegen einen ihres Standes zu legen und die Minister hätten nicht die Schuldigen frei umherlaufen lassen. Jene amtliche Erklärung, welche die deutsche Regierung zur „Wahrung ihrer eigenen Würde und zur Erfüllung einer Pflicht der Menschlichkeit" erliess, wird für immer als ein Denkmal deutschen Gerechtigkeitsgefühles und wahrer Cultur bestehen bleiben. Müssen wir Juden uns einer modernen Cultur ansehliessen, müssen wir Pionniere fremder Interessen sein, um unseren eigenen dienen zu können, dann wissen wir heute, wo unser Platz ist. Die Dankesschuld an Frankreich ist abgetragen. Aus den Alliance-Schulen wird die französische Sprache verschwinden. Wir haben kein Recht, die Träger einer hohlen, äusserlichen Cultur zu sein, einer Cultur, welcher der Begriff des Rechtsstaates fremd ist. Wir müssen dem deutschen Volke verständlich machen, dass wir sein mannhaftes, ehrliches Eintreten für unseren unglücklichen Stammesbruder bewundern und gewillt sind, ihm dafür zu danken. Den besten Lohn trägt freilich die gute Handlung in sich selbst. Deutschlands moralischer Credit ist durch jene amtliche Erklärung in der ganzen Welt erheblich gesteigert worden. Und auch seine innere Kraft wird mächtig durch die Erkenntnis gewinnen, welcher Segen für ein Land im Bestehen einer kraftvollen monarchischen Regierung liegt. Auch im Eisass wird man bald einsehen, dass eine neuere Annäherung an das Reich geboten ist. Wir Juden aber sollten überall, wo deutsche und jüdische Interessen sich berühren, die ersteren zu fördern suchen. Die Probe darauf kann im Oriente gemacht werden. Wir haben heute noch wenig zu bieten. Aber jährlich wandern tausende und tausende von Stammesbrüdern nach dem Osten und lassen sich dort als Bauern und Handwerker nieder. Sie können und werden den deutschen Einfluss stützen. Wenn Deutschland sein eigenes Interesse versteht, so wird es dafür sorgen, dass die Judenwanderung stetig und ungehindert vonstatten geht. Die deutsche auswärtige Politik der letzten Jahre ist aber so weitausschauend gewesen, dass wir wohl auf volles Verständnis rechnen dürfen. Frankreich mag man ruhig seinem Geschicke überlassen. Die finsteren Mächte,, die es selbst beschworen, werden unerbittlich ihr Werk verrichten. Anarchie und Machtlosigkeit nach aussen haben das unglückliche Land seit einem Jahre heimgesucht uncl das Gespenst des Bürgerkrieges schreitet drohend durch die Städte. Gefühle der Rache, der Schadenfreude sind unserer nicht würdig. Der moderne Künstler in seiner Stellung zur nationalen Geschichte. Von Bernhard Tag. (Schluss.) Die Kunst weiss auch davon zu erzählen: die historische Kunst ist die schönste Erzählerin nationaler Begebenheiten, nationaler Vergangenheit. Es ist wahr: von deutscher Vorzeit muss uns nicht gerade ein Deutscher reden; es hat ja ein jeder Künstler das Recht, den durch die Zeiten angesammelten Schatz zu heben. Shakespeare redet uns von der Vergangenheit seines eigenen Volkes, aber er weiss auch von den Römern zu erzählen Goethe spricht von den Deutschen, aber auch von den Griechen. Wenn nun gerade dadurch bezeugt wird, wie sehr der neueren Kunst das universal-historische Princip zu eigen ist, so wird an Beispielen, wie etwa an der Kunst Richard Wagners, der Malerei Matejkos, den historischen Dichtungen von Sienldewicz, deutlich zu sehen sein, welche eigenartige und gewaltige Schöpfungen hervorgehen können, wenn ein national-geschichtlicher Stoff von einem nationalen

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