Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 38 (22.9.1899)
- Article
- Succoth
- Date
- 1899-09-22
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die \ 2$^ Weit“ Nr. 38 Es gab im alten Israel kein fröhlicheres Fest als Succoth. Die natürliche Freude an den gefüllten Scheunen musste mächtig gesteigert werden durch die Erinnerung an die erntelose Wüstenzeit, die den Lebensunterhalt auf Zufall und Wunder hin wies. Kein Schmerz ist heftiger, singt der düstere Dichter der „Göttlichen Komödie“, als sich im Elend an glückliche Zeiten zu erinnern. Wenn das richtig ist, so kann keine Freude lebbliafter sein, als die, in welche sich die Erinnerung überwundenen Leides mischt. Sie hatten allen Grund, fröhlich zu sein, die Kinder Israels, wenn sie zwischen wohnlichem Haus und reichem Erntesegen in ihren Succoth sassen! Wenn sie die Thüre des Holzbaues schlossen, durften sie sich einbilden: sie wären noch in der Wüste, und dies wäre ihr eigentliches, ihr einziges Heim; und draussen lauert die Gefahr, der Feind, der die Schwachen im Rücken anfällt, die Unruhe, die Unstetigkeit, die Sorge, die der Tag dem Tag vererbt. Und das alles nur ein Traum, den man nach Belieben ruft und wegscheucht, ein Traum, aus dem man erwacht, wenn man die Thüre wieder öffnet und in den Sonnenschein schaut und auf sein gutes, steinernes Haus und sein liebes, gesegnetes Feld! In diesem seligen Aufathmen nach jäh behobenem Alpdrücken bestand die eigentliche, die officielle Festesfreude. Neben dieser Hauptfreude, der naiven und selbstverständlichen, regte sich aber gewiss auch eine geheime, von der freilich die Bibel nichts aussagt, weil sie das Fest aus der Wüste datiert und jene Zeiten, die es in seine Wirklichkeit hineinhoben, nur an deutet. Jene etwas selbstspöttische, etwas stolze Freude des Reichen, der die Stätte seiner einstigen Armut aufsucht. In Ausstellungen wird die Entwicklung der Technik dadurch sinnenfällig gemacht, dass eine kluge Hand eine Maschine, ein Instrument von den ersten Anfängen bis zur letzten Vervollkommnung, die vielen Stufen nebeneinander vorführt. Es ist, als höhnte der höhere Culturzustand den niedrigeren. Und man hört oft, wenn man in der Menge der Beschauer steht, Bemerkungen, aus denen der ganze eitle Stolz des Menschen über seine Zeit herauslacht, die soviel Roheit und Ungeschicklichkeit überwunden und zu solcher Verfeinerung und Vollkommenheit sich tüchtig emporgearbeitet. Aus dem Geschlechte dieser Freuden stammt auch die Succoth- Freude. Die Succah sollte wohl nach der Absicht des Gesetzgebers durch eine leicht wirken de Suggestion die Erinnerung an die langentschwundene Zeit der Wüstenwanderung mühelos aufsteigen lassen. Aber so nebenbei weckte sie auch Empfindungen, ähnlich denen des vergleichenden Ausstellungsbesuchers. „In dieser Armseligkeit und Unsicherheit lebten sie zu j ener Zelt, wir hingegen, die Enkel, d ie wir aber auch ganz andere Leute sind, haben es vie* weiter — herrlich weit gebracht.“ So erinnerten, so freuten sich unsere Väter, erinnerten sich, indem sie in Laubhütten sassen, freuten sich, weil die Laubhütten auf eigenem, gesichertem Grund und Boden standen. Wo immer Kinder Israels innerhalb der vier Wände der Succah sitzen, stellt sich dieselbe Erinnerung an jenen traurigen Punkt ihrer Geschichte ein, die Erinnerung an die vierzigjährige Wüsten Wanderung. Ihre Erinnerungen konnten unsere Väter uns erben lassen. Nicht so ihre Freuden. Denn es ist nicht gleichgiltig, von welcher Stelle aus man sich an den Ausgangspunkt der Erinnerung zurückbegibt. Wie jedes Bild, so erhält auch das Erinnerungsbild je nach dem Abstand seine eigentümliche Färbung. Elend sieht sich verschieden an, je nachdem man es vom Elend oder vom Glück aus betrachtet. Wir Juden von heute feiern Succoth als Fest der Erinnerung an eine Armut, in welche wir nach einem kurzen Intermezzo von Glück und Wohlstand zurückversunken sind. Kann dieses Erinnern uns Freude schaffen? Ja freilich, wir wohnen in steinernen Häusern. Ach, wenn es wirklich nur aufs Material ankäme! Aber diese Häuser in den Städten gewähren nicht mehr Sicherheit als jene Zelte in der Wüste. Die Zelte brachen wir selber ab, wenn wir weiter wollten. Und gerade, wenn wir nicht weiter wollen, gerade, wenn wir anfangen, uns heimisch zu fühlen, jagt man uns aus den Häusern. Ist das ein Unterschied, der zugunsten unserer Lage ausfallt? Was hat das Judenhaus von heute vordem Judenzelt von einst in Wirklichkeit voraus? Im Gegenteil: Wenn, man denn schon nicht auf die Dauer eingerichtet sein sollbietet das Zelt gewisse Vorteile. Dem Verluste entrinnen wir nicht: da ist es immerhin tröstlicher, wenig zu verlieren als viel. Wenn etwas imstande ist, die Bitterkeit dieses Gedankens zu verstärken, so ist es die Beobachtung, mit welch kindischem Benehmen ein grosser Theil unseres Volkes seinem Unglücke begegnet. Vor dem nackten Elend graut ihnen, und so bekleiden sie es mit Einbildungen und Selbsttäuschungen, und putzen es mit Eitelkeiten und Selbstgefälligkeiten auf. Aber so wenig die gemusterten Tapeten, mit denen sie die Wände ihrer Succah überziehen, oder die farbigen Papierguirlanden, mit denen sie die Decke behängen, aus der Hütte ein Haus machen, so wenig gelingt es selbst einem phantasiereichen Um-jeden-Preis-Optimisten, die trostlose Unsicherheit unserer Lage wegzutäuschen. Es ist besser, man nennt das Ding beim rechten Namen, also schwarz—schwarz, die Juden — Nomaden und Succoth — ein aus seinem Geleise geratenes Fest. In welches Land wir Juden auch immer hinkommen, früher oder später wird es um uns wüste oder Wüste: das ist dasselbe. Wir sind flüchtige Leute, wir haben keinen wirklich festen Wohnsitz, wir kennen keine Ruhe, keinen Bestand, kein Behagen. Für fahrendes Volk ist Succoth kein Fest. Denn es erinnert uns an Leid — zu Leide. Geheuchelte Freude schmeckt bitter, und man soll Freude nicht commanclieren, sondern Elend wegräumen. Trachten wir, dass das Erinnerungsfest wieder zum Freudenfeste werde! Unsere Succah muss in unserem Lande stehen. Dann ist das Succoth der Väter wieder unser! Solidarität. Von Dr. 8. Friedemann. Friedrich Nietzsche pflegte zu sagen : „Gewissensbisse sind unanständig.“ Seine Lehre macht sichtlich Fortschritte. Mit Jubel hat das Volk von Paris den Urteilsspruch vom 9. September 1899 aufgenommen und dadurch bekundet, dass es den Justizmord in Rennes billigt. Und jetzt, da der Ministerrath die Begnadigung des Drevfus ausgesprochen, erheben die Massen, die hinter Drumont stehen, ein neuerliches Wutgeschrei. Denn der einzelne kann seinen Irrthum eingestehen und ihn zu sühnen versuchen; ein Volk aber bereut nicht und sühnt nicht, weil es fürchtet, .sein Selbstgefühl mit dem Eingeständnisse der Schuld einzubüssen. Ist doch das nationale Selbstbewusstsein leider meistens nicht auf wahrer Selbstachtung, sondern auf üb erhebendem Chauvinismus aufgebaut, der jede Selbstkritik zurückweist. Es werden schwere Schicksalsschläge über Frankreich kommen müssen, ehe es begreifen lernt, dass sich jede Schuld auf Erden rächt. Dreyfus ist aber verurteilt, daran ändert auch seine Begnadigung nichts. Und hei der Cönstatierung dieser Thatsache wird mancher von uns ein Gefühl empfinden, wie -wenn er im Kampfe des Lebens durch trübe Erfahrungen gezwungen wird, mit dem alten liebgewordenen Kinderglauben zu brechen. Denn dies Frankreich, das heute johlend und tobend die Ehrabschneider aus dem Generalstabe begrüsst, dies Land der Vorurteile und der nationalen Beschränktheit ist uns Juden seit hundert Jahren ein Gegenstand frommen Glaubens gewesen. Hatte doch die „grosse