Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 38 (22.9.1899)
- Article
- Die deutsch-französische Annäherung
- Date
- 1899-09-22
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 38 „Die Welt44 Seite 3 dieses körperlich und moralisch verunstalteten Wesens? Wegen dieses Nachtvogels mit Krummschnabel wird Frankreich seit zwei Jahren in seinen Grundfesten erschüttert? Man würde nicht zwei Sous geben, um ihn zu sehen, und er hat uns schon mehr als zehn Millionen gekostet.“ Zwar schreibt in der „Libre Parole“ Drumont: „Wo ist der Patriot, der nicht vor Wuth schreit und von Ekel erfasst würde, wenn er denkt, dass der ganze Ruin Frankreichs das Werk eines einzigen Juden ist?“ Es wird dem Juden — und man darf wohl sagen, gerechterweise — zum Vorwurf gemacht, dass er nicht die patriotische Selbstentäusserung besessen habe, im Interesse des Generalstabs-Renommees eine so geringfügige Strafe wie lebenslängliche Deportation, auch wenn sie von einem Justizmorde herkam, einfach hinunterzuschlucken. Und diese Blätter finden zu Hunderten und Tausenden Absatz. Aber gerade die unerhörten Provocationen der Catilinarier und Prätorianer, haben die Sache der Gerechtigkeit stärken müssen. Wenn die jetzige französische Republik in einem merkwürdigen Parallelismus der römischen der Cicero, Pompejus und Catilina gleicht, so fehlt doch der Cäsar. Und vielmehr dürfte aus diesen Wirren eine Befestigung des republikanischen Sinnes hervorgehen, unter dessen Zirmen auch die Juden in gefesteter Ruhe und Sicherheit leben würden. Sogar in Deutschland sollte die „eigenthümliche“ Stellungnahme der „Kreuzzeitung“ zu der Dreyfus-Affaire bis in die Reihen der conservativen Partei unangenehm berührt haben. Zwar das „Kleine Journal“, das die „Jüdische Kreuzzeitung“ genannt worden, braucht mit ihren Notizen über Stimmungen innerhalb der conservativen Parteinieht gerade ernst genommen zu werden, und wirklich liess die „Conservative Correspond enz“ ein energisches Dementi auf den Fuss folgen. Aber auch die „Kölnische Zeitung“ sprach von „verkehrsfeindlichen Junkern“ und deutete einen Umschwung in der gesummten Regierangsternlenz an. Und wenn die Politik, die der deutsche Kaiser in seinen letzten Reden proclamierte, der Zusammenschluss von Industrie und Landwirtschaft nichts anderes bedeuten mag, als die Fortsetzung der erprobten Bismarck’schen Politik, so dürfte die des jungen Kaisers sich doch um vieles moderner gestalten als die des Altreichskanzlers, der 1815 in einem preussischen Junkerhause geboren war. Wiederum dürfen die Juden einer höchst gerechten Zukunft entgegensehen. In den ersten rudimentären Zeiten der Bewegung mögen die Zionisten solchen Vorzeichen einer friedlicheren Zukunft weniger entzückt gegenübergestanden haben, als etwa dem Dreyfus-Processe. Sie waren gewohnt, aus allen Blüten — Essig zu saugen, und in der That dürfte die tiefste Nothwendigkeit des Zionismus in der unsicheren Stellung der Juden innerhalb ihrer Gastvölker gelegen haben. Aber zu diesem ersten negativen Grunde kamen dann doch bald positive hinzu: Gerechtigkeitstendenzen, colonisatorische, die in den allgemeinen Tendenzen der Epoche lagen. Und diesen kommt doch auch die deutsch-französische Annäherung zustatten. Es führen nicht nur nach Rom viele Wege, sondern auch nach Zion. Succoth. Von Bernhard Fuchs. Zwei Arten von Festtagen feiern wir Juden. An den einen setzen wir uns mit einem ewigen Ideal in Beziehung und führen unsere vom Alltagsgetriebe abgenützten Seelen m eine Zeitenlosigkeit, in der es keinen Wechsel und keinen Wandel gibt. An den anderen führen wir unsere Seelen aus der Zeit, in der wir leben, hinweg in eine, die gewesen. Von der ersten Art ist der Versöhnungstag, von der zweiten das Laubhüttenfest. Was sie im Wesen unterscheidet, machen wir uns in einem Bilde klar. Das V ersöhnungsfest ist wie ein transportables Haus, einmal — im Anbeginn aller Geschichte — erbaut, und von da ab aus einem Jahr ins andere, aus einem Jahrhundert, ins andere rollend, in immer neuer Umgebung das alte, unveränderliche Haus. Das Laubhüttenfest aber ist wie ein Haus, clas in einem bestimmten Zeitpunkt unserer Geschichte gebaut und auf beweglichen, verschiebbaren Grund gesetzt ward. Es selber bleibt an gleicher Stelle, unter demselben Stern, es ist aber immer unsere Zeit, unsere Verhältnisse, die dem unzerstörbaren Fest untergeschoben werden, und wir müssen jedesmal prüfen, ob das Haus auf dem neuen Grund sicher beruht. Eine solche Revision muss sich das Fest gefallen lassen, weil es eines der Erinnerung ist. Erinnern aber heisst: sich zurückbegeben zu einem Punkte, den wir auf unserem Marsche zurückgelassen hatten. So führt uns das Succothfest in die Wüste, in das Zeltlager der Kinder Israel. Ihr sollt in den Hütten wohnen sieben Tage, weil ich die Kinder Israel in Hütten habe wohnen lassen in der Wüste: diesen Grund des Festes gibt die Bibel an. Es gibt aber eine doppelte Weise, sich zu erinnern. Man kann den Gedanken in eine vergangene Zeit zurückschweifen lassen, ohne Plan, ohne Absicht. Und man kann sich selber, wie man geworden ist, mit allen Aenderungen seines Zustandes, in eine überwundene Periode zurückversetzen und an dem, was w a r, vergleichend ermessen, was ist. Solcher Art ist die Erinnerung dessen, dem ein Fest mehr bedeutet, als eine Reihe von Tagen, die einer gebotenen Freude voll sind. Sich in eine Holzhütte setzen, ist noch lange kein Erinnerungsfest. Und wer sich nicht in eines jener Wüstenzelte hineinträumen kann, von denen seine Succah eine symbolische Nachbildung ist, der feiert kein richtiges Succoth, und seine Erinnerung tritt aus dem Zusammenhang der Zeiten heraus. Wer nicht gerne in der Schablone eines Festes verharrt, wird sich die Zeit, in der es eingesetzt wurde, die äusseren Umstände, in die es sich einfügte und den Sinn, den es ursprünglich hatte, seine mitgegebene Seele gleichsam, vergegenwärtigen und verdeutlichen. Die Kinder Israels waren noch in der Wüste, lebten noch in richtigen Zelten, als sie das Gebot „für alle Geschlechter“ erhielten, sieben Tage im Jahre in Zelten zu wohnen. Sich an einen Zustand erinnern, in dem man noch lebt, aus dessen Grenzen man noch nicht herausgetreten, ist unnütz, ja, mehr als das, widersinnig. Und in der That ist das Gebot der Succah, wenn auch in der Wüste erlassen, doch eigentlich erst für die Zeit bestimmt gewesen, da Israel in seinem Lande und die Hütte vom Haus ab gelöst wäre. Succoth ist also das Fest des Sesshaften, der einst Nomade gewesen, des Hausbesitzers, der einst von Lager zu Lager zog, das bewegliche Haus überallhin mittragend. Damit stimmt überein, dass Succoth, als wir noch Herren im eigenen Lande waren, zugleich unser Erntefest bedeutete. Der Nomade bestellt kein Feld, heimst keine Ernte ein. Er lebt von dem, was ebensowenig wie er selber oder seine Heimstätte an die Scholle gebunden ist, von seiner Herde, die er weiterfcreiht, wenn er sein Zelt abbricht. Den Abstand, der zwischen Hütte und Haus, zwischen dem Lehen des Nomaden und dem des Dauersiedlers liegt? drückt die Bibel nur auf eine andere Art aus, wenn sie die sieben Succothtage in die Jahreszeit verlegt, wo die Erde ihrem anhänglichen Sohne sich dankbar erweist.