Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Article
- Das fremde Volk
- Date
- 1899-09-15
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die Welt“ Nr. 37 seines uns ewig fremden Wesens auf.“ So ist für jede Art der jüdischen Bewegungen eine Formel in Bereitschaft. Um sie herbeizuschaffen, zögert Chamberlain nicht, in jüdische Taschen zu greifen, ein Handgriff, der seit zwei Jahrtausenden geübt wird, so dass man seine Agilität unschwer aus dem Atavismus zu erklären vermag. Chamberlain wendet eine unendliche Mühe auf, die geistigen Associationen zwischen der christlichen und der jüdischen Religion zu zerschneiden. Das Christenthum soll nur „scheinbar“ aus der Mitte des Judenthums hervorgegangen sein; es hat, nach seiner Meinung, nichts mit ihm zu schaffen, ist ihm völlig fremd. Jeglichen Einfluss der älteren Religion auf die neuere leugnet er, jede Verwandtschaft. Dennoch schreibt er die Sätze nieder: „Und während das Volk auf diese Weise fasciniert wurde, studierten die Gelehrten und heiligen Männer Tag und Nacht in den Büchern der Hebräer: von den Aussprüchen jüdischer Hirten, wie Arnos und Micha, getroffen, fielen die Denkmäler einer Kunst, wie sie die Welt nie wieder erblickt hat; vor dem Hohn jüdischer Priester sank die Wissenschaft verachtet dahin; entvölkert wurden Olymp und Walhall, weil es die Juden so wollten.“ Von hier aus müssen wir Chamberlain in die Bibel hinein nachsetzen. Hier ist die Stelle, wo er einen unentrinnbar in den Strudel theologischer Streitigkeiten zerrt, und man alle Aufmerksamkeit anspannen muss, um in dieser kunstvollen Vermischung aus Wahrheit und Lüge nicht irre zu werden. Einstweilen aber brauchen wir die Bibel noch nicht. Ehe ich mühelos zeige, wie Chamberlain den Geist, der ihr entstiegen ist, erst fälscht und dann beschimpft, möchten doch erst die tatsächlichen Unrichtigkeiten festgestellt sein, deren er sich in seiner pathetischen Ausrufung bedient. Die Schilderungen, welche die Kirchenväter von der Verwüstung R.oms entwarfen, nennt Gregorovius übertrieben. In ihrem heiligen Glaubenseifer malten diese heiligen Männer den Götzensturz in zu lebendigen Farben. Gregorovius sagt: „eine spätere Aufzeichnung aus der Epoche Justinians beweist, dass man, wenn nicht zur Zeit, wo dieselbe verfasst wurde, so doch im V. Jahrhundert 3785 eherne Bildsäulen der Kaiser und grossen Römer in der Stadt gezählt hat“, und er schliesst, dass Rom „dennoch, selbst nach den Plünderungen durch Gothen und Vandalen, bis in die Zeit Gregors des Grossen hinein, an öffentlichen Kunstwerken reicher war, als es heute alle Hauptstädte Europas zusammengenommen sind.“ Besonders die letzten Worte frappieren, und man könnte aus dieser Schätzung des über alle Zweifel erhabenen Gregorovius eine Folgerungsfrage radicalster Art über die Schaffenskraft der nachfolgenden Geschlechter und Rassen ziehen. Doch genügt es, ohne alle Abschweifung, wenn der Nachweis erbracht ist, dass nicht nur die „jüdischen Priester“, wie Chamberlain die Kirchenväter nennt, es waren, von denen Kunstdenkmäler gefällt wurden, dass nicht die Worte alttestamentarischer Hirtenpropheten allein so vernichtend gewirkt haben, sondern dass es weit mehr die Gothen und Vandalen gewesen, die das Zerstörungswerk als erobernde Krieger verrichteten, Völker, welche der Sprüche des Arnos und des Micha nicht erst bedurften, als sie Kunstwerke edelster Art im Siegerübermuth zertrümmerten. Gregorovius erzählt als ein Beispiel, wie im vierten und fünften Jahrhundert die Tempel misshandelt wurden, von Serena, der Gattin Stilichos, welche nach dem Einzug des bigotten Theodosius „in den Tempel dei* Rhea dräng, vom Halse der Göttin den kostbaren Schmück nahm, und ihn sich selber anlegte:“ Auf jüdischen Hohn^ auf Micha und Arnos lässt sich diese, That nicht zurückführen. Darum spricht auch Chamberlain nirgends von dergleichen Dingen. Er, der Archive durchstöbert hat, will von diesen zugänglichsten Ereignissen nichts wissen. Er, der vorgibt, die Erscheinungen in ihre Ursächlichkeiten zu verfolgen und sie in alle ihre treibenden Elemente aufzulösen, unterscheidet bei dem Vernichtungskrieg der ersten Jahrhunderte gegen antike Schönheit nicht ein einzigesmal zwischen den vielen Kräften, die daran theilnahmen. Er will nichts von den Vergehen der Eigensucht, am wenigsten aber von dem Wüthen der Gothen wissen. Er subsummiert alles miteinander unter den Einfluss jüdischen Geistes. Kühn in seinen Anklagen, ist er von dem gleichen Wägern uth inseinen Vergleichen, und er stellt Olymp und Walhall zusammen, als ob auch Kunstwerke, die zu Wotans Ruhm bestanden hätten, vor den Juden in die Erde versunken wären. Nimmt man die Wotanseiche aus, die der heilige Bonifacius gefällt hat, die aber doch nicht von Menschenhänden ersonnen und errichtet wurde, so bleiben nur Blutaltäre, Schädelstätten und Runen zurück, und wenn Gultur oder Kunst bejammert wird, kann der Olymp, der den Erdkreis mit Wundern an Schönheit überstreute, nicht neben Walhall kommen, von der ein Glanz später Poesie und Kunst erst ausgieng, als sie längst entschwunden war. Klagt aber Chamberlain nur um die alten Götter, dann hat er wohl'Recht zu dieser Gleichstellung. Doch wenn er ihren Sturz beweint und den Juden die Schuld daran beimisst, dann stellt er sich, als glaube er, die alten Götter hätten neben der neuen Lehre vom einzigen Gotte wohl fortbestehen können. Er stellt sich, als wüsste er nicht, dass vorder Gewalt des neuen monotheistischen Gedankens, die Vielgötterei unbedingt und unrettbar weichen musste. Sollte der einzige Gott herrschen, dann mussten die anderen Götter alle in Schutt und Staub fallen. Es ist albern, die zwingende Macht dieses Vorganges absichtlich zu übersehen, damit man die Tendenzphrase aussprechen kann: „Olymp und Walhall wurden entvölkert — weil es die Juden so wollten.“ F. S. Der Talmudbauer. (Aus dem Leben der Juden in Palästina.) Von H. York-Steineh (Fortsetzung.) „Gewiss, Vater, es heisst aber auch im Talmud Aboth: „Nicht das Studium ist die Hauptsache, sondern die That.“ „Damit, liebes Kind, ist nicht die Arbeit gemeint, sondern die Ausübung des Lebens.“ „Gewiss, lieber Vater, verzeiht, aber der Le’bensspruch Rabbi Schernajas, des grossen Lehrers von Rabbi Hiilel, war: „Liebe die Arbeit!“ Und als Simeon aus Sichim, der ein berühmter Brunnengräber war, den grossen Rabbi Jochanan ben Sakai traf, da sagte er ihm : „Ich bin so wichtig wie Du, denn auch ich diene einem Bedürfnisse. Bist Du ein grosser Lehrer des Gesetzes, dienst Du dem geistigen Bedürfnisse, so diene ich dem körperlichen, indem ich das Wasser herbeischaffe.“ „Das hast Du Dir gut gemerkt,“ lächelte der Vater. „Aber Du wirst doch zugeben, dass es Schüler des Gotteswortes geben muss, so gut wie Brünnengräber." „Das ist richtig, aber nochmals, verzeiht, mein Vater, es heisst auch, ,die Lehre Gottes soll kein Broterwerbseih4, Du weissty dass unsere grossen Tanajim, die Lehrer des Talmuds, Arbeiter und Handwerker waren. Darum heisst es' ja im Tractat Kiduschim : „Wehn jemand seinen Sohn: keine Handarbeit lernen