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Die Welt · 1899-09-15 · 37 (15.9.1899) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
37 (15.9.1899)
Article
Großes, vollständiges Wörterbuch der alt- und neuhebräischen Sprache [Rezension]
Date
1899-09-15
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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„Die A Weit“ Nr. 37 Seite 13 aufmerksam, und empfehlen es allen national Empfindenden zur angelegentlichen Förderung. M. Z. „Das fremde Volk.“ m. Es ist leider unerlässlich, dem Verfasser der „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts“ bei seinem Einbrüche in die Bibel nachzueilen. Wie in feindliches Gebiet fällt er plündernd in die heiligen Bücher, und aus der Beute, die er da und dort zusammenhanglos errafft, schmiedet er Indicien und schafft sich Zusammenhänge. Nun man ihm folgen muss, um einiges von wesentlicher Bedeutung seinen drehenden Händen zu entwinden, ist freilich ein fataler theologischer Streit angefangen, den man heute so gerne vermeidet, aber Chamberlain erzwingt ihn, selbst bei der Indolenz. Obwohl er betheuert, er wolle „das Schwergewicht nicht auf den gefährlichen Boden religiöser Voreingenommenheit hinüiberwälzen“, wühlt er dennoch diesen Boden auf, trägt Gewichte über Gewichte herbei und weiss so aufreizend zu sein, dass die flüchtigen Artikel und das Zeitungsgeschimpfe antisemitischer Analphabeten verpuffen neben der Explosionsgewalt der gelehrten Bomben des gelehrten Chamberlain. In der Folge nimmt man denn auch Beiheuerungen, wie jene hier angeführte, nicht als den Ausdruck einer ehrlichen Absicht, sondern als Manöver, als eine geschickte, gerade in ihrer consequenten Verlogenheit meisterlich geübte Taktik. Wie er sich mit der Miene der Biederheit gegen den eventuellen Vorwurf verlheidigt, auf religiöse Voreingenommenheit zu speculieren, so wendet er sich kurz vorher gegen die „Humanitätsduselei“. Er unterscheidet hier scharf. Wo er mit den Juden rechtet und Andere auf ihre Kosten herausstreichl, heisst ihm die Humanitätsduselei „Toleranz“. Nach ihm haben die Juden die Humanität nur „insoweit mitgemacht, als sie ihnen selbst zum Vortheile gereichte“. Dieser Satz steht unter seinen Prämissen, gleich am Anfänge, und jeder wird erkennen, dass Chamberlain auf religiöse Voreingenommenheit eigentlich verzichten könnte, da er so viele andere Voreingenommenheiten hat. Wer heute, nach beinahe hundert Jahren jüdischer Mitarbeiterschaft im Kampfe um geistige Freiheit, nach den Blutzeugenschaften, die sie auf Schlachtfeldern und Barrikaden um die idealen Güter Anderer abgelegt haben, den Juden einen solchen Vorwurf zuschleudert, der darf von sich kaum sagen, dass er ein unbefangen Forschender sei. Und wer einer wissenschaftlichen Untersuchung derlei Anklagen voraussendet, dem sind Wissenschaft und Wahrheit verschiedene Dinge, ln einem höheren Sinne hat *die Humanität schliesslich jedem Volke, das sich ihr zuwandte, „zum Vortheile gereicht“, und es geschieht nur nach den einfachsten psychologischen Gesetzen, wenn der Unterdrückte zu dieser „Duselei“ sich eher geneigt findet als der Unterdrücker. Gleich zu Anfang auch, wo Chamberlain, gleichsam nur erst spielend, aus dem Schatze seiner Beispiele einige hinstreut, nur um im Getändel der Einleitung seine Waffen ein wenig blinken zu lassen, erwähnt er Napoleon, der zu Beginn des Jahrhunderts unzufrieden gewesen, „dass die Juden trotz ihrer Emancipation in hochmüthiger Isolation verharrten, erzürnt, dass sie sein ganzes Eisass, obwohl nunmehr jede Laufbahn ihnen offen stand, mit schändlichstem Wucher aufzufi essen tortfuhren.“ Es ist bezeichnend, wie leicht Chamberlain glaubt, wo er gerne glaubt. Mir fallen da die heldenmüthigen Generale Napoleons ein, die im Schlachtengetümmel niemals an ihre Geldsäcke vergassen, die ihre eigenen Truppen, während sich die Braven für Frankreich und den Kaiser schlugen, an der Fouraga bewucherten, die sich keineswegs mit dem Eisass begnügten, sondern von Barcelona bis Kopenhagen ihr Schäfchen schoren. Und do-h war kein einziger Jude unter ihnen, „obwohl den Juden nunmehr jede Laufbahn offen stand“. Nicht der Vorwurf des Wuchers erstaunt an diesem Ausspruch Chamberlains so sehr. Man * weiss, dass die Beschuldigungen, die damals vor den Thron Napoleons gebracht wurden, genau so übertrieben, gehässig entstellt und erfunden waren, wie jene, welche man heute gegen die Juden erhebt. Bewundernswürdig ist nur die harmlos hingeworfene Bemerkung von der freien Laufbahn, welche den Juden offen stand. Die ganze Herrlichkeit Bonapartes währte, vom 18. Brumaire bis zur Schlacht von Waterloo, knappe fünfzehn Jahre. Napoleon jedoch berief das Synedrium schon in den ersten Jahren seiner kaiserlichen Macht. Im Zeiträume von weniger als einem Jahrzehnt also hätten die Juden nach Chamberlain andere Berufe wählen müssen, als den bisher einzig erlaubten Handel. Das Wie erklärt er nicht näher. Hätte die ältere Generation mit ihrem bisherigen Leben brechen, eilfertig Jus, Medicin, Diplomatie und Kriegskunst ergreifen sollen? Hätten die jüngeren Leute Zeit gehabt, auch wenn sie sich, wie anzunehmen, entschlossen, die offen stehenden Laufbahnen zu verfolgen, alle nöthigen Studien zu vollenden? Wären sie imstande gewesen, in dieser Spanne Zeit auch nur die ersten Sprossen irgend einer Stufenleiter zu erklimmen, damit ihre Umwandlung bemerkt werde? Und noch dazu damals, als die Emancipation noch so nagelneu, aber die Vorurtheile noch so alt und so wenig abgestreift waren? An keiner anderen Stelle des Buches tritt Chamberlains Heuchelei deutlicher hervor, als in jenem Satze, der mit gelassener Unverfrorenheit sich anstellt, als sei das Unmögliche verfluchte Pflicht und Schuldigkeit der Juden gewesen. Chamberlain hätte sich nur fragen gebraucht, ob denn heute, nach hundertjähriger, nicht nach zehnjähriger Emancipation den Juden wirklich „jede Laufbahn offen steht“. Ein Zufall fügt es, dass gerade in unseren Tagen, neunzig Jahre nach der Freigebung aller Berufe für die Juden, ein Unglücklicher den fürchterlichen Beweis erbringt, wie es mit jener Freiheit bestellt ist, dass dieser Unglückliche just aus dem Eisass stammt und dass er in Frankreich Ofücier gewesen. Wenn Chamberlain auf die Toleranz Europas gar so stolz thut, dann müsste er zeigen können, dass sie niemals eine aufrichtige gewesen. Die Duldungsgesetze, die auf dem Papier bestehen, die den bisher Ausgestossenen auf Wege locken, die nach aufwärts führen, sind grausame Täuschungen, wenn das Vertrauen in ihre Verheissung als Kühnheit gestraft, wenn der Glaube an ihre Wahrheit als freche Aufdringlichkeit geahndet wird. Man treibt ein schreckliches Spiel mit Menschen, die man aus purem Mitleid loskettet, nachdem sie lange gefesselt gewesen, und die man, wenn sie eben noch mit ihrer Geläluntheit kämpfen, wieder in Bande schlägt, mit der Begründung: „Ich sehe, Du kannst Dich nicht frei bewegen — es liegt nicht in Deiner Natur.“ Und es ist ein Hohn, schneidend wie kein anderer, sich danach noch seiner Toleranz zu rühmen. Doch, genug davon! Weit entfernt aber, dermassen mit sich zu Rathe zu gehen, hat Chamberlain, der den Juden ihr langsames Einschwenken in die offene Laufbahn noch eben zum Vorwurfe macht, wenige Zeilen vorher für die Betriebsamkeit des jüdischen Geistes die Worte in Bereitschaft: „Von idealen Beweggründen bestimmt, öffnete der Indoeuropäer die Thore; wie ein Feind stürzte der Jude hinein, stürmte alle Positionen und pflanzte — ich will nicht sagen, auf den Trümmern, doch auf den Breschen unserer echten Eigenart die Fahne

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