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Die Welt · 1899-09-15 · 37 (15.9.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
37 (15.9.1899)
Article
Florenz
Date
1899-09-15
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite JO Nr. 37 „Die Welt“ Der Verblichene war inConstantinopel geboren, absolvierte seine ersten Studien in Paris und setzte dieselben in Bern fort, wo er sich erfolgreich mit Philosophie und Literatur beschäftigte. Von glühendem jüdischen National gefühl beseelt, begann er schon als Student seine agitatorische Thätigkeit für den Zionismus, welchem er sein ganzes Leben widmete. In den Jahren 1894/95 hielt er sich in Algier auf, wo er eine rege zionistische Thätigkeit und einen Kampf gegen den Antisemitismus entfaltete. Er begründete dort die Zeitschrift „Le Juge", die sich aber infolge der feindseligen Haltung der Assimilationsjuden nicht halten konnte. Seiner agitatorischen Begabung, seiner zwingenden Logik und flammenden Beredsamkeit gelang es zwar, sich einige Freunde zu verschaffen, welche ihm die nöthigen Mittel zur Fortsetzung seiner Zeitschrift gewährten, allein das dortige Konsistorium verfolgte ihn und denuncierte ihn bei der Polizei, was seine Ausweisung vom französischen Boden zur Folge hatte. Marcou Barouch gieng nun von Algier nach Wien, wo er in den jüdischen Studentenvereinen thätig war und zur Verbreitung des zionistischen Gedankens viel beitrug. Von Wien gieng er nach Bulgarien, wo seine zionistische Agitation auf einen fruchtbaren Boden fiel. Er begründete die Zeitschrift „Carmel" in französischer Sprache. Ihrer Agitation verdanken zahlreiche zionistische Vereine in Bulgarien ihr Entstehen. Auch hier hatte dieser Agitator einen Kampf gegen die „Alliance israelite universelle,, zu führen, ebenso wie gegen die Zeitschrift „El Tempo" in Constantinopel. Aus Mangel an materiellen Mitteln mussteer bald seine Zeitschrift einstellen. Von Bulgarien gieng Marcou Barouch nach Aegypten, wo er in Kairo, Alexandrien und Port-Said zionistische Vereine begründete. Später hielt er sich in Korfu auf, wo er wieder eine ausgedehnte zionistische Thätigkeit entfaltete. Sodann gieng er nach Italien, um dort für den Zionismus zu wirken, und die Frucht seiner Agitation waren die zahlreichen Vereine Italiens, welche auf dem zweitletzten Congresse vertreten waren. Im Jahre 1897 verfasste er eine französische Schrift „Le Juif sur l’ile du diable", in welcher er mit prophetischer Beredsamkeit das Schicksal des jüdischen Volkes mit dem Schicksal des Unglücklichen auf der Teufelsinsel vergleicht. In demselben Jahre war er für den Zionismus in Genf thätig. Auf dem zweiten Congresse, zu welchem er von Italien delegiert war, hatte er in den Vorconferenzen mehrfache Gelegenheit, glänzende Proben seiner agitatorischen Macht abzulegen. Nach dem Congresse war er in den Niederlanden und in Belgien zionistisch thätig. Sein bewegtes Leben, das voll Entbehrungen und leidenschaftlicher Stürme war, wirkte auf seine Gesundheit schädlich zurück. Auf dem dritten Congresse war er bereits ein gebrochener Mann. Nach dem Congresse begab er sich nach Florenz, wo er eine Braut hatte. Diese Braut sagte sich plötzlich von ihm los. Dies konnte er nicht verwinden. Uebermüdet und krank, erschoss er sich in einem Augenblicke geistiger Umnachtung auf offener Strasse in Florenz. Das stürmisch-drangvolle Leben Marcou Barouchs war vollständig den Wiedergeburtsbestrebungen seines Volkes gewidmet; es war frei von jedem Eigennutz und voll heldenmüthiger Entsagung im Dienste unserer erhabenen Idee. Allerlei Nachrichten. In Lüttich wurde vom belgischen Oberrabbiner Dr. Bloch unter Anwesenheit der staatlichen und städtischen Behörden eine neue Synagoge eingeweiht. Lüttich ist die drittgrösste Gemeinde Belgiens und die dortigen Juden stammen zumeist aus Holland und Deutschland. * In den amerikanischen Häfen wird eine neue Classification der Einwanderer vorgenommen, nämlich nach ihren Heimatländern. Nur bei den Juden wird eine Ausnahme gemacht, sie werden als „Hebrews" (Hebräer) classificiert. Die Philadelphiaer Juden haben gegen die neue Methode Protest bei den Bundesbehörden erhoben und — wie gemeldet wird — mit Erfolg. * Ohm Paul befürwortet die Gleichstellung der Juden, weil dadurch ihre Bekehrung zum Christenthum erleichtert werde. — Nun werden die Engländer jedenfalls ihre Truppen zurückziehen, damit das Bekehrungswerk nicht durch Kanonendonner gestört werde. * Der „Arbeitsnachweis der Berliner B’n eib er Ith- Log e n" vermittelte seit seiner Gründung im Jahre 1896 4500 Zuweisungen, darunter ein Drittel für weibliche Personen, wovon etwa 1000 in vorübergehenden Beschäftigungen. * Unter den jüngst an dieser Stelle veröffentlichten Orten Deutschlands mit verhältnismässig grossen jüdischen Gemeinden ist noch Rhina (Hessen) nachzutragen. Der Ort hat unter 563 Einwohnern 332 Juden, also 60%. Die 15 Gross- und Mittelgemeinden Deutschlands sind Berlin 86.152, mit Vororten 92.000; Frankfurt a. M. 20.000; Breslau 18.449; Hamburg 17.308; Köln 10.000; München 7800; Nürnberg 6000; Posen 5800; Leipzig 4900; Mannheim 4800; Mainz 4300; Hannover 4200; Königsberg 4100; Beuthen und Furth je 3000. Zusammen zählen also diese 15 Gemeinden über 200.000 Seelen oder ein Drittel aller^ in Deutschland wohnenden Juden. ❖ In Posen starb im 61. Lebensjahre Stadtrath Friedländer. Seit 1885 Stadtverordneter, war der Verstorbene 1898 in das Magistratscollegium gewählt, wo er als Referent für die Gas- und Wasserwerke Anerkennenswertes geleistet. * Am internationalen Orientalisten-Congress, der demnächst in Rom stattfindet, nehmen als Delegierte Englands zwei Rabbiner theil: Chiefrabbi Dr. Ga st er und Rabbiner H. Gollancz. Ersterer als Vertreter der Königlich Asiatischen Gesellschaft, letzterer als Delegierter der Universität London. * Der „Russki Trud" verlangt allen Ernstes, dass sofort ein Gesetz erlassen weide, welches die russischen Juden „in ihrer übermässigen Fähigkeit zur Vermehrung" ein schränke. Das geht noch über die Massregeln der Pharaonenzeit. * Wie französische Politiker melden, beabsichtigt ein bekannter jüdischer Kalligraph, Sopher, in Paris auf der nächstjährigen Pariser Weltausstellung eine Postkarte auszu» stellen, auf welcher sich der volle Text von Zolas „J’accuse" befindet. * In Köln werden, wie anlässlich der Debatte übereine neue Schlachthof-Ordnung zutage kam, vier Fünftel aller Thiere geschächtet, obgleich nur wenige jüdische Metzger dort wohnen. Es handelt sich nun darum, ob eine alte^ aber nicht gehaltene Verordnung, wonach das Schächten nur jüdischen Metzgern und solchen Nichtjüdischen gestattet ist, die nachweislich jüdische Kundschaft haben, bestehen bleiben oder modificiert werden soll. Wegen Abwesenheit des einzigen jüdischen Stadtverordneten, Eltzbach, wurde die Debatte vertagt. *

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