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Die Welt · 1899-09-15 · 37 (15.9.1899) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
37 (15.9.1899)
Article
Ist das Schimpfen auf die Juden strafbar?
Date
1899-09-15
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die H Welt“ Nr. 37 von ehrbaren Bürgern gröblich zu beleidigen. Witkowsky s Entgegnung waren weitere Schmähungen und Ausfälle gegen das „Judenpack“, das'er am liebsten eigenhändig erwürgen möchte. Vor dem Richter führte nun der Vertheidiger des Obersten Witkowsky aus, es könne unmöglich etwas Strafbares in der Schmähung von Juden „im allgemeinen“ liegen, da doch zahlreiche vielgelesene Blätter den Juden täglich alles mögliche nachsagen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Der Richter schloss sich dieser Argumentation nicht an und verurfcheilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 10 Rubel oder dreitägiger Haft. Der Zionismus als Moschiach. In der „Neuen Jüdischen Presse“ (Wien) erzählt A. Halberthal unter obigem Titel folgendes Geschichtchen: „Was denken Sie über den Zionismus?“ fragte R. Jo s chua seinen Wandercollegen Rabbi Majer. „Was ich denke? Hm, ich denke, es wäre sehr gut, wenn wir wieder in unser Land zurückkehren könnten.“ „. . . Und wird das Dr. Herzls Zionismus bewerkstelligen können?“ „O ja, warum denn eigentlich nicht? Der Name bedeutet für mich kein Hindernis.“ „Aber Gott hat uns doch versichert, er selbst wird uns erlösen durch seinen Moschiach?“ „Halten Sie etwa den Zionismus für den Moschiach?“ „Nein, das gerade nicht. Der wahre Moschiach muss einen Schofar haben.“ „Nun, das ist wirklich eine Kleinigkeit; der Zionismus hat genug Geld. Er kann sich dafür einen Schofar schon verschaffen.“ „Aber nein, Dr. Herzl ist der Anführer — und er kann nicht blasen.“ „Wird es schon erlernen.“ „Nein! Er muss so blasen wie Rosch Chodesch Elul, und zu der Zeit hört Dr. Herzl sicherlich nicht blasenc“ „Sie haben wirklich recht. Der Zionismus kann unmöglich Moschiach sein, denn Dr. Herzl kann nicht blasen.“ Blasen bedeutet immer etwas. Die Synagoge für Dreyfus. Einige englische Zeitungen hatten die Nachricht gebracht, dass in einigen Tempeln am Neujahrsfeste Gebete für Dreyfus verrichtet worden seien. Die Nachricht stellt sich als falsch heraus. — Es heisst, dass einige jüdische Gemeinden eine Adresse an den tapferen Vertheidiger Dreyfu s, Maitre Labori, vorbereiten. „No Hebrews“. Die jüdischen Blätter in Amerika verzeichnen die Thatsache, dass man seit kurzem auf den Placaten und Ankündigungen verschiedener amerikanischer Hotelgesellschaften und Gur orte diese zwei stereotypen Wörtchen findet. In unser geliebtes Deutsch übertragen, heisst das ungefähr „Juden Taus!“ oder, wenn man will, „juden — rein.“ Wie sich die russischen Rabbiner kleiden. Wer es etwa nicht wissen sollte, der dürfte eine lebhafte Vorstellung davon gewinnen, wenn er sich die gutgemeinte Schilderung der „Rheinisch-Westphälischen Zeitung“ zu Gemüthe führt. In ihrem Berichte über den III. Zionistencongress schreibt nämlich die genannte Zeitung: „Während ein Theil der Delegierten den modischen Frack trug, sah man anderseits Gruppen lebhaft gestikulierender Rabbiner mit langen Bärten und Stirnlöckchen und bis auf die Erde reichenden Kaftanen, die Cylinderhüte, welche zum Theil von riesigen Dimensionen sind, weit in denNackenzurückgeschoben tragend.“ Wenigen Menschen wird es noch im Traume eingefallen sein, dass der Boden der Emerald-Insel Reliquien aus der biblischen Zeit bergen könne. Es gibt aber Leute mit lebhafterer Einbildungskraft. In der Grafschaft Meath liegt der Hill of Tara, bei welchem durch ein Jahrtausend die alten Könige von Irland gekrönt wurden. Ein Herr Glover, der erst unlängst mit einer Fülle von Beweisen für die israelitische Abstammung der Briten hervortrat, gelangte nunmehr zu der Geberzeugung, dass unter dem besagten Hügel — die Stiftshütte begraben liege, und in consequenter Suche nach dem verlorenen Schatz rüstete er eine „unterirdische“ Expedition aus. Der Eigenthümer der Landparcelle gab seine Erlaubnis, die Behörden fanden keine gesetzliche Handhabe oder keinen Grund zum Einschreiten, und so grub man und grub man. Nach einigen Wochen vergeblicher Anstrengungen gab der phantasievolle Forscher den Plan auf. Die Geschichte erinnert an die Legende, der Stein von Scone, auf welchem die Herren von Schottland gekrönt wurden und der sich jetzt in Westminster befindet, sei identisch mit Jakobs steinernem Kopfkissen. Auf dem Jahrescongress des Sanitary Institute sprach der Vorsitzende, Sir W. H. Preece, über Moses als den grössten Gesundheitslehrer aller Zeiten. Leviticus sei ein Hauptbuch der Hygiene. 3400 Jahre blieben diese Lehren für die übrige Welt todt. Die Christen schlugen sie in den Wind, die Mohammedaner folgten ihnen zum Theil und haben es nicht zu bereuen. Die gesetzestreuen Juden aber, die den hygienischen Forderungen der Bibel im ganzen Umfang nachkommen, gehören zu den gesündesten und durch langes Leben ausgezeichneten Menschentypen. Ein Bibelschatz für’s Heim, für Erwachsene und Kinder, ist das neueste literarische Erzeugnis, mit dem Mi'. Claude G. Montefiore vor das jüdische Publicum tritt. Es enthält sinnige Erläuterungen und Betrachtungen, und im zweiten Theil Auszüge aus der reichen Weisheitsliteratur, den Propheten und dem Psalter, sowie ausgewählte Stellen der apokryphischen Bücher. Das Buch erfährt in der englisch-jüdischen und theologischen Presse eine günstige Beurtheilung. Ein neues Ghettospiel wird demnächst im Comedy Theatre in Scene gehen. Zangwill, der augenblicklich in Amerika die Aufführungen seines „Ghetto“ beaufsichtigt, wird dieses Stück auch nach London bringen. Die Londoner sind also auf einmal mit zwei Stücken desselben Themas begnadet, das nicht wenige ganz von der Bühne entfernen möchten. Zangwill hat übrigens an den „Daily Mail“ einen Brief gerichtet. in welchem er jede Beziehung zu dem von Mr. Fernald für das Comedy Theatre übersetzten Stücke von sich weist. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien vom 27. August bis 2. September 1890 verzeichnet 59 Geburten, 18 Trauungen und 36 Sterbefälle. Colrrespondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Wir lesen im Wiener „Jüdischen Volksblatt“ folgende Notiz : Berlin. Es ist immer gut, die Mission zu beobachten, denn die nimmer ruhende Geschäftigkeit dieser Seelenfänger muss stets unter Controle gehalten werden. So berichtet der 56. Jahresbericht des „Westdeutschen Vereines für Israel“ von 13 Taufen, 6 in Köln, 5 in Frankfurt a. M. und 2 in Kolmar. Die Erzielung dieser Resultate fällt drei Missionären zur Last, den Patres Stolle, Goldstein und Littwien. — Viel interessanter ist der Reisebericht des P. Anacher, der eine Fahrt durch die Missionsgebiete von Galizien, Rumänien und Ungarn gemacht hat. Er erzählt, dass infolge der rumänischen Schulgesetzgebung die Anstalten der Mission, besonders die Schule in Galatz, sehr gut besucht sind. Er fand dort auch eine grössere Anzahl von Judenchristen vor, d. h. getauften Juden, die sich gerne in eigenen Gemeinden constituieren wollen, am liebsten in Palästina. Die Leute möchten auch gern der herrschenden Stimmung entsprechend Colonien gründen, allein die Missionsgesellschaften sind nach ihren Erfahrungen in Artuf vor-

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