Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Article
- Der Mord in Polna
- Date
- 1899-09-15
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315834-3390522--14788-3390638- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 „Die H Weit“ Nr. 37 Du sollst es verzehren mit Wohlbehagen und sauerem Kraute und Dich daran laben im Kreise der Deinen, auf dass es Dir wohlergehe, und Du geliebt werdest von den Völkern der Erde. 2. Gebot. Es sollen sich versammeln alljährlich die zehn Stämme Israels, die Ihr die „Verloren-Gegangenen“ heisset. Und sie sollen untereinander losen und auswählen aus ihrer Mitte drei von den Söhnen Israels, auf dass sie hingehen und abschneiden das junge Reis vom fremden Stamme. Dies aber sei Euch das Zeichen für den Ort, wo die Versammelten die Sendlinge wählen sollen: Suchet Euch ein Joch Landes, darauf Zelte Israels stehen, darauf aber niemals Israel Leid und Schimpf getragen. Wenn Ihr irgendwo solch Joch gefunden, dann wählet allda die Sendlinge, drei an Zahl. 3. Gebot. Und die Sendlinge sollen ohne Trank und Speise bleiben sieben Monate und sieben Tage. Und sie sollen sich kasteien und judenfeindliche Blätter lesen, bis dass ihre Seele dürr ist und trocken, wie die Distel am Saume der Wüste. Aber am achten Tage des achten Mondes sollen sie sich erheben von ihrer schweren Busse und die Lenden gürten. Doch alle Stätten des Wunders, wo Menschen ohne Speise und Trank vermochten zu sitzen sieben Monate und sieben Tage, sollt Ihr Euch einprägen mit einem Worte des Angedenkens und sie nennen: Rü-Scbab-Rol. 4. Gebot. Das Land, wo das Kind geopfert wird vom fremden Stamme, wird Euch kenntlich sein unter allen übrigen Ländern. Immer wird es sein ein Land der Zeichen und Wunder. Eine dicke Finsternis wird liegen in dem Lande bei Tag und bei Nacht. Auf dem Lande und in den Köpfen der Einwohner, wie sie über Mizraim lagerte zur Zeit der Plagen. Mehr als sieben magere und fette Kühe werdet Ihr sehen und gar viel Kleinvieh und anderes Gethier. Und siehe, das geberdet sich gleich Menschen und redet und schreibt. Wenn Ihr eine Feuersäule und eine Rauchsäule ersehet inmitten des Finstern, so wird sie Euch den Weg weisen zu den Hütten der Juden. Aus den Dächern der Hütten wird die Feuersäule aufsteigen. Doch der Sinn der Juden in diesem Lande wird verwirrt sein, und ihre Augen mit Blindheit geschlagen. Sie werden zu einander sprechen : Sind wir nicht derselben Art, wie die Eingeborenen des Landes? 5. Gebot. Die Sendlinge sollen heilige Riemen legen um ihre Hände und sie sollen knüpfen den Daumen der rechten Hand nn den dritten Finger der linken Hand, Und den Daumen der linken Hand an den fünften Finger der rechten Hand mit festen Knoten und schwer zu lösen. Also sollen sie schlachten das Opfer. Und sie sollen achten, dass die Art der Riemen den Satzungen nicht widerspreche. Suchet Euch aus einen jungen, fehlerlosen Stier, dessen Einfalt grösser ist denn die Einfalt der Feinde Eures Volkes. So Ihr ein solches Vieh gefunden nach langem Suchen, sollet Ihr schneiden aus seiner Haut die Riemen. 6. Gebot. Das Opfer, welches wohlgefällig ist in den Augen Eures Herrn, sollet Ihr Euch wählen nach folgenden Merkzeichen: Nach einer Männin sollt Ihr fahnden, nach einer Jungfrau. Diese aber soll angehören dem Bunde, den man nennt den „antisemitischen Frauenbund“. Mühet Euch, dass Ihr hier eine Jungfrau findet. 7. G e b o t. Hütet Euch, dass Ihr das Opfer nicht tödtetmit Unrechtem Geräthe, Nur mit einem Werkzeuge dürft Ihr das Opfer tödten. Nehmet Euch ein Geräth von einer Art, die noch niemals in den Jahrtausenden Eurer Zerstreuung tödlich gebraucht ward von Euren Feinden gen den Leib Eurer Brüder. Mit solchem Geräthe dürft Ihr das Opfer fällen. Und sodann sollt Ihr das Opfer zertheilen und es räuchern und würzen mit Salz und den köstlichen Specereien von Saba. Und Ihr sollet die Theile versenden mit fahrenden tzoten an die Millionen Eurer Brüder nach allen Theilen der Erde, dass jeder Eurer Brüder an einem Stücke sich letze mit sauerem Kraute und Wohlbehagen. Erwin Rosenberger. Der moderne Künstler in seiner Stellung zur nationalen Geschichte. Von Bernhard Tag. Die Bestrebungen der modernen Kunst sind zum Theil darauf gerichtet, jedwede nichtkünstlerische Tendenz soviel als möglich auszuschliessen. Der Künstler möchte eben nichts anderes bringen als Kunst. In all den besonderen Namen, womit die verschiedenen Richtungen etwas genauer bezeichnet werden, diückt sich wohl eine mitunter sogar bewusst festgehaltene Eigenart aus, aber eine jede Art ist willkommen, sobald sie nur wirkliche Kunst ist. Die einzige bestimmte Forderung des Künstlers aber scheint es zu sein, dass man ihn und seine Werke vor allem von ästhetischen Gesichtspunkten aus beurtheile. Alle anderen Momente, so viel ihrer in Betracht kommen, sollen den künstlerischen untergeordnet werden. Dieser Ansicht kommt denn auch die Kritik jetzt immer mehr entgegen. Sie hat der Kunst gegenüber die undankbare Rolle einer strengen Gebieterin aufgegeben; meistern liesse sich ja die Kunst doch nicht. Und sie hat Zeit gehabt einzusehen, dass die Pfade der Kunst, so gewunden sie sind, so schwindelhoch sie scheinen, dennoch zu sicherem, solidem Grunde führen. So ist der Kritiker aus einem polternden Alten ein fröhlicher Zuschauer geworden, und wenn er sich zur Kunst gesellt, so geschieht es mehr, um von ihr zu lernen, als sie zu lehren. Etwas von der alten Art wird ihm zwar noch anhaften. Er wird es wahrscheinlich nicht unterlassen können, beim Scheiden ihr einen Wink, einen wohlgemeinten Rath zu geben, aber der Grundzug seines Wesens ist ein anderer geworden: Kritik üben heisst heute nicht urtheilen, um abzuurtheilen, sondern die Wege der Kunst betrachten. Die Wandlungen auf dem Gebiete der Kunst scheinen sich zwar spontan zu vollziehen, aus dem Grunde einer originalen, schöpferischen Kraft; aber in Wahrheit hängen sie vom allgemeinen Geist der Zeit ebenso stark ab wie vom Willen und Können des Einzelnen. Die Kunst strebt nach Selbständigkeit, der Künstler will gar keine Rücksichten anerkennen, so lange nicht die künstlerischen erfüllt sind. Aber in dieser Devise Farfc pour l’art ist nicht etwa blos der Ausdruck einer zünftig - künstlerischen Empfindung enthalten, vielmehr ist sie ein sehr bezeichnendes Merkmal für den Geisteszustand der modernen Menschen überhaupt, für welche die Kunst sehr Vieles, sehr Gewichtiges bedeutet. Tolstoj nennt sie in seiner neuesten Schrift eine der menschlichen Lebensbedingungen „ein zum Leben und zum Wohl des Einzelnen wie der Gesammtheit nothwendiges Mittel des Verkehres unter den Menschen, welches sie in den gleichen Gefühlen eint“, und gewiss ist damit treffend ihre praktische Seite charakterisiert. Man kann sie geradezu eine Lebensmacht nennen, von der wir uns willig beherrschen lassen, weil wir von ihrer wohlthätigen Wirkung überzeugt sind. Die Freude am Schönen, sie sei uns angeboren oder anerzogen, ist zu einem mächtigen Verlangen in uns geworden, das wohl zu befriedigen ist, aber nicht zu übersättigen. Ein jedes neue Kunstwerk wirkt als eine neue Schönheitsoffenbarung; ohne dass wir darum die Lust am Alten einbüssen, es vernachlässigen oder gar abthun. Man hat in der That das Recht, in unserer Zeit von einer ästhetischen Erziehung, noch besser Selbsterziehung der Menschen zu leden Die Zahl derjenigen wird immer grösser^ die in der Kunst und der Hingabe an sie einen edlen Lebenszweck erblicken und anstreben. Sehen wir