Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Article
- Der Zionismus im Lichte der Griechen [Kommentar]
- Date
- 1899-09-15
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 37 „Die Hr Welt“ Seiten 5f von Anatol France bildet, die den Titel „Der Fall von Judäa" führt. Nach seiner Rückkehr nach Rom sagte Pilatus, dass während seiner Regierung in Jerusalem kein einziger Vorfall auf ihn einen bedeutenderen Eindruck gemacht habe. „Aber wurde nicht ein Aufwiegler namens Jesus gekreuzigt?" fragte man Pilatus. „Ja, ja", war die Antwort, „ein gewisser Jesus, an den habe ich ganz vergessen." Auch heute noch gibt es selbst Politiker, welche in allen europäischen Angelegenheiten versiert sind und jedes Vorkommnis genau und eingehend prüfen, und doch, wenn man sie fragte: Wer sind denn eigentlich die sogenannten Zionisten? antworten würden: „Ach ja, die Zionisten ... an die habe ich gar nicht gedacht!" Und doch ist die zionistische Frage eine der interessantesten und wichtigsten unseres scheidenden Jahrhunderts und beginnt die Aufmerksamkeit selbst jener Kreise auf sich zu ziehen, die sie noch vor kurzem hochmüthigvornehm für belanglos hielten. Das Wort „Zionismus" findetTsich noch nicht in den grossen Wörterbüchern und wird noch oft in einander widersprechender Weise erklärt. Viele geben es nicht zu, dass Zionismus die angestrebte Rückkehr der Juden nach Palästina bedeute. Diese Deutung wurde ihm von dem ersten Congress in Basel 1897 verliehen, trägt aber einen mehr diplomatischen Charakter. Der Hauptzweck des Zionismus ist, jenen Juden ein Vaterland zu geben, die es bisher entbehren mussten. Besser gesagt: Der Zionismus strebt die Verwirklichung des nationalen Traumes der Juden an, die seit 2000 Jahren in alle Gegenden verstreut sind und trotzdem nicht untergegangen sind. Man müsste jede Geschichte läugnen, wollte man es in Abrede stellen, dass die Juden als Volk ihr nationales Leben, wenn auch unter den grössten Schwierigkeiten, sich erhalten haben. Eigenartige charakteristische Merkmale in Bezug auf Körperbeschaffenheit, Sitte und geistiges Leben beweisen, dass sich die von den Urvätern ererbte nationale Art bei den Juden bis auf die heutige Zeit bewährt hat, Werfen wir nun einen Blick aut die Verhandlungen des m. Congresses, der vor einigen Tagen in Basel getagt hat. Vierhundert Delegierte und etwa tausend Gäste kamen in Basel zusammen. Aus Russland, Frankreich, Oesterreich, Deutschland, aus England, Italien, aus Asien und Afrika erschienen Vertreter der Juden. Und alle diese, selbst durch ihren Typus und ihre Lebensgewohnheit so scharf von einander getrennten Söhne Israels kennzeichnet doch ein allgemeiner, allen eigener gemeinsamer Zug. Sie alle erfüllt derselbe nationale Traum, der sich in einer gewissen Melancholie der Gesichtszüge ausprägt, einer Melancholie, die wohl auch die Folge der grausamen Verfolgungen ist, welche die Juden durch Jahrhunderte erdulden mussten. Im Herzen tragen sie alle die Hoffnung auf die Wiederaufrichtung ihres Vaterlandes, und diese Hoffnung verkörpert der Zionismus, Alles, was zur Wiederaufrichtung ihres Vaterlandes nothwendig ist, haben die Juden, und doch müssen sie des Vaterlandes entbehren. Auf ihr Vaterland machen alle Völker Anspruch, nur sie sollen es nicht dürfen, nur ihnen wird jeder Anspruch auf Palästina verwehrt! Ein Mitglied des Congresses gab einem ihn befragenden Zeitungs-Berichterstatter nachfolgende Erklärung, nachdem er ihm den Juden nach seinen charakteristischen Merkmalen — die ihm seit der Urzeit anhaften — vorgeführt hatte: Im XIX. Jahrhundert hat der nationale Gedanke alle Völker mächtig ergriffen, und auch die Juden konnten sich dieser Strömung der Geister nicht entziehen. Statt aber, wie andere Völker, zu den W affen zu greifen, ergriffen sie die Feder. Ein Moses Hess schreibt sein „Rom und Jerusalem", ein Luzatto bekämpft die deutschen Reformjuden und ein Redechi besingt in begeisterten Versen die Schönheit der Heimat aller Juden. Netter gründet 1870 die Ackerbauschule in Jaffa und gibt ihr den Namen „Hoffnung Israels". Vierhundert russische Universitätsstudenten verlassen ihre Hochschulen, schreiben sich in die neue Ackerbauschule ein und beginnen den Boden ihrer Vorväter zu bebauen, so ihren Connationalen den Pfad ebnend. Zugleich damit feiert die hebräische Philologie ihre Wiedergeburt. Langsam, nur allmählich und halb unbewusst entwickelt sich die zionistische Idee in den Herzen der Juden, bis Dr. Herzl zum Ausdrucke brachte, was unbewusst in Aller Herzen schlummerte, bis sein begeisterndes Wort das unter der Asche glimmende nationale Feuer zur lodernden Flamme anfachte. Es geschah dies durch das Buch „Der Juden Staat", das Dr. Theodor Herzl, Redacteur der „Neuen Freien Presse“ und jetzt Präsident des Congresses, 1896 erscheinen liess. 1897 tritt der von 200 Delegierten beschickte erste Congress in Basel zusammen. Der nach Jahresfrist zusammentretende zweite Congress verwirklicht schon einen Theil der zionistischen Pläne durch Gründung einer Bank. Der diesjährige Congress konnte bereits die Wirksamkeit von 1500 zionistischen Vereinigungen mit 500.000, von edelstem Patriotismus beseelten Mitgliedern constatieren. Soweit die Mittheilung des Congressmitgliedes. Es erhellt aus ihnen, wie patriotisch der Geist der Zionisten am Ausgange unseres Jahrhunderts ist.“ Nun kommt der „Neologos" auf die Reden des Dr. Herzl und Dr. Nordau zu sprechen und schliesst seinen beachtenswerten Artikel mit einer Schilderung der begeisterten Stimmung der Congresstheilnehmer, insbesondere der orthodoxen Rabbiner, denen, wie er wörtlich sagt, „Freude und Hoffnung Thränen in die müden Augen trieben.“ Wir glauben, unseren Lesern die Auslassungen des „Neologos" nicht vorenthalten zu sollen. Es ist zum erstenmal, dass ein grosses und weitverbreitetes Blatt im Oriente den Zionismus bespricht, und dass dies in einer nicht nur objectiven, sondern so wohlwollenden Weise geschieht, ist ein Beweis, dass für den Zionismus sich selbst dort, wo man dem Judenthum so schroff gegenüber steht wie in Griechenland, wertvolle Sympathien zuregen beginnen. I). R. Die Woche. Wien, 13. September 1899. Der Mord in Polna. In dem böhmischen Städtchen Kuttenberg sitzt man derzeit über einen Juden, namens H ü 1 s n e r, den der Volksmund des „Ritualmordes" bezichtigt, zu Gerichte. Hülsner hat, wie wir antisemitischen Blättern entnehmen, in der Nähe des Städtchens Polna ein junges, bildhübsches Christenmädchen überfallen und nach allen Regeln der jüdischrituellen Schächtkunst vom Leben zum Tode gebracht. Ein Ritualmord? „Aufgeklärte" Menschen, oder solche, die sich dafür halten, werden überlegen lächeln, wenn man ihnen von einem „Ritualmord" spricht, und eine gewisse Presse zögert nicht, einen jeden, der an die Institution der „Ritualmorde" zu glauben wagt, kurzerhand als einen Wahnwitzigen oder einen Schurken zu bezeichnen. Bitte mich nicht misszuverstehen. Ich bin gewiss der letzte, der die bona fides dieser Presse in Zweifel zieht. Diese guten Leute meinen es sicherlich ehrlich, sie geben gewiss ihrer innersten Ueberzeugung Ausdruck, wenn sie die Existenz von „Ritualmorden" leugnen, aber ebendiese guten Leutchen haben ein nicht zu unterschätzendes Gebrechen sie sind schlecht informiert. Auch ich hätte seinerzeit die rechte Hand dafür ins Feuer gelegt, dass der „Ritualmord" ein „Ritualmärchen" sei, heute würde ich mir dieses Wagestück wohl überlegen. Da ist mir dieser Tage zufällig ein altes, hebräisches, kabbalistisches Buch in die Hände gefallen, aus dem ich geradezu haarsträubende und empörende Dinge erfahren habe. Ich weiss jetzt, woran ich bin. Meine Solidarität mit den Juden geht nicht so weit, dass ich mich zum schweigenden Mitwisser des fürchterlichen Geheimnisses machen würde. Im Interesse der Wahrheit und der blutig geschändeten Menschlichkeit sei Nachstehendes veröffentlicht: Auf Seite 7 des Geheimbuches ist zu lesen: 1. Gebot. Du sollst nicht unterlassen, am 31. Nissan eines jeden Jahres auf dem Tische Deines Mahles ein Kind vom fremden Stamme zu haben. Selbes sei ungesäuert.