Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 36 (8.9.1899)
- Article
- Das fremde Volk
- Date
- 1899-09-08
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 36 „Die H Welt“ Jeremia noch; andere Beschreibungen der Juden, und es kommt nur darauf an, welche Stellen der Bibel einer aufschlagen will. In Chamberlains Gedankenrahmen liesse sich übriges manch anderes Bild, ganz nach Belieben einfügen. Man braucht nur die zornigen Predigten Abrahams a Sancta Clara eitleren, nur die Reden Luthers zu excerpieren, und wenn man die Entrüstungsausbrüche dieser Männer dann als Volks- Charakteristik auslegt, erhält man mit derselben Bequemlichkeit dasselbe Resultat, zu weichem Chamberlain gelangt ist. Nur freilich ist dann nicht mehr von Juden die Rede. Es ist allerdings wahr, dass die Hebräer in ihrer Bibel ein aufrichtiges Bild ihrer Persönlichkeit geben. Doch muss man bedenken, dass es nicht ihre Schuld ist, wenn dieses sittliche Beispiel ohne Nachahmung geblieben, und dass die anderen Bekenntnisse, wenn sie existieren, nicht jene Verbreitung gefunden haben, wie die Bibel der Hebräer. Zuletzt scheint es ja, trotzdem Chamberlain das heftig leugnet, als fänden sich die Züge der ganzen Menschheit in dem heiligen Buche — denn nur um die Besonderheit der Hebräer zu studieren, ist das alte Testament gewiss nicht übernommen worden. Chamberlain aber verfährt radical. Da er den Juden das Buch der Bücher nun einmal nicht entreissen kann, wirft er es ihnen an den Kopf. Sie mögen es für sich behalten, denn wo er nun Schlimmes findet, führt er den Ursprung dann auf die Heilige Schrift der Juden zurück. Und er spricht die Ansicht aus, die er durch unzählige Citate erhärtet, dass die Juden überhaupt keinen Glauben, keine wahre Religion besitzen. An der Hand des ganzen Talmud weist er nach, dass die Juden alle besseren Gefühle im Formelkram erstickt haben, dass sie umgeben sind von einem Gestrüppe undurchdringlicher Ceremonienvorschriften, sinnloser Gebote und Verbote, dass sie völlig hypnotisiert werden von einem complicierten Opferrituell, als dessen Endzweck die Reinheit der Haut und des Geschirrs erscheint, die (nach Reuss) wichtiger sei als die Reinheit des Herzens. Es ist wenigstens hübsch, dass Chamberlain, wenn auch unabsichtlich, die zeitgemässe Constatierung von der körperlichen Reinlichkeit des Juden vornimmt. Die dumme Rede von der „Wasserscheu“ des Hebräers geht schon so lange, dass die Juden selbst anfiengen daran zu glauben, was sie im übrigen nur noch mehr angetrieben hat, sich in diesem Punkte in jeder Beziehung reinzuwaschen. Chamberlain fällt über das Rabbinerthum her, welches die Juden der Religion beraubt habe, und aus dem Tractate Pea wie aus dem Tractate Berachoth zeigt er, dass den Juden ein Tractat namens „Pirke Aboth“ heiliger sei denn die Bibel. Allerdings gibt er zu, dass manche andere Lehrer und Propheten in der Bibel über die Symbole eines allzu ernst genommenen Rituales hinweg zur Gottheit weisen und zur wahren Frömmigkeit, und er führt selbst die betreffenden Bibelstellen an, allein er thut so, als ob den Juden die verschollenen Tractate geläufiger wären als die Bibel. Ich möchte mich mit Chamberlain in keinen Bibelstreit einlassen, aber seine talmudischen Beweisführungen sind unhaltbar genug, und man braucht sie bloss streifen, damit sie Zusammenfällen. Es wird jedem Unbefangenen klar sein, dass die überwiegende Mehrzahl der Juden die Tractate, auf welche Chamberlain sich bezieht, gar nicht kennt, während jeder Jude die Worte des Micha, des Hosea und des Jesaia in sich aufgenommen hat. Auch andere Religionen haben dies Gestrüpp theologischer Schriften und Gebote, wobei sich die Masse des Volkes, und auf diese kommt es hier doch an, immer, nur an die Bibel hält. Für Chamberlain ist aber das blosse Vorhandensein einer hebräischen theologischen Literatur aus" reichend, um zu erklären, dass die Gehirnthätigkeit aller Juden von diesen Deputaten und Tractaten verdorrt und verrückt wurde. Es geniert ihn nicht, wenn er bei einer anderen Gelegenheit mittheilt, das jüdische Volk könne nicht mehr hebräisch reden, und diese Sprache sei nur mehr bei den Priestern lebendig. Für ihn ist das kein Hindernis zu sagen, der Talmud sei unter den Juden verbreiteter als die Bibel, und seine Wirkung lebendiger und fühlbarer als die Heilige Schrift. Es verschlägt ihm nichts, zu behaupten, die Juden gehorchen dem Talmud, und an anderer Stelle wieder zu gestehen, der Talmud enthalte für die Juden keine gütigen Gebote, „denn wo die Rabbiner sich widersprechen, darf der Jude frei wählen“. Chamberlain hat, um die Juden kennen zu lernen, den Weg zu den Büchern eingeschlagen. Um zu ergründen, „was der Jude ist“, hat er umfassende ethnologische Studien angestellt, von welchen hier noch die Rede sein soll: Man muss zugeben, er hat so ziemlich alles gelesen, was seit Jahrhunderten über die Juden geschrieben wurde. Aber man muss constatieren, dass er in seinen Citaten eine sorgfältige Auswahl getroffen hat. Dieser Mann, der die profundeste Belesenheit entfaltet, und in zahllosen Fussnoten die Autoritäten fast aller Länder über die Juden sprechen lässt, hat auch nicht ein einziges günstiges Urtheil mitgetheilt. Dennoch betheuert er, unbefangen und mit wissenschaftlicher Objectivität vorgegangen zu sein. In Wahrheit hat er gar nicht untersucht, „was der Jude ist". Er hat von Anfang an seine feste Meinung gehabt, und ist nach Gründen dafür ausgegangen, damit diese Meinung dann als ein Ergebnis sich geberden könne. Dieses Verfahren ist wohlfeil, wenn man die Mühe des Nachschlagens nicht scheut. Man kann sehr leicht solche vorgefasste Urtheile schöpfen, und aus der Fülle des historischen Materiales lassen sich unschwer über jede jetzt lebende europäische Nation verdammende Schlüsse ziehen. Es kommt bloss darauf an, was einer beweisen will. Die Gründe und Beweise zu allen möglichen Behauptungen sind massenhaft vorhanden. Wenn man Chamberlains Unbefangenheit besitzt, kann man einmal alle positiven Leistungen beiseite lassen, ein andermal wieder die negativen Eigenschaften, und man gelangt an das gewünschte Ziel. Zuletzt ist das nur eine gelehrte Spielerei, und Chamberlain betreibt sie mit zierlicher Geschicklichkeit. Da er sich aber in den Dienst einer Idee stellt, die heute allgemein propagiert wird, muss man ihm noch weiter folgen, nämlich dahin, wo seine Trugschlüsse zu heftigen Anklagen werden. F. 8. Der Talmudbauer. (A usjiem Leben der Juden in Palästina,) Von H. York-Steiner. (Fortsetzung.) Nun giengen die beiden Männer wirklich fort und der Alte sprach zum Jungen: „Weisst Du, was unsere grossen Gelehrten mit dem Satze meinen? Wer sich dem Leben ergibt und alles gemessen will, der richtet sich zugrunde, wer aber Macht über sich hat und nicht unterthan ist den Begierden, der wird leben, hier und dort, auf dieser und auf der anderen Welt, wird er leben.“ Ghajim, der neben seinem Vater mit gebeugtem Hanpte, wenn auch kräftigen Schrittes dahergieng, wendete sein Gesicht dem Vater zu. „Ja, sie haben wohl recht, unsere Weisen, aber ich glaube, es ist zu viel, was wir uns versagen, hier in Jerusalem. Wenn man so hört, wie unsere Brüder in Europa leben, alle Tage Fleisch und —.“ „Es gibt auch viele, die drüben hungern“ meinte der Alte, „aber dafür sind