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Die Welt · 1899-09-08 · 36 (8.9.1899) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
36 (8.9.1899)
Article
Radom [Nachricht] / H. F.
Date
1899-09-08
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 36 Seite 13 „Die A.Welt“ alle Anwesenden. Zu Mitgliedern des Ausschusses wurden gewählt die Herren: H. Chwatt, S. Diamant und D. Wertheim. Zum Schlüsse traten dem Vereine zahlreiche neue Mitglieder bei. H. F. Zeitschriftenrundschau. Die Septembernummer der von Dr. A. Kurrein in T e p 1 i t z herausgegebenen „Jüdischen Chronik“ weist folgenden Inhalt auf: Monatsschau: Jom hadin. — DasUrtheil. — Das Laubhüttenfest. Von Dr. Adolf Kurrein. — Der sjnagogale Gottesdienst. Dargestellt von Dr. M. H. Friedländer. — R ab bilsaacKampanton oder der Religionsstreit in Spanien unter dem Papste Benedict XIII. Eine Erzählung von Josef Löwenstein. Dänische Schriftsteller über Juden und Judenthum. Von Dr. H. G o i t ei n. — Jüdische W e 11 c h r o n i k. Die „Wiener Allgem. Rundschau“ veröffentlicht in einer ihrer letzten Nummern einige ungedruckte Briefe Berthold Auerbachs, die der Literaturhistoriker sicherlich mit besonderem Interesse lesen wird. Einen dieser Briefe, den Auerbach an eine intime Freundin anlässlich der Enthüllung des Haager Spinoza-Denkmales richtete und der namentlich für uns Zionisten viel des Interressanten hat, reproänderen wir hier auszugsweise : -Mir ist es auch noch von besonderem Belang, dass das Denkmal für den absolut freien Philosophen auch das erste Denkmal für einen Juden ist. Ich werde, sei es die allgemeine Zeitstimmung oder die Alterszeit, die es bewirkt, ein immer stärkerer Jude..,. „Das fremde Volk.“ ii. Es ist sicherlich von Wert, zunächst einmal die Manier zu kennzeichnen, nach welcher Chamberlain*) bei seinen Behauptungen verfährt. Mit je zahlreicheren Beispielen ich seine Kunst, Escamotage-Beweise zu liefern, belege, desto deutlicher wird sein literarischer Charakter hervortreten, und je öfter ich ihn eitlere, desto leichter wird man seine grossen, statistischen Fähigkeiten, seine geistige Agiliät, seine brillante Technik zu würdigen imstande sein. Chamberlain weiss das Falsche mit einer solchen Bravour zu sagen, dass es wie die Wahrheit selbst wirkt. Geradezu paradigmatisch für ihn ist die Stelle im dritten Capitel: „Man bedenke doch, dass es über zwei Jahrtausende gewährt hat, ehe die mathematisch beweisbare, sinnfällig vorstellbare Structur des Kosmos ein fester, allgemeiner Besitz des menschlichen Wissens wurde! Ist nicht der Verstand . mit seinen Augen und mit seinem unfehlbaren Brevier von 2mal 2 ist 4 leichter zu modeln, als das blinde, ewig durch Eigensucht bethörte Herz?“ Wenn die Beredsamkeit dieser Worte mit der anmuthigen Sentimentalität ihres Ausklanges einem entgegenschwirrt, ist mau im ersten Moment versucht, Ja und Amen zu sagen. Später erst kommt die Besinnung und zeigt den fundamentalen Irrthum dieses Satzes. Die einfachste psychologische Erfahrung lehrt, wie leicht das Herz zu entflammen, und wie schwer der Verstand mit allen seinen Augen zu gewinnen ist. Das Herz wird sich leichter an tausend Wundern berauschen, ehe der Verstand das eine Wunder von der Kugelform der Weltkörper erfasst hat. Wie oft erliegt nicht der Verstand diesem „blinden“ Herzen, und wie sehr selten vermag er es, darüber obzusiegen. Das Herz *) Houston Stewart Chamberlain. „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts. reagiert auf alle Impressionen in besinnungsloser Spontanität, indessen der Verstand prüft, überlegt, vberprüft, und also eine ungleich langsamere Arbeit üerrichtet. Schon an der Wirkung seines Aphorismus allein kann Chamberlain das einseben, dieses Satzes, der mit der äussersten Spitze das Gemüth zu erreichen und zu gewinnen strebt, bis die später herzueilende Vernunft ihn ab weist. Allein Chamberlain versteht es nicht nur, sich in seinen eigenen Apercus mit Eleganz nach der fälschen Seite zu drehen, er besitzt auch eine fabelhafte Geschicklichkeit, seine wissenschaftlichen Belege in ein beliebiges Licht zu rücken. Er kann wirklich gefährlich werden mit diesen Beleuchtungskunststücken, denn er versteht es, die Schatten so zu vertheilen, dass alles im Dunkeln bleibt, was er unerhellt lassen möchte. Kann man ihm nach dem oben angeführten Exempel vielleicht Gedankenfehler vorwerfen, oder auf eine verdrehte Manier zu calculieren schliessen, so erscheint bei der Art, wie er seine Belege gebraucht, jeder Irrthum seinerseits ausgeschlossen. Das ist nicht Absichtslosigkeit, was er hier vollbringt, denn dazu ist er ein zu exacter Mann des Wissens, — aber er kennt den Unwert leerer Behauptungen und weiss recht wohl, wie fest eine These steht, die mit den Balken der Thatsachen gepölzt wird. So schleppt er sein Bauholz von überall herbei, und es soll ihm helfen, seine Tendenzen zu stützen. Was ihm ernster angerechnet werden muss als seine unwillkürlichen Trugschlüsse, das sind diejenigen, die er bewusst und mit bestimmten Absichten begeht. Manchmal liegt die Sache handgreiflich zutage, wie an der Stelle: „ Jeremia gibt von der moralischen Beschaffenheit der Juden eine Charakterisierung, wie sie Monsieur Eduard Drumont nicht farbenreicher wünschen könnte: ,Ein Freund täuscht den andern und redet kein wahres Wort, sie fleissigen sich darauf, wie einer den anderen betrüge, und es ist ihnen leid, dass sie es nicht ärger machen können1“. Hier hat man den feuilletonistischen Hopser von Jeremias zu Drumont, der sich so hübsch frappierend ausnimmt, und man spürt ordentlich noch vor Drumonts Namen den pointierenden Gedankenstrich, den Chamberlains guter Geschmack unterdrückt. Amüsant ist es, wie Chamberlain liier mit Eifer bemüht ist, die Predigt des Propheten für eine Charakteristik zu nehmen, wie naiv er sich anstellt, um Ermahnungen als Schilderungen ausgeben zu können. Jeremias hat ja gewiss nur die Juden gemeint, aber seit vielen Jahrhunderten haben die Culturmenschen sich angewöhnt, die Bibel sub specie universitatis zu lesen, und jene Worte des Jeremia haben seither nicht immer nur auf die Juden gepasst und sind seither nicht nur auf die Juden angewendet worden. Wenn aber Chamberlain glauben machen will, Capit. 9, ein Jeremias sei eine Charakterisierung des jüdischen Volkscharakters, und seine Anklagen seien lediglich auf die Juden zu beschränken, dann behauptet er einfach, dass nirgends in der Welt „die Menschen sich darauf fleissigen, nie einer den anderen betrüge“, und dann muss man ihm wünschen, dass er die hohe Meinung, die er von der gesammten Menschheit mit Ausschluss der Juden hegt, nie getäuscht sehe. Chamberlain zieht aus Jeremia sogar einen grundlegenden Schluss für sein Werk. Er behauptet gleich nach der Citierung des Propheten: „Für die unglaubliche Unwissenheit über die Natur des Juden, die unter uns herrscht, sind wir also allein verantwortlich; nie hat ein Volk ein so umfassendes, aufrichtiges Bild seiner Persönlichkeit gegeben, wie der Hebräer in seiner Bibel...“ In der That, der Schluss ist so übel nicht. Nur gibt es ausser

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