Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 36 (8.9.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-09-08
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 36 Seite 5 „Die Welt“ „kleinen Corporal“, der vielleicht mit mehr Recht der „g rosse Corpora!“ genannt werden könnte, erinnert zu werden.] Paris. (Tel. d. „Welt“.) Die Angabe des Zeugen, dass er von Ramses dem Grossen abstamme, bewarb eitet sich nicht. Sie scheint vielmehr eine plumpe Irreführung zu sein. Ihr Correspondent hatte heute, ein eingehendes Interview mit einem namhaften Aegyptiologen, welcher Folgendes erklärte: Es erscheint mir ausgeschlossen, dass der Zeuge mit der 19. Dynastie in Zusammenhang steht, weder die Angaben des sonst so verlässlichen Manethös, noch die Tempeltrümmer von Pithom enthalten irgendwelche Andeutungen hierüber. Auch hinsichtlich der Abstammung von der 20. thebanischen Dynastie fehlen alle Anhaltspunkte, umsomehr, als dieselbe wahrscheinlich mit ihrem letzten Spross ausstarb. — Man sieht, mit was für perfiden Mitteln die Gegner der Wahrheit arbeiten. Paris. (Tel. d. „Welt“.) Die „Libre Parole“ feiert in ihrem heutigen Leitartikel den „grossen Ahnen des Zeugen, den bekannten biblischen Pharao, der schon damals den wahren Charakter der Juden erkannt und sie dementsprechend behandelt hat. Uns fehlt ein Ramses!“ so schliesst der Artikel. Die „Libre Parole“ spielt hier offenbar auf den Prinzen von Orleans an. Erwin Rosenberger. Der Sumpf. Ein wehes Gefühl beschleicht uns, wenn wir den verkommenen Träger eines alten Namens vor den Gerichtsschranken erblicken. Unser Empfinden sträubt sich dagegen, das Geschlecht, das eine Leuchte der Alltäglichkeit gewesen, in dem elenden Wesen verkörpert zu sehen, dessen Denken und Handeln wir verachten. Und diese schöne menschliche Trauer über den Hingang des Vornehmen und Edlen empfinden wir verdoppelt, wenn nicht ein einzelner, ein verlorener Sohn uns sein jammervolles Antlitz zeigt, sondern ein ganzes Volk auf der Anklagebank erscheint. Ein Volk, so gross und edel ausgestattet, so vornehm und menschlich fühlend, dass ein Jahrhundert lang ihm die Herzen aller derer zuflogen, welche an den Fortschritt der Menschheit glaubten und ihn zu fördern suchten. Im Jahre 1799 liegt die Welt Frankreich zu Füssen. Bonaparte und Bernadotte, Loubert und D a v o u s t sind in aller Mund, Carnot organisiert die Volksheere, ein Stab von Generalen, wie ihn die Welt nicht wieder gesehen! Italien und Holland, Deutschland und die Schweiz sind in den Händen des „freudigen Volkes des Ruhmes und der Ehre, das singend und jubelnd die Welt durchzog, um die Gerechtigkeit und die Freiheit zu bringen“. Auf den Pyramiden Aegyptens pflanzt Napoleon die Tricolore auf, und die Grundmauern der Wiener Kaiserburg erzittern vor dem ehernen Schritte seiner Grenadiere. Und jetzt! — Welch ein Land, dieses Frankreich! Im Angesichte jener Pyramiden beschlossen französische Offieiere die eigenen Brüder, die sie an Brand und Mord verhindern sollen. In Rennes kämpft ein unschuldig zur furchtbarsten Strafe Verurtheilter um seine Ehre und sein Leben, vor ihm aber steht wieder ein Stab von Generalen, wie er sich wohl noch niemals zusammengefunden — Boisdeffre, Mercier, Gonse, Junkh und wie die Ehrenmänner alle heissen mögen, und schleudert mit kaltem Herzen und bewusster Unwahrhaftigkeit den Unschuldigen zurück in seine Verzweiflung. Wieviele Meineide sind wohl in Rennes seit drei Wochen geschworen worden! Wie oft hat der Vorsitzende offene Parteilichkeit gezeigt! Wieviel gefälschte Documente hat man verwandt! Und diese selben Generale mit der ehernen* Stirne gegen den armen, ohnmächtigen Juden, zitterten, wie sie selbst eingestehen, vor der Möglichkeit des Krieges mit Deutschland. Das sind die Erben des Ruhmes der grossen Revolutionskriege. Den Anwalt des Juden aber, den sie alle so blutig hassen, den Mann, vor dem sie sich winden und drehen, wenn er sie anfährt, sucht man aus dem Hinterhalte zu erschiessen. Und, welche Ironie des Schicksals — ein Enkel jenes Carnot — der soviel für die Gerechtigkeit gethan, weigert sich, die That eines Meuchelmörders zu missbilligen, und verwahrt sich öffentlich dagegen, dem Verwundeten sein Beileid auszusprechen. Das ist die Nachkommenschaft der grossen Armee. Und wie sieht die Staatsverwaltung aus? Da drinnen ha der Rue Chabrol hat sich ein Mann, der durch schwindelhafte Gründungen in Galizien berühmt geworden ist, ein Fort erbaut. Gewehrläufe starren aus den Fenstern, drinnen aber ist Munition und Proviant aufgespeichert für eine lange Belagerung. Anfangs hielt man Herrn Guö rin für einen Narren, die mehr oder weniger ehrenwerten Fleischerknechte seiner Gefolgschaft für bethörte Fanatiker. Man hat sich getäuscht. Dem Mann geschieht bitter unrecht. Er ist ein vorzüglicher Geschäftsmann, kein Zriny, seine Genossen sind keine armen Verblendeten. Gegen bare Bezahlung trotzt er der Staatsgewalt, wie einst die Colonna und Barberini es gethan. Ein ganz gewöhnlicher Contotfciere des Prinzen von Orleans, verschanzt er sich inmitten einer modernen Weltstadt und niemand wagt es, ihn aus seinem Bau zu holen. Ohnmächtig schaut die Regierung zu. So sieht Frankreich im Jahre 1899 aus. Niemand weiss, wieviel Blut noch fliessen wird, ob ein Kaiser oder ein König oder ein Dictator der sterbenden Republik den Gnadenstoss versetzen wird. Und alles das hat die Affaire bewirkt. Alles das ist angeblich die Folge der Verurtheilung des jüdischen Hauptmannes. Aber in Wahrheit handelt es sich längst nicht mehr um Dreyfüs. Mag man den militärischen oder den Civilzeugen glauben, das eine ist erwiesen: Die Persönlichkeit des Verbannten von der Teufelsinsel steht ganz ausser Verhältnis zu der Sache, in der er eine Rolle spielt. Dreyfus ist „eine unsympathische Persönlichkeit, ein Charakter, bei dessen Empfindungsäusserungen keine verwandte Saite in uns mitschwingt.“ Er war nach dem vor uns entrollten Bilde ein Streber, Chauvinist, ein Mann ohne Herzenstact. Und hätte er den Zionismus gekannt, so wäre er sicher einer von denen gewesen, die ihn verlacht, vielleicht leidenschaftlich bekämpft hätten. Männer wie Picquart machen neben ihm den Eindruck von Fürsten. Aber auf der Anklagebank sitzt gar nicht mehr Dreyfus. Da sitzt vor dem Tribunal Europas die dritte Republik der Geldmänner, corrumpieiten Beamten und Officiere. Sie sind die Angeklagten, und dieser Eindruck ist so stark, dass Labor! oft unwillkürlich von dem „Verhör“ spricht, dem er diese Zeugen unterzieht. Die Frage ist: Wie konnte eine derartige totale Versumpfung aller Verhältnisse eintreten und weshalb kam inmitten dieses Treibens der Antisemitismus mit so elementarer Gewalt zum Durchbruch? Und die Antwort lautet: Weil hier, wie so oft in der Geschichte, die Vorherrschaft des demokratischen Gedankens durchaus nicht zu einer wahren geistigen und politischen Freiheit, sondern zu einer zügellosen Cliquenwirtschaft der schmutzigsten aller Aristokratien, der Geldaristokratie, geführt hat. Man hat alle Traditionen der alten, in sich gefesteten Stände aufgehoben, hat mit den infolge der Parlamentsherrschaft ewig wechselnden Ministerien zahllose Elemente in die Verwaltung gebracht, die kein anderes Interesse hatten, als reich zu werden, Carriere zu machen. Da existiert kein Stand mehr, dem die Berufsehre über alle äusseren Vorth eile geht, da vererbt sich kein Pflichtbewusstsein mehr vom Vater auf den Sohn. Und mit schwerem Herzen müssen wir zugeben: Die französischen Juden sind unter diesen Strebern und Stellenjägern nur zu zahlreich gewesen. Gerade weil wir Zionisten sind, haben wir das Recht und die Pflicht, die Schäden am Volkskörper aufzudecken, damit die Heilung erfolgen kann. Das französische Judenthum ist gesinnungsloser als irgend ein anderes in der Welt, Es fehlt ihm völlig an irgend