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Die Welt · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
35 (1.9.1899)
Article
[Kommentar] / j. z.
Date
1899-09-01
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 35 „Die A Welt“ Seite 13 empor, deren einziger Zweck die Vernichtung der jüdischen Existenzen ist. Es zeigt sich da, dass wir nicht dazu berechtigt sind, uns gar so sehr in Sicherheit zu wiegen. Die wahrhaft liberale Begierung schützt uns wohl zu jeder Zeit, auch das freiheitlich gesinnte, ritterliche Volk Ungarns gibt uns keinen Anlass zur Bangigkeit; aber die slovakischen, rumänischen und xtaktischen Elemente, die in vielen Gegenden unseres schönen, geliebten Vaterlandes vorherrschen, verfolgen uns vorläufig mit stiller Wuth — wehe, wenn sie losgelassen! ... Ist ja selbst das Herz des Landes, die reizende Hauptstadt Budapest, von der modernen Krankheit des Antisemitismus nicht verschont; erscheint doch dort eine stattliche Anzahl judenfeindlicher Blätter und Blättchen, die das Feuer des Hasses schüren, massenhaft nach der Provinz versendet werden, wo sie hetzen, auf wiegeln und den Boden unter unseren Füssen lockern. Unsere Lage ist wahrlich nicht so rosig wie sie aussieht, und wer weiss, welcher Zukunft wir entgegensehen! Aber selbst wenn wir uns über nichts zu beklagen hätten, wäre es nicht thöricht, den Brand im Hause des Nachbars nicht löschen zu helfen, weil unser eigenes Haus noch vom Brande verschont ist? Wie leicht kann da bei etwas stärkerem Winde ein Funke herüberfliegen und auch unser Haus in Gefahr bringen, zumal da es in demselben ebenfalls glimmt. .. Noch ist es für uns «luden Ungarns Zeit, den Zionismus uneigennützig zu unterstützen; gehe der Himmel, dass wirn i c h t einst gezwungen seien, bei ihm Zuflucht zu suchen!“ Mit einem begeisterten Appell an die orthodoxen Juden Ungarns, den Zionismus zu unterstützen und dadurch „M iz w ath Jischubh Erez Israel“ zu erfül len, schliesst der mit Geschick und Wärme geschriebene Artikel, und es steht zu erwarten, dass der geschätzte Verfasser kein „Rufer in der Wüste“ sein wird. j. z. Bücherwelt. Der Verfasser der in Nr. 27 unseres Blattes besprochenen „Materialien zum biblischen Geschichtsunterrichte“ ersucht uns, festzustellen, dass er nicht Stöhn, sondern Josef P1 o h n heisst. Der fünfte Jahrgang des „Jüdischen Volkskalenders“, der von unseren Gesinnungsgenossen in Lembe r g herausgegeben wird, erscheint in der nächsten oder zweitnächsten Woche. Derselbe enthält u. a. einen sehr interessanten Beitrag von Max Nordau über „politischen“ und „praktischen“ Zionismus. Ein neuer Ghetto-Dichter. Der Dichter, mit dem wir uns hier beschäftigen wollen, hat nichts mit den bekannten deutschen Ghetto- Dichtem gemein, welche sich als deutsche Dichter fühlen, von deutschem Geiste durchsättigt sind, und in demselben aufgehen. Er ist ein Ghetto-Dichter par excellence. Seine Wiege ist im Ghetto gestanden, er ist mit allen Fasern und Fibern seines Geistes und Gemüthes mit ihm verknüpft und verwachsen, es kommt in seinen Liedern plastisch zur Anschauung, und er singt und sagt in dem deutsch-jüdischen Jargon. Nichtsdestoweniger ist er ein moderner Mensch, er ist ein Sänger der Socialdemokratie, der Dichter der bitteren Noth und des grossen Elends seiner verfolgten und unter hartem Joche seufzenden Glaubensgenossen. Seine Lieder sind ein Aufschrei der Verzweiflung und Empörung gegen das traurige Los der jüdischen Arbeiter. Morris Rosenfeld wurde im Jahre 1862 in einem elenden Dorfe im Gouvernement Suwalki im äussersten Nordosten von Russischpolen geboren. Seine Vorfahren waren durch mehrere Generationen Fischer, und während ihrer Fahrten längs der romantischen Ufer des Niemen hörte er als Knabe von ihnen seltsame Geschichten und Lieder. Als der Vater nach Warschau übersiedelte, lernte er Polnisch und Deutsch und studierte den Talmud. Um dem russischen Militärdienste zu entgehen, flüchtete er nach England, wo er das Schneiderhandwerk erlernte, später nach Holland, wo er Diamantenschleifer wurde, schliesslich nach Amerika, wo er als Schneider seinen Lebensunterhalt verdiente. Sein Dasein ist ein unausgesetzter schwerer Kampf um das tägliche Brot. Eben darum können wir es ihm nicht hoch genug anrechnen, dass er dem Spruche: „Inter arma silent musae“ Trotz bietend, seiner Muse die Zunge löste. Und was er verkündet, kommt vom Herzen und dringt zuin Herzen. Er singt, weil er muss. Er lässt sein Lied erklingen, weil der Herr ihm die Gabe des Gesanges verliehen hat.’ Er greift zur Feder, weit er sich innerlich dazu getrieben fühlt. Wovon ihm die Seele voll ist, davon geht ihm der Mund über. Was ihm im Busen schwillt, wird ihm unbewusst Poesie, verdichtet sich ihm unwillkürlich zu musikalischem Wohllaute. Seine Gedichte sind mit seinem Herzblute geschrieben. Sie sind nicht gekünstelt, geschraubt, gemacht; wirklich Erlebtes, Gefühltes, Gedachtes ist es, was seinem Saitenspiele Töne entlockt. Seine im vorigen Jahre erschienenen „Lieder aus dem Ghetto“ sind kräftig und markig, und dabei voll Weichheit und Zartheit. Tiefinnige Liebe und heilige Entrüstung haben sie ihm eingegeben. Er ist ein Dichter der jüdischen Volksseele, denn er singt die Leiden seines unglücklichen, über die ganze Erde zerstreuten, und noch immer nicht zur. Ruhe kommenden Volkes. Innerhalb dieses Ahasvervolkes sind es, wie wir bereits gesagt haben, die Aermsten unter den Armen, die im Schweisse ihres Angesichtes das kümmerlichste, primitivste Dasein Fristenden, welche ihm Herz und Sifine erfüllen. Er klagt und jammert in dem Gedichte „In Schap“, dass sie vor lauter Arbeit nicht zur Besinnung, zum Bewusstsein ihrer Menschenwürde kommen können, dass sie zu reinen Maschinen herabgewürdigt werden: Es rauschen in Schap aso wild die Maschinen, As oftmal vargess’ ich im Rausch, as ich bin; — Ich wer' in dem schrecklichen Tummel varloren, Mein Ich werd dort botel, ich wer* a Maschin’: Ich arbeit’ nn' arbeite un’ arbeit’ ohiv Cheschben. Es schafft sich, un' schafft sich, un' schafft sich ohn’ Zahl : Far was? Un' far weinen? Ich weiss nit, ich frag' nit — Wie kummt a Maschine zu denken a Mal? . . . Nit da kein Gefühl, kein Gedank’, kein Verstand gar; — Die bittere, blutige Arbeit derschlagt Das Edelste, Schönste un’ Beste, das Reichste. Das Tiefste,' das Höchste, was Leben vermögt, Es schwinden Secunden, Minuten un’ Stunden, Gar seerelschnell läuten die Nächt mit die Tag'; — Ich treib’ die Maschin', gleich ich will se derjagen, — Ich jag’ olin' a Ssechel, ich jag’ ohn' a Breg. Ergreifend ist das Gedicht „Der b 1 e i c h o r Apreter“, welches in die traurigen Verse auskling! : Ich bet’ euch, wie lang wet noch jagen Der Schwacher dem blutigen Rad? O, wer känn sein Ende mir sagen? Wer weiss jenem schrecklichen Ssod? O, schwer, sehr schwer das zu sagen, Doch Eins is' bewusst un' bescheidt: Wenn ihm wet die Arbeit derschlagen. Sitzt teekef a Zweiter un’ näht. Sinnig nennt er in „A Thrän aufn Eisen“ die Thräne, die sich aus dem Auge des durch rastlose, harte Arbeit Krankgewordenen stiehlt, einen Kurier, welcher einen Thränenteich ankündigt. Es thut dem Dichter tief in der Seele weh, dass er durch die Galeerenketten der Arbeit, welche er vom frühen Morgen bis in die späte Nacht mit sich schleppt, seinem Kinde entfremdet wird, dass er es nur schlafend

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