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Die Welt · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
35 (1.9.1899)
Article
Die russischen Juden und die Wehrpflicht
Date
1899-09-01
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die H Welt“ Nr. 35 den sogenannten Coefficienten der Ausgehobenen für Juden und Nichtjuden besonders ausrechnet, und folgende Zahlentabellen werden ohne besondere Mühe verständlich sein. Lin berufen: 953.195 Mann — 901.785 Nichfjuden -j- 51.410 Juden. Ausgehoben: 284.583 Mann — 267.988 Nichtjuden -j~ 16.595 Juden. Der Percentsntz der ausgehobenen Nichtjuden 267.988 : 901.785 — 29'72 Percent. Der Percentsatz der ausgehobenen Juden 16.595 : 51.410 32.28 Percent. Von jeden 10.000 Nichtjuden wurden also 2972 Mann ausgehoben und von der gleichen Anzahl Juden — 3228 Mann, um 256 mehr. Dies alles ist uns nicht neu. Auf das Factum, dass die Juden zum Militär ein verhältnismässig grösseres (Kontingent als die Nichtjuden stellen, wurde zuerst vom Mathematiker A. A. Bar sky vor 18 Jahren hingewiesen. Nachher wurde diese „Entdeckung“, welche selbst die Juden frappierte, durch den verstorbenen H. M. Rabinowitz controliert und an der Hand von officieilen Berichten für eine Reihe von Jahren genau erforscht (Statistische Etüden, Petersburg 1886). Nun sind es bereits zwölf Jahre, wie diese Entscheidung durch die Berichte des Ministers des Innern über die Resultate der Einberufung vollkommen bestätigt wird. Jedesmal wird unumstösslich constatiert, dass von der jüdischen Bevölkerung ca. 1200 Mann mehr ins Militär eintreten, als nach normaler Vertheilung nöthig wäre. Die mechanische Entstehung dieses üeberschusses ist bekannt. Theil weise entsteht dieser Ueberschuss durch die wiederholte Umwandlung derjenigen Bruchtheiie in Ganze, welche sich hei Ausrechnung* der auszuhebenden Juden bilden. Sobald in der Gouvernements-Wehrptlichtscominission die Anzahl der auszuhebenden Juden nach Kreisen vertheilt wird, so werden die bei der Ausrechnung entstehenden Bruchtheiie, selbst geringfügige, aus irgend w. Ichen Gr ünden niemals abgestrichen und das Resultat ergibt im Gouvernement einige überflüssige Ganze. Dasselbe geschieht in der Kreiswehrpflicht-Commission bei der Verth eil ung auf die einzelnen Einberufungscaiitons, auf diese Weise wird die Anzahl der auszuhebenden Juden unverhältnismässig vergrößert. Dann wird an vielen Orten das Los von Juden und Nichtjuden nicht gesondert gezogen, wie es zur völlig regelrechten Ausrechnung nothwendig wäre, sondern zusammen, wobei das Minimum der auszuhebenden Juden in der Vorvertheilung festgesetzt wird, das Maximum aber unbegrenzt bleibt und von der höchsten Nummer für Nichtjuden abhängig ist, wobei alle Juden, die das Los mit einer niedrigen Nummer gezogen haben, der Aufnahme ins Militär unterliegen. Bemerkenswert ist es aber, dass im Berichte für 1898, wie auch in den früheren, ungeachtet der unnormal vergrößerten Anzahl der aufgehobenen jüdischen Reeruten, der bedeutende Ausfall von 1820 Mann verzeichnet ist. Die Juden hätten also nicht 15.348Mann (wie es nach einer regelmässigen Vertheil ung erforderlich wäre) und nicht 16.595 Mann (wieviel angenommen wurden) sondern um 1820 Mann mehr, das ist 18.415 Mann stellen müssen. Stellt inan die Zahl mit der Anzahl der Einberufenen (51.410) zusammen, so ergibt es sich, dass von den Juden 35-82% (anstatt der normalen 29 85%) hätten ausgehoben werden müssen. Eine so bedeutende Anzahl jüdischer Recruten konnte die Bevölkerung freilieh nicht stellen, und der „Ausfall“ war gera iezu unvernu i flieh. Freilich muss als Hauptursache des vermeintlichen Ausfalls und wirklichen Üeberschusses der ansgehobenen jüdischen Recruten die unmassig vergrößerte Anzahl der ein berufenen Juden betrachtet werden. Es ist undenkbar, dass in der jüdischen Bevölkerung 51.410 Einundzwanzigjährige vorhanden wären. Diese Zahl entspricht den gewöhnlichen Coefficienten der Geburten und natürlichen Sterbefalle der Kinder ganz und gar nicht. Ohne Zweifel ist eine bedeutende Anzahl von Juden, welche im Jahre 1877 geboren wurden und jm vorigen Jahre der Wehrpflicht unterlagen, längst gestorben, und nur die Nachlässigkeit in der Führung der jüdischen Matrikelbücher und die Unmöglichkeit, in jedem einzelnen Falle den Tod eines jungen Juden an den Ort, wo er verzeichnet ist, zu melden, haben Schuld daran, dass diese todten Seelen in die Einberufungslisten eingetragen werden und das Contingent der Juden vergrößert haben, welche nach der Ausrechnung der Aufnahme ins Militär unterlagen. Nicht wenig sind auch solcher junger Leute in Einberufungslisten eingetragen worden, welche zusammen mit ihren Eltern längst nach Amerika au <ge wandert sind. Daher eben nennt der Bericht eine relativ grössere Anzahl von Juden, die zur Ableistung der Wehrpflicht nicht erschienen sind (8244). Man kann mit ~ Bestimmtheit behaupten, dass sich nur ein sehr unbedeutender Theil dieser „Nichterschienenen“ in Russland befindet. Und wenn alle Gestorbenen und Emigrierten rechtzeitig aus den Einberufungslisten gestrichen worden wären, so hätte sich die Zahl der einberufenen Juden mindestens um etwa 7000 verringert. Dann hätten die Juden bei einer regelrechten Vertheilung etwa 13.000 Recruten stellen müssen und dieses Contingent hätte sehr leicht ausgehoben werden können und dann wäre keine Rede von Nichterschienenen oder von einem Ausfälle.’* Tribüne. Sehl* geehrter Herr R e d a c t e u r! Durch ein Missverständnis hat eich hie und da die Ansicht verbreitet, dass ich der Verfasser der im'„Israelit“ unter dem Pseudonym „Ludovicus“ erschienenen Congressbetrachtung bin. Ich muss gegen die Annahme, dass ich fähig wäre, diesen antizionistisch-tendenziösen Artikel geschrieben zu haben, entschieden protestieren. Ich ersuche Sie höflich st, diese Zuschrift in der „Welt“ zu veröffentlichen und grüsse Sie bestens F r e j b u r g i. B. als Ihr ergebener Max Jungoiann. Weltchronik. Eine neue jüdische Secte ist, wie ein Budapester jüdisches Blatt meldet, in Ungarn im Entstehen begriffen. Diese Secte, die bereits über zahlreiche Anhänger verfugen soll, hat sich hauptsächlich die Abschaffung der Cireumeision zum Ziele gesteckt. Es ist übrigens sehr zweifelhaft, ob das ungarische Cultusministerium seine Genehmigung zur Bildung dieser Secte ertheilen wird. Dreyfus in dar Synagoge In einer der jüngsten Nummern der „Aurore“ gibt Lieutenant Robert Lerouge, ein College Dreyfus’ von der Kriegsschule her, eine Erinnerung an den unglücklichen Capitan zum Besten. „Es war im Frühling des Jahres 1880“, schreibt Lerouge, „da traf ich wieder mit Dreyfus zusammen, nachdem ich ihn zwei Jahre nicht gesehen hatte. Er kam mir entgegen, just als ich auf dem Wege vom Montmartre zum Boulevard begriffen war. Er machte grosse Schritte. „Wohin?“ fragte ich ihn, indem ich ihm die Hand reichte. „Ich geh’ in die Synagoge“, antwortete er, „wenn Du willst, kannst Du mich begleiten.“ — Natürlich war'es niemandem ein Geheimnis, dass Dreyfus ein Jude ist. Jedoch, dass er die Synagoge besuche, war mir neu und auffallend. Ich gieng mit. Wir kamen in eine kleine Synagoge und fanden dort etwa 30 Juden — grösstentheils arme Eingewanderte, die sich vor Erstaunen kaum fassen konnten, zwei Offleiere in ihrer Mitte zu sehen. Dreyfus gieng auf den Küster zu und rannte ihm etwas ins Ohr. Dann begann das Gebet, von dem ich kein Wort verstand. Mit einemmal sah ich Dreyfus zum Altar gehen und hörte ihn ein hebräisches Gebet vortragen, worauf alle Anwesenden „Amen“ sprachen. Als wir wieder draussen waren, sagte mir D r e y f u s, er habe das Gebet zum Andenken an seinen verstorbenen Vater verrichtet, und dass er alljährlich an dessen Sterbetag in die Synagoge gehe. Von seiner verstorbenen Mutter sprechend, sagte er, er verehre sie fast wie sein Vaterland. Diese Worte werde ich niemals vergessen.“ Die Untersuchungen des Kriegsgerichtes in Rennes ergaben bisher durchschnittlich ein für Dreyfus günstiges Resultat. Die uniformierte Fälscherpartei erleidet eine Schlappe nach der anderen. Ihr Vorkämpfer, General Mercier, der das Muster eines dumm-dreisten Verbrechers ist, wurde in den letzten Verhandlungen vom Hauptmann Freystätter des Meineides überführt. Der Vorsitzende des ersten Kriegs-

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