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Die Welt · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
35 (1.9.1899)
Article
Das fremde Volk
Date
1899-09-01
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 35 „Die Hl Welt** Seite 7 Königsgedanke, der langsam reifend aus der eigenen Prodüctivität heraus sieh seine Form erschafft, die mit all ihrer Lebendigkeit dem Grundgedanken dient, die zu sehr seine Fesseln trägt, um mit ihm spielen zu können, indessen die Formkünstler der Skizze mit ihren Gedanken Circuskünste aufTühren. Ich habe deshalb so nachdrücklich auf Richard Muther hingewiesen, weil er so ziemlich der erste auf diesem Gebiete gewesen, und bis heute der Bedeutendste geblieben ist. Sein Beispiel ist für Chamberiain ungemein charakterisierend, und ich werde es in der Folge noch manchmal anzurufen haben. Von dem Gegenstand, den Chamberiain sich gewählt, ist die Geschichte der Malerei nur ein minimaler Bruchtheil. Chamberiain will die Grundlagen des Jahrhunderts feststellen, und als Grundlagen dienen ihm nicht allein alle achtzehn vorausgegangenen Jahrhunderte christlicher Zeitrechnung, sondern auch so ziemlich die drei bis vier Jahrtausende, in welche die Geschichte vor Christi Geburt zurückgreift. Seine Aufgabe ist keine kleine. Er schreibt ein umfangreiches Feuilleton über die ganze Welt, ganz einfach. Und bei seiner Arbeit hat er das Ziel, Gradmesser für neue und definitive Wertungen herzustellen. Er betheuert, durchaus ohne Voreingenommenheit, ohne Antipathien und nach wissenschaftlichen Erkenntnissen vorzugehen, und in der Vorrede sagt er, „so lange es Germanen auf der Welt gibt, darf man hoffen und glauben“. In dem Buche von Chamberiain, in welchem der „Hellenischen Kunst“, dem „Römischen Recht“, dem „Völkerchaos“, der Religion und dem Staat umfassende Capitel gewidmet sind, befindet sich auch ein bedeutender Abschnitt, welcher von dem „Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte“ plaudert. Chamberiain versichert, kein Antisemit zu sein, wenigstens nicht im gewöhnlichen Sinne. Aber aus diesem Abschnitt, und aus hundert anderen Stellen des Werkes ergibt sich, dass er ein überzeugter, und wie mir scheint, heftiger Gegner des Judenthums ist. Nicht der einzelnen Juden, und nicht gewisser Gruppen von Juden — dazu besitzt er zu viel Cultur — aber des Judenthums überhaupt. Ein Gegner des Volkes, ein Gegner seiner Mission, ein Verurtheiler seiner Rolle in der Geschichte. Aber von allen Gegnern, die ihre Stimme heute erheben, ist Houston Steward Chamberiain der bedeutendste. Er ist derjenige, der am meisten Geist, am meisten Talent besitzt. Deshalb ist er nicht bloss der gefährlichste, er ist auch beinahe der einzige, mit dem man discutieren mag; der einzige, den der Hass nicht blind gemacht hat, sondern sehend. Es ist eigentlich kein Hass, sondern eine Abneigung, jene tief wurzelnde, anererbte und anerzogene europäische Abneigung gegen die Juden, die mit einseitigem Scharfblick für ein voraus in Bereitschaft gehaltenes Ur theil nach Gründen sucht. Houston Steward Chamberiain holt alle diese Grüude aus den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft herbei, und er geht so weit, die Inquisition als die Retterin der Cultur vor den Juden zu preisen. Von all den Schriften, welche in diesen Zeiten des Judenhasses gegen die Juden gerichtet wurden, ist keine so gewaflhet mit kalten Thatsachen, keine so gerüstet mit allen Kampfgeräthen modernen Denkens, keine so einleuchtend und so sorgfältig begründet wie diese. Es lohnt sich darum, gerade mit Chamberiain Abrechnung zu halten. Gerade ihn, der im Grunde den Eindruck erweckt, aus ehrlicher Ueberzeugung zu sprechen, in Discussion zu ziehen, und zu zeigen, wie unehrlich in ihren Mitteln diese ehrliche Ueberzeugung verfährt, wie speculantisch er eine Armee von Büchern geplündert, um sich selbst und anderen zu beweisen, dass er wirklich und thatsächlich im Rechte sei. Zu zeigen, wie Thatsachen wohl richtig, aber ihrem Sinne nach gefälscht sein können, wird der Zweck des Folgenden sein. Weder der offene Schimpf, noch die plumpe Gehässigkeit oder die dreiste Verleumdung können so schädlich wirken als ein Mann von Talent, der mit Anmuth und Behendigkeit die Wissenschaft auf seiner persönlichen Meinung zu balancieren versteht, und von dem die Menge sich überzeugt glaubt, indessen er sie einfach überredet und überlistet hat. Darum soll man auch weniger auf Schimpf und Verleumdungen reagieren, als auf so ernsthaft vorgetragene Sachlichkeit. Man muss dazu nicht auf einem beschränkten jüdischen Standpunkte stehen, und ich für meinen Theil habe nicht die mindeste Lust dazu, Chamberiain einfach als Antisemiten, wie die übrigen, zu nehmen, ihn abzuurtheilen und von vorneherein wegen seiner Gesinnung zu erniedrigen, wäre kleinlich und borniert. Sein Antisemitismus ist auch kein politischer, seine Gegnerschaft keine persönliche — wenigstens will sie es nicht sein — und es liegt nirgends ein Anlass vor, sein enormes Talent zu schmälern, seinen glänzenden Fähigkeiten die Anerkennung zu versagen, bloss weil er anderer Meinung ist als wir. Aber . wehren muss man sich gegen ihn, und zwar an ch-r Hand derselben Thatsachen, die er anführt, auf demselben Boden, den er betreten — nur dass man wesentliche Dinge dabei anführen muss, die Chamberiain nicht gewusst hat, oder die er aus guten Gründen nicht wissen wollte. F. S. Sommerfrischlergedanken. Ich hasse Dich, Stadt. Wenn ich längere Zeit in Dir verweile, so gewöhne ich mich schliesslich an Deine, von Kohlentheilehen erfüllte Luft, an Deinen harten Boden, an Deinen erbarmungslosen Lärm. Dann bilde ich mir ein, es müsse so sein, und das alles sei in der Ordnung. Ich stimme mich selber herab, werde unendlich bescheiden in meinen Ansprüchen auf Gesundheit und Wohlbehagen, und so vermag ich zu existieren, ohne zu murren. Die reichen Möglichkeiten des geistigen Lebens, die mir in der Stadt gewährt sind, lullen mich dann vollends ein. Ah, was es da nicht alles gibt: Concerte, Verein, Bibliotheken, Theater! Welche Auswahl für den Klugen, welche Reizungen für den Verwöhnten! Mein Hirn badet in einem übervollen Schwalle, der aus tausend Quellen sprudelt. Wenn ich an einem Winterabend aus einem guten Schauspiel heimkehre, fühle ich mich so wohlig angeregt, so innerlich voll eines unruhigen Lebens, dass ich gar nicht bemerke, auf wie schmutzigen Schnee ich trete, und dass ich im trüben Licht der Gaslaterne hinschreite. Und weil die hohen Häuser und immer aufdampfenden, eklen Dünste mir den Anblick der schönsten Sterne rauben, so habe ich mich längst entwöhnt, zum Himmelszelte aufzuschauen. Oder wenn ich in meinem Vereine sitze, aufgeregt vom Kampfe der Meinungen und ergriffen von der herzlichen Aussprache der gemeinsamen Ueberzeugung — was kümmert es mich, dass der Tabaksqualm mir die Augen beizend erfüllt, und dass meine Lungen unter dem doppelten Drucke hörbar arbeiten? Der menschliche Körper gewöhnt sich schier an alle Lebensbedingungen, die man ihm aufzwingt. Gib ihm frische Luft und er wird blühen. Bringe ihn in verpestete und er wird nicht sterben; nur an Kraft und Brauchbarkeit Einbusse erleiden. Es ist vielleicht mehr Unglück als Glück, dass ein in wechselvoller Spannung erhaltener Geist es weniger

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