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Die Welt · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
35 (1.9.1899)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1899-09-01
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 Nr. 35 „Die Welt** nur eine geringe Gruppe dominierender Nationen oder gar eine einzige Nation vorstellen; — „in orbe ultima". Erst dann, in der Siestastimmung, dürfte es den Menschen möglich sein, den Nationalismus, der seine Schuldigkeit gethan hat, in die Rumpelkammer zu werfen und sich der Pflege des Kosmopolitismus zuzuwenden. — Aengstlichen Gemüthern wird es zum Tröste dienen, dass dieser Zeitpunkt noch ziemlich weit entfernt liegt. * » * Vorläufig aber ist der heutige ausserordentlich starke Nationalismus eine durch die Fortschritte der technischen Cultur nothwendig hervorgerufene Erscheinung im Völkerleben. Wir leben wieder in der Zeit der Völkerwanderung. Der spätere Geschichtsschreiber wird Parallelen ziehen zwischen der jetzigen Völkerwanderung und den Tagen Alarichs. Der Nationalismus ist der Ausdruck des Selbsterhaltungstriebes der Völker, deren Existenzbedingungen jetzt eine durchgreifende Aenderung erfahren. Das NationaLgefühl, das die politische Stärkung eines Volkes anstrebt, sorgt damit auch für die fleischlichsten, wirtschaftlichen Interessen. Politisch schwache Völker müssen auch auf jede wirtschaftliche Benaehtheiligung gefasst sein. Erwin Rosen bergen „Das fremde Volk.“ i. Das Ende des Jahrhunderts gibt den Leuten Anlass, eine Art Jubiläum zu feiern. Es sind, dank einer herrschenden Sitte, der Jubiiare so viele geworden, dass man endlich aus all dem Kleinen einmal in das wahrhaft Grosse gehen wollte, und der bedeutungsvolle Kalender-Abschnitt, dem wir uns nähern, bietet vortreffliche Gelegenheit. Imposanter kann kein Herrscher an seinem Gedenktag wirken, als die Epoche, die zum Jubdar geworden. Die folgenden Jahrhunderte werden uns denn auch das Zeugnis geben müssen, dass wir das Ende des unserigen mit sehr lebhaftem Bewusstsein empfunden haben. Ein Meer von Tinte ist bereits zum Ruhme des jubilierenden Säculums vergossen worden. Abhandlungen, Denkschriften, Lexiea erscheinen ununterbrochen, um uns von dem tiefen Sinn dieser Zeitenwende zu unterrichten. Erinnerungen, Rückblicke, Ausblicke ohne Zahl — es ist ein festlicher Abschluss und wenn das neue Jahrhundert endlich erschienen und das alte definitiv vorüber sein wird, dürfen sich die erschöpften Festredner und Festschreiber mit Genugtuung sagen, dass sie das Menschenmögliche geleistet haben. Anderthalb Jahrzehnte lang nannten wir unsere Zeit schon „fin de siede“ und auf die seltsamsten und entlegensten Ereignisse, die sich in diesen fünfzehn Jahren zugetragen, haben wir jene ominöse Bezeichnung mit wunderbarer Logik und monotoner Schlagfertigkeit angewandt. Ganze Diagnosen haben wir in dieses Wort gelegt. Kultur-Symptome haben wir darunter verstanden — noch mehr, wir haben Bücher, Cravatten, Feigenkaffee und Bicycles „fin de siede“ genannt, und ehe das Jahrhundert noch wirklich geendet, ist das Wort davon schon todtgehetzt gewesen. Eine solche Actualität ist uns heute das Ende des Jahrhunderts. Natürlich wird es im nächsten Jahre nur mehr wenige von all den ungezählten Büchern geben, mit denen man sich post festum noch wird befassen wollen. Von den wenigen aber, die uns über abgeschlossene Epochen Aufklärung ertheilen könnten, in der ersten Zeit, in der uns das neue Jahrhundert noch nichts zu sagen haben mag, ist vielleicht das Werk von Houston Steward Chamberlain „Die Grundlagen cles neunzehnten Jahrhunderts“*) das interessanteste. Es tritt als ein *) München, Verlagsanstalt von F. Bruckmann. A. G. wirkliches Document unserer Tage auf, als ein beredsames Zeugnis der Gedanken und Gelühle am Schluss des neunzehnten Jahrhundei ts. Chamberlain hat die allgemeine Aufmerksamkeit zuerst durch ein Buch über Richard Wagner auf sich gelenkt. Ich kann über dieses Werk nicht urtheilen, denn ich habe nur flüchtig darin geblättert, und wenig mehr daraus entnommen, als dass der Verfasser einen glänzenden Stil schreibt, der Einen schon nach wenigen Zeilen bestrickt. Dieselbe Formvollendung habe ich in seinem Buche .Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ gefunden. Ein Stil, der in seiner kasernierenden Eleganz sofort die beruhigende Empfindung verbreitet, dass man es mit einem künstlerischen Geschmack zu thun hat, der in seiner weltmännischen Leichtigkeit zu amüsieren versteht. und der mit einer solchen Grazie lebendig zu sein vermag, dass man sich direct angesprochen und in eine Unterhaltung verwickelt ghubt. In die-er Manier ungefähr hat Richard Muther sein prachtvolles Buch über die Malerei des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben, und damit beigetragen, das Verständnis für Kunstgeschichte in unerhörtem Grade zu popularisieren, indem er mit dichterischer Phantasie allem Theoretischen die Trockenheit und Schwere nahm. Diese Leichtigkeit aber, welche die Wissenschaft angenehm und unterhaltend machen will, birgt in sich eine wirkliche Gefahr. Aus dem Feuilleton herstammend, bei dem der Schriftsteller von heute gewöhnlich zunächst beginnt, und wo er seinen kunstvollen Stil als Werber für seinen Gegenstand zu benützen pflegt, hat diese Leichtigkeit sich angewöhnt, mit dem Problem so rasch fertig zu sein, wie mit dem Worte, eben Gelesenes rasch in Geschriebenes umzuwandeln und Resultate zu ziehen, die, mit trainierter Behendigkeit gewonnen, eher Einfälle des Augenblickes heissen können, als wirkliche Resultate. Die Uebung des Zeitungsfeuilletons, das um Gottes Willen alles andere eher sein soll als schwer, und als die Frucht langen und intensiven Denkens, hat demnach auch in vielen Schriftsteller-Gehirnen die Einheit eines umfassenden, grossen Gedankens aufgelöst in eine enorme Menge kleiner und kleinster Gedanken, die einander oft auf komische, oft auf paradoxe Weise widersprechen, die aber schliesslich ganz gut nebeneinander bestehen. Ebenso ist das grosse, ethische Gefühl einer unausgesetzten Verantwortung zerstückt worden in lauter kleine, intermittierende Verantwortungsgefühle, die nie länger zu dauern haben, als der betreffende Artikel auf liegt. Tritt nun ein solcher, im Feuilleton und in gelegentlichen Aufsätzen ausgeturnter Geist einmal mit einem grossen Werke hervor, dann wird er neben vielen guten Eigenschaften auch die schlimmeren leicht verrathen. Er wird die ganze Gelenkigkeit, die Munterkeit und Amnutli des Feuiiletonisten haben (und Muther’s Buch liest sich auch, ohne dass es je ermüden würde, wie ein dreibändiges Feuilleton). Er wird aber auch die Flüchtigkeit, das Leichtfertige, die Nachlässigkeit nicht verleugnen. Im Gegentheile, je weniger man im Zeitungsartikel darauf achtet, desto mehr fällt es in einem Werke auf, das wissenschaftliche Allüren anninunt. Wie oft taucht Richard Muther, der übrigens von all diesen Schriftstellern der bedeutendste ist, aus den Tiefen, bis zu welchen er gelegentlich vorgedrungen, rasch an die Oberfläche und an die Oberflächlichkeiten seines Themas empor, wie oft wirbelt er bloss über die äusseren Gontouren der Erscheinungen hinweg, um mit eiligem Elan zu einer verblüffenden Folgerung zu gelangen. Niemals findet man so unvermittelte Niveau-Unterschiede bei den grossen Schilderern der Cultur, bei Taine, Buckle, Jacob Burckhardt. Bei diesen ist es der grundlegende

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