Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Article
- Rede der Frau Professor Gottheil (New-York)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die A Welt“ Seite 5 Nr. 35 möglichstes za thun, um unserem Werke zu dienen. Wir sind die Depositäre der Familie, Wir müssen machen, was wir können, um unseren Armen zu helfen, damit später, wenn man die Geschichte Israels schreibt, auch unsere Namen in goldenen Lettern darin verzeichnet erscheinen (Tosender, lang anhaltender Beifall). Die Woche. Wien, 30. August 1899. Die letzten Sonntagsnummern der Blätter waren reichlich gefüllt mit mehr oder weniger pathetischen Festartikeln. Die verschiedenen „internen" und „externen" Mitarbeiter erfüllten ihre Pflicht gegenüber dem zeitungslesenden Publicum, das über jede Actualität informiert werden muss, und schrieben, einem inneren Herzensbedürfnisse folgend, warme Aufsätze zu Ehren der hundertundfdnfzigsten Wiederkehr von Goethes Geburtstag. Die Aufsätze haben das Bestreben gezeigt, durch Citate und Entlehnungen aus grösseren biographischen Werken dem Leser stark zu imponieren — die Herausgeber kleinerer Blätter mussten mit missmuthigem Neide sehen, dass es den Herausgebern grösserer Blätter gelungen, citatenreichere Festartikler zu beschaffen — und im übrigen haben alle Zeitungsschreiber mit einem gewissen Wohlwollen zugestanden, dass Goethe doch ein ganz bedeutender Mann und der grösste Dichter Deutschlands gewesen. Da ja der Culturmensch bereits in der zweiten Gymnasialclasse unter Androhung einer schlechten Deutschnote zu diesem Zugeständnis bekehrt wird, so haben die Festartikel nur jedem Leser aus dem Herzen gesprochen, wofür ihnen der allgemeine Dank gebürt. * . * * Die Goethe-Artikel der Blätter hatten eine seltsame Nachbarschaft. Sie waren eingerahmt von Berichten, die den Sprachen streit in Böhmen behandelten, oder den nationalistischen Chauvinismus der Franzosen, oder eine Schlägerei zwischen Sokolisten und Deutschnationalen in Hernals und ähnliche anmutbige Sachen. Die Hymnen auf Goethe, den grossen Kosmopoliten, und die Kriegsberichte von den Kampfstätten des überhitzten Nationalismus auf ein und derselben Zeitungsseite. Diese Gegenüberstellung war eigentlich auch ein Goethe-Artikel, eine wortlose, unbeabsichtigte Reflexion, und das, was solchermassen im leeren Zwischenraum zwischen den einzelnen Zeitungsspalten zu lesen war, war da und dort inhaltsreicher und mehrsagend als die betreffenden vorzüglichen Artikel; Eine stumme Frage hat uns aus dem leeren Zwischenräume entgegengeklungen: Wer von beiden ist auf dem richtigen Wege? Da ist ein Geistestitan, der als eine Blüte der Menschheit gefeiert wird — er war ein stolzer Verächter aller Sondergefühle, die ein Volk vom anderen scheiden, das Rauschen eines nationalen Banners hat ihn kühl gelassen, er war ein Weltbürger. — Und da ist andererseits die Menschheit, deren Blüte er genannt wird, und diese Menschheit segelt im aufgeregten Fahrwasser des Nationalismus. Wer ist der rückständige Theil? Ist der Geistesriese der Menschheit um einige Entwicklungsstufen voi angeeilt, war er schon damals auf einem Gipfel gestanden, zu dem die Menschheit heute, nach einem Jahrhunderte, noch nicht emporgeklommen ist? Oder ist er der Rückständige, ein fossiles Gebilde, das auf einem einsamen Gipfel, im Kreideschlamm eingebettet, zurückbleibt, nachdem die breiten Gewässer im geologischen Entwicklungsgänge dieses Planeten sich gesenkt haben. Hier ein See in einem separatistisch abgeschlossenen Thalkessel, und dort ein Teich im streng ab gegrenzten autonomen Gesenke. * s * Die Frage lässt sich gewiss nicht leicht entscheiden. Ein Petrefact des Kosmopolitismus ist Goethe wohl nicht. Die breiten Gewässer, welche die trennenden Gebirgszüge Überdrücken, waren noch niemals da, die Erdgeschichte erzählt uns noch nichts von einem Zeitalter des Kosmopolitismus. Doch will es scheinen, als wäre die Menschheit jetzt auf dem Pfade zum Zeitalter, wo es keine Nationen mehr gibt. Gerade das allseitige, grelle Aufflammen des Nationalismus ist ein Beweis dafür. Die Völker vertheidigen ihren Besitzstand, weil sie ihn bedroht sehen. Und heute ist der Besitzstand eines jeden Volkes mehr bedroht als je zuvor. Heute sind die entferntesten Völker Nachbarn geworden und pressen die Ellbogen gegeneinander. Italien ist heute der enge Nachbar von China, die trennenden Meere sind zum schmalen Grenzgraben geworden, der leicht übersprungen wird. Wir haben erst dieser Tage vom Conflicte zwischen China und Italien gelesen. Es klingt eigentlich widersinnig, wenn man sagt: die nationalen Conflicte müssen sich desto stärker mehreil, je weiter die Cultur vorwärtsschreitet. Wenn früher, in den Tagen mangelhafter Communieationen, ein englischer Staatsbürger irgendwo in Afrika an Leib oder Gut geschädigt wurde, so konnte dieses Ereignis unbemerkt bleiben. Heute plaudert es der Draht sofort aus, und die Bedingungen zu einem Zwiste sind gegeben. Früher waren die Reibungsflächen der einzelnen Völker vorzugsweise an den natürlichen Grenzen der benachbarten Territorien. Heute errichten der Dampf und die Elektricität in allen Theilen der Erde die verschiedenkantigsten Reibungsflächen, und der Tag ist nicht mehr ferne, wo alle Völker Nachbarn geworden sind. * * * Wo zwei Nationen aneinander grenzen, dort wird Nationalgefühl erzeugt. Die Berührungsflächen sind Reibungsflächen. Es entsteht Wärme, Funken sprühen. Im Zeitalter, wo die Meere nur dazu da sind, um überbrückt zu werden, im Zeitalter, wo alle Völker aneinander grenzen, muss der Nationalismus in vollster Blüte stehen. Der Erfinder der Dampfmaschine ist der Vater unseres heutigen Nationalismus. * * •i* Das Nationalgefühl ist eine Schutzvorrichtung des Volkskörpers. Ein Volkskörper, der ein klares Gefühl all seiner Leibesumrisse und eine gute Empfindlichkeit in allen Gliedmassen hat, wird auf jeden feindlichen Druck prompt antworten. Da die Völker immer enger zusammen rücken, so ist ein Absch wellen des Nationalismus in absehbarer Zeit wohl nicht zu erwarten. Eher eine Steigerung, ln den verschiedenen Volkskörpern steckt das Vorgefühl, dass es bei der allmählichen Verengung des Erdkreises zu einem gefährlichen Gedränge kommen wird. Man muss keinen besonderen Scharfsinn aufwenden, um zu erkennen, dass eine der hervorstechendsten Erscheinungen des kommenden Zeitabschnittes das Erlöschen von Völkern sein wird. Stärkere Nationen haben das Bestreben, schwächere Nationen aufzusaugen, zu verdauen. Die neue Zeit, die die Verkehrshindernisse zwischen den Völkern beseitigt, ist der Befriedigung des genannten natürlichen Hungergefühles sehr förderlich. Diese nervöse Spannung — Verdauen oder verdaut werden? — ist ein Hauptbestandteil unseres heutigen Nationalismus. * * * Man verschärft, bewusst oder unbewusst, die Empfindlichkeit der Volkskörper für die unausbleibliche Stunde des lebensgefährlichen Gedränges. Und jedes neue Schiff*, das auf der Werfte gezimmert wird, rückt den Zeitpunkt näher, jede Verbesserung der Schiffsschraube scheint den schwächeren Völkern ein Memento mori und stachelt ihren Lebensdrang, ihren Nationalismus. Es wächst der Nationalismus mit den Errungenschaften der Cultur. Es wird nichtsdestoweniger im kommenden Zeitabschnitte durch die zunehmende Verdichtung des Völkergedränges voraussichtlich eine beträchtliche Decimierung der Völkerzahl, ein Aufgehen der schwächeren Nationen in den stärkeren stattfinden. Wenn man den Verlauf dieses Processes consequent zu Ende denkt, so mag man sich dann schliesslich