Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-08-25 · 34 (25.8.1899) · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
34 (25.8.1899)
Article
Der Weg zum Ziel
Date
1899-08-25
Page
16 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315831-3390138--14527-3390174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 16 „Die H; Welt“ Nr. 34 haben fürwahr daran nicht diejenigen von uns das Verdienst, die furchtsam und scheu noch immer in dem Sumpf der Assimilation weiterwaten. Was Zola, Picquart, Labori zu unseren Gunsten gethan, was sie um unseretwillen gestritten und gelitten, haben sie gethan, gestritten und gelitten weil sie im Juden nicht den Menschen zertreten lassen wollten. Sie haben als Franzosen für die Ehre Frankreichs ge-" kämpft, das Panier der Menschlichkeit und Gerechtigkeit emporgehalten. Ihnen schuldet die Menschheit den- Dank. Für uns als Juden aber müssen wir selbst ein* treten, und dies können wir nur, indem wiruns frei,5 laut und offen als Juden bekennen. Als Juden nicht bloss in der inhaltleercn Form des schüchternen, bettelhaften Duldungsanspruches, sondern in dem unverhüllten Sinne eines nachdrücklich betonten eigenen Volksbewusstseins, im Sinne einer unveräusserlichen» I-Ieimats- und Geschichtsberechtigung, die nicht mehr davonabhängig sein darf, dass willkürlicher Stimmungswechsel' sie anerkennt oder bestreitet. Uns Juden muss es fortan klar sein, dass wir von den anderen nichts zu; erwarten haben, was wir uns nicht selbst erringen. Das Ende der Dreyfus-Tragödie mag sein, welches es wolle,f soviel müssen wir aus ihrem Verlaufe gelernt haben,; dass wir zu kämpfen und wieder zu kämpfen und immer wieder zu kämpfen haben werden ton die primärsten und selbstverständlichsten Lebensbedingungen, solange wir nicht dargethan haben, dass wir auf Gunst, Gnade und Duldung nicht angewiesen sein, sondern im Rechte sitzen und aus eigener Kraft unsere Existenz sichern wollen. geworden sind. In abermals hundert Jahren wird doch der gleiche Kampf geführt werden, nur dass neben Voltaire in der Erinnerung der Menschen noch ein zweiter heisser Streiter für Recht und Menschlichkeit fortleben wird: Emile Zola. Wir Juden dürfen uns der Illusion nicht hingeben, dass gerade an uns ein Wunder sich ereignen werde. Wir werden die Parias unter den Fremden bleiben, wenn wir nicht als eigenes Volksthum aus dem Schatten heraustreten. Alfred Dreyfus ist nur ein tragisches Einzelbeispiel. Ihm sind alle möglichen persönlichen Untugenden und Laster angedichtet worden, um an ihm ein Exempel zu statuieren. Wird uns Juden in Bausch und Bogen nicht täglich dasselbe angethan, um die Vorwände zu unserer sittlichen, gesellschaftlichen und bürgerlichen Degradierung zu häufen? Und wird es anders werden, solange wir uns aufdrängen, anstatt uns in innerer Freiheit und auf eigenem Wege zu entwickeln? Das war wirklich nicht die Emancipation, was wir und die anderen seither so nannten, und wenn man bitter sein wollte, so könnte man wohl von unserer einstigen Assimilierungsleidenschaft sagen, sie sei eine Ruere in servitium geworden. Das wahre Ziel ist, von „ antisemitischen Vorurtheilen“, wie Picquart sagte, unabhängig zu werden. Dieses Ziel hat der Zionismus unverrückt im Auge, und wer nicht absichtlich den Thatsachen sich verschliesst, muss erkennen, dass er bereits ein beträchtliches Stück des Weges zurückgelegt hat. Man beginnt uns Juden wieder zu respectieren, nachdem man uns lange genug herabgesetzt, verhöhnt, verunglimpft und geschädigt hat. Das ist die beste Gewähr, dass der Zionismus die rechte Strasse wandelt. Das aber ist es, was der Zionismus im Gefühle aller Juden lebendig machen will. - Wenn er sich selbst als ein Werkzeug der Geschichte betrachtet, so darf er eben deshalb von der höheren Warte aus, auf der ef~ steht, der Dreyfus-Tragödie die blosse Bedeutung einer erschütternden Episode beimessen, von welcher die nichtjüdische Welt mindestens gerade so sehr in Mitleidenschaft gezogen ist wie die Judenheit. Vergängliche Menschen agiren in dieser Tragödie, aber unvergänglich ist die Idee, deren Verwirklichung der Zionismus anstrebt. Aus der historischen Perspective erscheint die Dreyfus-Affaire nicht wesentlich verschieden von der Clalas-Affaire, die vor hundertdreissig Jahren die Welt in Aufregung versetzte; der Unterschied ist nur, dass die Menschen inzwischen eine höhere Stufe der Gesammtintelligenz erlangt haben, und die Gegensätze zwischen Recht und Gewalt schroffer, unerbittlicher, geräuschvoller Franzensbad. Spiegl’s Restaurant I. Ranges. Altrenommiert. Assortiertes Lager in- und ausländischer Weine, auch Karmelweine. Bei der Administration der Wochenschrift „Die Welt“ zu beziehen: Gruppenbilder des I. Zionisten-Congresses .... Gruppenbilder des II. Gongresses . . . Frcs. 2% Kölner jüdischer Volkskalender 5659, 1898—1899 . Jüdischer Volkskalender, herausgegeben von der zion. Vereinigung für Deutschland, 5660, 1899—1900 . — elegant gebunden.. . . . . Jüdisches Liederbuch. Judenstaat von Theodor Herzl.. Baseler Gongress von Theodor Herzl.i Stenographisches Protokoll des I. Gongresses . Stenographisches Protokoll des II. Gongresses . . . Reden von Herzl, Nordau, Mandelstamm, Gaster . . „Das neue Ghetto“ von Theodor Herzl. „Rom und Jerusalem“ von Hess, broschiert > . . dto. gebunden . . . . Mk. Inland : Ausland: 1.— — fl. —.60 Porto: 10 kr. 24 kr. 2.— — 11 1.20 11 10 n 21 „ 0.15 11 0.10 * 5 n 12 „ 0.50 » 0.30 11 5 fi 12 , 1.— — n 0.60 5 « 12 , 0.50 » 0.30 1? 5 11 12 . 1.— — n 0.60 13 5 i» 9 0.15 »5 0.10 11 3 11 9 1.— — 11 0.60 11 . 10 li 21 „ 0.65 0.40 10 ii 21 , 0.15 11 0.10 11 2 ft 3 „ 1.50 0.90 5 H 12 „ 2.25 1.35 10 n 18 „ 2.75 „ 1.65 des Betrages. " ■ 10 ft 18 » Heraasgeber: P. Nasebauer. Verantw. Red,: Erwin Rosenberger. Buchdruckerei .Industrie“ (8. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.