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Die Welt · 1899-08-25 · 34 (25.8.1899) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
34 (25.8.1899)
Article
[Ohne Titel]
Date
1899-08-25
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 34 „Die H Welt“ Seite 15 überdies dafür gesorgt, dass wichtige Beschlüsse ohne Ueberstürzung nach ruhiger Ueberlegung gefasst wurden. So wurden einzelne Abstimmungen nach Beendigung der Debatte auf die nächste Sitzung verschoben. Aus der Terrainkenntnis, mit der die Delegierten an die Verhandlungsthemen lmrangiengen, erklärt es sich auch, dass der Rahmen der bezüglichen Debatte in den wenigsten Fällen von den Rednern überschritten wurde. Wenn das Präsidium einen Redner „zur Sache“ rief, so befand es sich regelmässig im Einklänge mit dem (Kongresse, der ein gutes Gefühl für die Contouren der einzelnen Themen zeigte. Es gab freilich auch Ausnahmsfälle, in denen ein Redner über die Grenzschnur hauen durfte, ohne Widerspruch zu finden. Widerspruch war da, aber er wurde nicht geäussert. Das war in Fällen, wo der Redner eine Rednerin war; es gab aber auch Fälle, wo ernstere Motive als die der Höflichkeit den Gongress veranlassten, den Ruf „zur Sache“ zu unterdrücken. Besonders bei der Culturdebatte kam das zum Ausdrucke. Wenn in den anderen Debatten mehr der nüchterne Verstand des Gongresses zu Worte kam, so sprach bei der „Culturdebatte“ das Gefühl, das Herz. Die Liebe zu Zion, zur Sprache der Väter, die Verehrung für die Ahnen, religiöse Gefühle wui den da geäussert. Während dieser Reden wurde der Hammer des Präsidenten in den Ruhestand versetzt, und auch der Gongress hütete sich, Gefühle, die einem grossen Theil iter Delegierten heilig, durch geschäftsordnungsmässiges Veto zu verletzen. Auch in der letzten Sitzung wurde den religiösen Gefühlen Rechnung getragen und dafür gesorgt, dass nicht Stimmzetteln ausgefüllt würden zu einer Stunde, wo vor den Bundesladen der Juden das „Lecho doch“ erklingt. Es war keine leichte Arbeit, die Tagesordnung bis zur festgesetzten Zeit zu erledigen; das Präsidium fand hierbei die volle Unterstützung aller Congresstheilnehmer, auch jener Congresstheilnehmer, welchen die Sprache des „Lecho dodi“ fremd geworden. Allerdings durften auch sie, da ihnen die Debatte über die zur Genüge erwogenen Commissionsentwürfe kaum etwas Neues sagte, sich gerne mit einer concentrierleren Debatte abfinden. Die Zionisten haben auf diesem Gongresse wieder gezeigt, dass sie aus Liebe zu ihrer Sache den Frieden und die Einigkeit zu wahren verstehen. Es wird wohl wenig Parlamente geben, in denen heterogenere Elemente sich zu so einheitlichem Ganzen fügen und zu gemeinsamer Arbeit vereinen. — — Es wird sich noch weiterhin Gelegenheit ergeben, Einzelnes von diesem Gongresse, der so reich an sein nswerten Dingen war, wie seine Vorgänger nachzutragen. Die jüdische Colonialbank. Donnerstag abends nach der Sitzung des Congresses wurde zunächst die nach englischem Gesetz nöthige ausserordentliche Generalversammlung der jüdischen Colonialbank abgehalten, welche die vom Congresse verlangte Aenderung des § 1 vorzunehmen hatte. In der eine halbe Stunde später folgenden ordentlichen Generalversammlung verliest DirectorWolffsohn den Bericht über die Gründung der Bank und ihre bisherige Thätigkeit. Nach dem detaillierten Bericht des Vorsitzenden wird dem Directorium der Dank der Generalversammlung und das Absolutorium ausgesprochen. Es wird die Aenderung einiger Statutenparagraphe beschlossen. Die hierauf folgende Wahl ergibt die Wiederwahl der Herren Wolffsohn, Kann, Schalit, Barhasch, Lourie und Sachs, sowie die Neuwahl des Herrn Dr. Katzeneliensohn. Nach der Beantwortung mehrerer Anfragen wird die Generalversammlung vom Präsidenten morgens 2 Uhr geschlossen. Der Weg zum Ziel. Von 0. Erter. Man würde nichts Stichhäliiges dagegen einwenden können, wenn wir dem Capitel neuester europäischer Geschichte, dessen spannendste Episode sich gegenwärtig in Rennes abspielt, die Ueberschrilt „Unsere Märtyrer“ gäben. Denn es sind lauter Zeugen, die wir für uns — wohlgemerkt für den Zionismus und dessen Berechtigung — eitleren dürfen und diese Zeugen sind, mit einziger Ausnahme des Capitäns Dreyfus, allesammt Christen, ja, nicht blos diejenigen, die den unglücklichen jüdischen Hauptmann entlasten, sondern auch diejenigen, die zu seiner Belastung auftreten, sind Zeugen für den Zionismus. Diese Mercier und Roget, Cavaignac und Lebrun, Generale und Minister, die sich in dem weltgeschichtlichen Gerichtsschauspiele wie Raubthiere auf den jüdischen Angeklagten stürzen, reden für uns. Sie bestätigen, was wir in Anwendung des berühmten Schiller "sehen Verses auf uns beziehen dürfen: „Lehrt mich der Freund, was ich kann, zeigt mir der Feind, was ich soll." Und wenn wir reichlich damit zufrieden sein könnten, dass wir einen Zola, einen Picquart, einen Labori zu „unseren Märtyrern“ im wirklichsten Wortsinne zu zählen berechtigt sind, so brauchen wir uns andererseits auch die Genugthuung nicht zu versagen, dass die Verfolger des Dreyfus an diesem furchtbaren Processe elend zu Grunde gehen; sie sind, wie immer der letzte Spruch ausfallen mag, todte Leute, wandelnde Denkmäler der unauslöschlichen Schmach, welche sie über Frankreich und über die ganze gesittete Welt gebracht, haben. Mit dem Worte, das Picquart in seiner Zeugenaussage gesprochen: „Schon im Jahre 1893 mochten sich im Generalstabe antisemitische Vorurtlieile geltend“ — mit diesem Worte, das wir uns •lür alle Zeiten merken müssen, ist in den Abgrund hinuntergeleuchtet, aus dem all dieser ungeheure Jammer aufgestiegen, so grell und entsetzlich hinuntergeleuchtot, dass man wahrhaftig keines anderen Lichtes mehr bedarf, um zu erkennen, was diese Tragödie Dreyfus ganz eigentlich bedeutet. Sie ist die Tragödie des Judenthums, das eine schwere Schuld auf sich geladen hat, indem es sich selbst verleugne te, und jetzt in harter Sühne sich läutern muss, wenn es nicht endgiltig ausgelöscht sein will von der Tafel der Geschichte. Es ist ja selbstverständlich, dass in dieser Dreyfus- Tragödie mehr entschieden wird, als das Schicksal des unglückseligen Mannes, der zum zweitenmale vor dem Kriegsgerichte seine Ehre und sein Leben zu vertheidigen hat; aber dieses Selbstverständliche wird seltsamerweise gerade von der Mehrzahl der Juden noch immer nicht begriffen. Picquart hat mit dem Worte von den „antisemitischen Vorurtheilen“ es nun so deutlich, so fasslich und einleuchtend vorgelegt, dass jetzt wohl kein Zweifel mehr fortbestehen wird über das wirkliche Opfer, um das es sich handelt. Wen man degradieren, um Ehre und Freiheit bringen wollte? Uns Juden allesammt, keinen ausgenommen, nicht denjenigen, der sich im erworbenen Besüze sich er fühlt, noch denjenigen, der im Staate vergebens an der steilen Leiter des Beamtenthums hinanzuklimmen sucht, noch endlich den armen, mühsamen, beladenen Juden, der im täglichen Erwerbe von einer Stunde zur anderen sich kümmerlich fortfristet. Keiner ausgenommen. Und wenn es nun doch unseren Feinden so schwer wird, uns in unserer Ehre zu degradieren, uns — man verstatte das Bild! — die Epauletten abzureissen, die wir von der Geschichte besitzen, so

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