Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1899-08-25
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die H Welt14 Nr. 34 Fast immer versöhnten sich die Gegensätze in billigen Kompromissen, und die Anklagen wandelten sich mehr als einmal zum Schlüsse in Complimente und Beifall um. So konnten denn die erwünschten Früchte eingeheimst werden. Trotz allen Ausstellungen empfieng das Actionscomite schliesslich auf den Geschäftsbericht und Gassenbericht hin nicht bloss Entlastung, sondern auchr den lebhaftesten Dank und den Ausdruck unerschütterlichen Vertrauens von den Versammelten. Ebenso wurde der Bankbericht mit Dank entgegengenommen und das Bankstatut nach längerer Discussion bestätigt, doch mit einer wesentlichen Abänderung und dem Zusatz, dass eine Commission noch eine Reihe kleinerer Aenderungen berathen solle. Den Bankdirectoren wurde eine Dankadresse votiert, ferner für eine nothleidende jüdische Gemeinde eine Collecte angeregt, der „Culturbericht44 des Dr. Gaster, der „Organisationsbericht44 des Dr. Kahn und der vorzüglich klare und sachliche Bericht des Organisationsausschusses über den Organisationsentwurf gehört. Ja, man fand sogar noch Zeit und ein freundliches Lächeln, der wohlgemeinten „Jungfernrede44 eines jungen Delegierten Gehör zu schenken, der, wenn er nicht dem schönen Geschleehte angehört hätte, gewiss zur Sache gerufen worden wäre. Die naive, predigtartige Erörterung eines Rabbiners aus dem Osten hatte man am Tage vorher durch lebhaften Beifall beendet. Die errungenen Erfolge verdankt man vor allem der Besonnenheit und Selbstbescheidung des Actionscomites, des Dr. Herzl und seiner Genossen, die in grösster Ruhe die Vorwürfe anhörten, mit aller Offenheit einige Fehler zugestanden, die übrigen Anklagen mit liebenswürdiger Sachlichkeit widerlegten und fast immer, auch aus weniger angenehmen Situationen, eine positive Förderung zu gewinnen wussten. Mit vollendeter Noblesse kam Dr. Herzl, wo es die Sache erlaubte, auch nach errungenem Siege dem Gegner freiwillig entgegen, z. B. bezüglich der geforderten Details der Rechnungsablegung; und anderseits hielt er an dem einmal gegebenen Worte unverbrüchlich fest, auch wo er öffentlich davon entbunden war, z. B. hinsichtlich der Grürideractien der Bankdirectoren. Freilich auch die Tüchtigkeit der meisten Referenten verdient Anerkennung, und alle Differenzen wurden ausgeglichen durch die Begeisterung aller Zionisten sowohl für ihre Sache wie für die Person ihres Führers. So konnte das eben noch von den Wogen hin- und hergeschleuderte Schiff immer wieder in der allen erwünschten Richtung seine Bahn weiterziehen. Die entscheidende Frage für den Zionismus ist, freilich gegenwärtig die Durchführung einer sachgemäßen Organisation. Die in der Motivierung des vorgelegten Entwurfes dafür aufgestellten Grundsätze sind sehr einleuchtend. Darnach soll vor allem die möglichste Freiheit der Landesorganisationen und der rasche und geregelte Verkehr zwischen ihnen und dem Gentralorgan gesichert werden. Die Basis aber für die wirkliche Zählung und Berechtigung der Zionisten soll die Schekelzahlung sein. Auch die vorgeschlagene Durchführung dieser Gesichtspunkte im einzelnen erscheint sehr zweckmässig und hat die Billigung aller Betheiligten im wesentlichen schon gefunden.“ -i- * Vierter Verhandlungstag. (Freitag.) Zuerst verliest der Präsident die zahlreichen Einläufe. Dann tlieilt er mit, dass die von Frau Professor Gottheil angeregte Sammlung für die Boryslawer Bergarbeiter bisher 1000 Francs ergeben habe. Hierauf verliest Doctor Solis-Ko h e n aus Philadelphia einen Organisationsentwurf. Er unterstützt die Anträge des von Dr. Koke sch im Namen cles: Actionscomites acceptierten Organisationen twurfes des Organisationsausschusses. Der Delegierte Trietsch beantragt, für Amerika vier Mitglieder statt der bisherigen zwei ins Actionscomite zu wählen. Hierauf nimmt Sir Francis M o n t e fi o r.e das Wort zu einer Rede, die wir hier ihrem vollen Wortlaute nach reproducieren: Rede von Sir Francis Montefiore. Hochgeehrte Versammlung! Indem ich mir erlaube, bei heutiger Gelegenheit ein paar Worte an Sie zu richten, muss ich mit einigen Entschuldigungen beginnen. Vorerst muss ich um Entschuldigung bitten, dass ich das Wort mit einem ganz jungen Mandate ergreife. Aber ich konnte wirklich nicht zu Anfang des Gongresses hier erscheinen, um als Delegierter eines zionistischen Vereines ihren Verhandlungen beizuwohnen. Und doch konnte ich es nicht über mich bringen, fern zu bleiben von Männern, zu denen ich mich so mächtig hingezogen fühle. Ich bin deshalb unserem geehrten Vorsitzenden sehr dankbar dafür, dass er mir gestattet hat, hier meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. — Meine zweite Entschuldigung bezieht sich darauf, dass ich genöthigt bin, meine Ansprache vorzulesen, anstatt sie aus vollem Herzen frei vortragen. Allein ich bin der deutschen Sprache nicht mächtig genug, um mich hier in freier Rede auszudrücken. Vor allem bitte ich Sie nun, meine aufrichtig en Glückwünsche zu den grossen Fortschritten des Zionismus entgegennehmen zu wollen. (Lebhafter Beifall.) Diese Fortschritte sind in der That erstaunlich, wenn man bedenkt, was der Zionismus noch vor kurzer Zeit war, und was er jetzt ist. Vor kurzem noch war die Zahl der Zionisten eine verhältnismässig sehr geringe und jetzt zählen sie nach Hunderttausenden. Es ist gar nicht lange her, dass der Zionismus noch als der romantische Traum einiger Enthusiasten bezeichnet wurde, und jetzt müssen sogar unsere erbittertsten Gegner zugeben, dass er eine mächtige Bewegung geworden ist, die an Kraft und Ausdehnung in rasch er Zunahme begriffen ist. Was mich anbetrifft, so glaube ich nicht, dass die Weltgeschichte von einem Unternehmen zu berichten, weiss, das eine grössere Begeisterung hervorgerufen hat. Ich erinnere daran, dass unsere Sache das Nationalgefühl Israels so stark beeinflusst hat, dass dieselbe viele, deren Anhänglichkeit zum Judenthum nur noch dem Namen nach vorhanden war, wieder zur praktischen Bethätigung ihres alten Glaubens hat zurückführen können, und es muss uns doch sicherlich allen klar sein, wie nothwendig eine Rückkehr bei manchem ist. Und dann sehen Sie einmal, meine Herren, der Zionismus hat es zu Stande gebracht, dass hier in Basel zum dritten male schon diese Versammlung von Männern tagt, welche entschlossen sind, ihr Bestes zu opfern, um dem Volke Israel wieder zu der ihm gebärenden Stellung unter den Nationen zu verhelfen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Sicherlich beweist schon die blosse Thatsache, dass wir hier so zahlreich versammelt sind, in unwiderleglicher Weise und mehr als es meine Worte thun können, welche Bedeutung die zionistische Idee gewonnen hat, und wie tief sie bereits in die Herzen des jüdischen Volkes eingedrungen ist. Es muss, auch immer wieder daran erinnert werden, dass eines der höchsten Ziele des Zionismus darin besteht, die Lage derjenigen unserer unglücklichen Glaubensbrüder zu verbessern, deren Dasein unerträglicher als das von Sclaven ist. Verlassen Sie deshalb niemals, ich bitte Sie, meine Herren, diese unsere unglücklichen Brüder, stehen Sie ihnen vielmehr treu zur Seite, und richten Sie dieselben nach besten Kräften auf, wissen wir doch alle sehr wohl, dass das beste Mittel anderen zu helfen, darin besteht, sie in Stand zu setzen, sich s e 1 b s t zu helfen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Lassen Sie sich nicht, ich bitte meine Herren, von Ihrem Ziele ablenken durch die Behauptung unserer Feinde, dass der Zionismus eine tiefe Verstimmung zwischen der türkischen Regierung und ihren jüdischen Unterthanen hei vorrufen könne. Das entspricht durchaus nicht der Wahrheit, denn eine der grossen Aufgaben des Zionismus besteht darin, den Versuch zu machen, von dem Sultan auf friedlichem und diplomatischem Wege diejenigen Concessionen zu erlangen, welche das jüdische Volk in Stand zu setzen vermögen, gesetzlich geschützte Coionien in Palästina zu gründen. Colonien im grossen Stile ohne gesetzlichen Schutz sind gar nicht denkbar. (Langandauernder lebhafter Beifall und H ä n deklat sehen.)