Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 33 (18.8.1899)
- Article
- Triest / Ebreo
- Date
- 1899-08-18
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 33 „Die H Weit** Seite 15 wegen der Stapelplatz für den internationalen Eihrogim- Handel. — Unser Fremder gibt sich mit der erhaltenen Auskunft zufrieden und zieht weiter seines Weges. Wir jedoch wollen uns auf den Ethrogim-Markt begeben und uns das Leben und Treiben dort besichtigen. Dieser wird im Gebäude der „Borsia vecchia“ (der alten Börse) abgehalten und währt circa 5 Wochen. Den ganzen Tag über herrscht hier, während der Dauer des Ethrogim- Marktes, ein ungemein reges Leben. Man glaubt sich nach dem altbiblischen Babel versetzt. Hier hört man alle möglichen Sprachen und Dialecte : italienisch, griechisch, deutsch, ungarisch, russisch, polnisch und — last not least — den jüdischen Jargon in allen seinen Abarten. — Hier preist ein Grieche seine Etbrogim in beredten Worten an und dort feilscht ein Italiener mit einem galizischen Juden einiger „Soldi“ (Kreuzer) wegen, dazwischen, gleichsam eingestreut, einige orientalische Juden in ihrer typischen Tracht — für den Völkerpsychologen nicht minder, wie für den Sprachforscher bietet sich hier fürwahr viel des Interessanten!. Dieses Bild ist alljährlich das gleiche. Heuer jedoch hat es eine Aenderung erfahren. Während hier früher der Jude nur in der Rolle des Käufers auftrat, tritt er nun auch in der Rolle des Züchters auf. Es erschienen heuer nämlich auf dem Triester Markt mehrere jüdische Bauern aus den Colonien Palästinas und bieten E t h r o g i m eigen e r Erzeug u n g feil. Und ihre Ware findet auch — trotz des Umstandes, dass sie theuerer ist als die griechische — reissenden Absatz. Es war ein schwerer Kampf, den Ethrogim-Markt Triests für die Palästinenser Ware zu erobern. Schon vor mehr als einem Jahrzehnt traten mehrere hervorragende Rabbiner Russlands — darunter auch unser grosser Rabbi Samuel M o h i 1 e w er s. A. — in begeisterten Worten für die „Erez- Jisroel-Ethrogim“ ein, aber vergebens; die Action scheiterte an der Indolenz dei Ethrogim-Händler! Inden letzten Jahren nun ist auch nach dieser Richtung hin eine Besserung eingetreten. Besonders unsere Gesinnungsgenossen leiteten allerorten eine Agitation für Palästina-Ethrogim ein, infolgedessen wurde auch bei den Händlern die Nachfrage nach Palästina-Ethrogim immer grösser, so dass sich diese gezwungen sahen, sich rechtzeitig mit Palästinenser Ware zu versehen, um ihre Kundschaft seinerzeit befriedigen zu können. Darauf ist auch die lebhafte Nachfrage, die jetzt in Triest nach Palästina-Ethrogim herrscht, zurückzuführen. Berlin. Einige deutsch-jüdische Blätter haben eine Meldung des „Berliner Tageblatt.“ registriert, wonach der Urossherzog von Baden in der vielbesprochenen Audienz, die er dem jüdischen Gelehrten Dr. A. Berliner in St. Moriz gewährte, sich abfällig über die zionistische Bewegung ausgesprochen habe. Hierüber lässt sich nun Dr. Berliner in der Nummer des „Berl. Tageblatt“ vom 12. d. M. wie folgt vernehmen: „Mit Bezug auf die Mittheilungin der Montagsausgabe vom 7. d. M. über die Audienz, zu der vom Grossherzog Friedrich von Baden ich am 25. v. M. befohlen wurde, bitte ich die geehrte Redaction, den Passus über die zionistische Bewegung dahin zu berichtigen, dass der hohe Herr voll Lobes über Dr. Herzl, den Führer derselben wie über seinen edlen Eifer, für bedrängte Glaubensgenossen eine Zufluchtsstätte zu schaffen, sich ausgesprochen hat. — Einen näheren Bericht über die ganze Audienz, wie ich ihn noch an demselben Tage feststellen konnte, werde ich erst nach meiner Rückkehr veröffentlichen. Mit Hochachtung Dr. A. Berliner, Docent am Rabbiner-Seminar.“ Erfurt. Ueber ein hier abgehaltenes antisemitisches Volksfest berichtet die „Eisenacher Tagespost“ vom 2. August d. J. wie folgt: „Anwesend waren der deutschsociale Reformverein, die nationalen Handlungsgehilfen und einige Neugierige. Reichsrafchsabgeordneter Wolf schilderte in grossen Zügen die deutsche Bewegung in Oesterreich. Die gesungenen Lieder enthielten viele Worte über das Deutschthum und Schimpfworte für die Juden. Das Schönste aber ist, dass zu diesem antisemitischen Klimbim ein — Jude die Musik machte. Man sieht, selbst die antisemitischen „Volksfeste“ sind jetzt schon total verjudet.“ Allerlei Nachrichten. Das Grazer Landesgericht hat bekanntlich die antisemitische Broschüre „Der Jude des neunzehnten Jahrhunderts“ verboten. Das Oberlandesgericbt hat diesen Beschluss aufgehoben lind die Broschüre freigegeben. Nun hat der Oberste Gerichtshof als Cassationshof auf Beschwerde erkannt, dass der oberlandesgerichtliche Beschluss das Gesetz verletzt hat. * Aus Bukarest wird gemeldet Der dominierende Einfluss, welchen N. Filipescu auf die Leitung der Staatsgeschäfte ausübt, ist auch in den durch Ministerialdecrct eingeführten Universitäts-Fremdentaxen zum Ausdruck gelangt. Dass die neue Verordnung, welche die an rumän ischen Universitäten studierenden Fremden zur Vorausbezahlung einer Vierteljahrstaxe von 40 Lei für die philosophischen Fächer, von GO Lei für die juridischen und von 00 Lei für die me di ein i sehen Studien verpflichtet, einzig und allein gegen die nichtnaturalisierten rumänischen Juden gerichtet ist, steht ausser Frage. Hervorzuheben ist, dass diese Bestimmung unter demselben Untemchtsiniriistcr in Kraft tritt, welcher seinerzeit als Mitglied des Ministeriums Catargiu- Carp mit rühmenswerter Energie, wenn auch vergeblich, für die vollständige Gleichstellung der Fremden, das heisst also auch der nichtnaturalisierten rumänischen Juden, mit den rumänischen Staatsbürgern in der Unentgeltlichkeit des obligatorischen Volksschul Unterrichtes eingetreten war. Die nächste Session des bayerischen Landtages wird ein jüdischer Alterspräsident eröffnen. Der älteste unter sämmtlichen neugewählten bayerischen Lnndtagsahgeordneten ist nämlich der jüdische Abgeordnete Gabriel Löwenstein, welcher der socialdemokratischen Partei angehört. -r- Die Goldfaden'sche Oper „Sulamith“ erweist sich im Budapester Kisfaludy-Theator als Zug- und Gassen stück ersten Ranges. Samstag, den 12. d. M. wurde sie hei total aus verkauftem Hause zum fünfzigsten male gegeben. :i- Der 17jährige jüdische Realschüler Ernst Rosner in Budapest hat ein „Dreyfus-Lexikon“ zusammen gestellt. Dieses Lexikon enthält über M00 Namen — nämlich die Namen s ä m m 11 i c h e r Personen, die mit der leidigen „Affaire“ irgendwie im Zusammenhänge stehen, nebst genauer Bezeichnung der Rolle, welche die Betreffenden in der Affaire spielten» Die höchste Würde in der italienischen Armee bekleidet derzeit ein Jude. Wie nämlich römische Blätter melden, wurde der jüdische Generallieutenant O tt-olenghi vom König zum General und Platzcommandanten von Turin ernannt. Bekanntlich ist in der italienischen Armee die Platzcommandantur von Turin mit der Würde eines obersten Befehlshabers im Kriege verbunden. In Wilna wurde kürzlich ein jüdischer Krankenpflegerinnen-Verein gegründet. Es ist dies der erste der-* artige jüdische Verein Russlands.