Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-08-18 · 33 (18.8.1899) · p. 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
33 (18.8.1899)
Article
Die Abwesenden des Congresses
Date
1899-08-18
Page
13 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315830-3390030--14441-3390094
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 33 „Die A Welt“ Seite 13 haben wir verschmäht; nachdem wir unseren Irrthum erkannt, fielen wir mit dem gewöhnlichen Uebereifer reuiger und besserungssüchtiger Sünder in das diesmal löbliche Extrem : und so senden wir Judenwähler Judendelegierte in ein jüdisches Volkshaus. Das gieng natürlich nicht so leicht. Der jüdische Wähler musste für das Volkshaus erst geschaffen werden; das wählende Menschenmaterial war noch nicht vorhanden, wie etwa in einem Lande, das vom absolutis ti sehen zum consti tutionellen System üb ergeht. Bei uns mussten unzählige Zerstreute gesammelt und zusammengefasst werden, und was für das eben erwähnte Analogon von selber gegeben war, dass der Wähler neben dem Wähler wohne, das mussten wir durch eine in aller Eile hergestellte Organisation ersetzen. in der Eile dieser Zusammenfassung, oder vielmehr dieses Zusammengefasst-Werdens, wurde aber etwas vergessen, das zu vergessen sehr nützlich war. Wir jüdischen Wähler hatten wirklich keine Zeit, uns auf „locale Interessen“ zu besinnen. Manches Farlament, das an diesen, nachgerade berüchtigt gewordenen localen Interessen zugrunde geht, wird das jüdische Volkshaus um die Vergesslichkeit seiner Mandanten beneiden. Der Gongressdelegierte erwirbt sich den Beifall seiner Wähler gerade dadurch, dass er sich um das ganze Volk kümmert, um sie aber so wenig als möglich. Nichts fürchten die Judenwähler mehr, als durch besondere Ansprüche aus dem Volksganzen herausgehoben zu werden. Und wo etwa doch SonderforderuiLgen auftreten, darf man sie unbesehen als im Allgemein-Interesse gestellte ansprechen. Nicht etwa aus Entsagung bloss übt der jüdische Wähler diese Politik. Von einem politisch Einsichtige^, betrachtet, ist eben das Interesse einer jeden Judengruppe eins mit dem Gesammtinteresse. Der Arme und der Reiche, der Bourgeois und der Arbeiter, der Jude diesseits und der jenseits des Oceans führen gewissermassen ein und denselben Process mit ihren Umgebungen. Das Juden-Elend ist ein grosser und zu gleicher Zeit unbarmherziger wie heilsamer Nivellierer; es ist interterritorial — wenn der Ausdruck gestattet ist — und kehrt sich nicht an den Unterschied der Classen. Was ist daher natürlicher, als dass in dem uns allen von denselben Gegnern aufgenöthigten Processe die Sachwalter aller Parteien die gleichen Instructionen erhalten? Und nun sind sie in der schönen, freien Stadt am Rhein versammelt, unsere Wortführer, denen wir unser Vertrauen und unsere Liebe schenken. Sehnsüchtig fliegt unser Blick dahin, wo vor den Augen der ganzen Welt unsere Sache geführt wird. Unser Leben inmitten zahlloser Anfechtungen bedenkend, im Anblicke unserer unschuldigen Kinder, in Erinnerung an eine vielbewunderte Vergangenheit, die nach leidvoller Unterbrechung einer würdigen Fortsetzung harrt, setzen wir unsere Hoffnungen auf das Volkshaus, dessen Gründling das stolzeste jüdische Werk seit unvordenklichen Zeiten ist. Von dorther erwarten wir die Losung zur Heimkehr. Und eines erhabenen Tages, da sie wird ausgegeben sein, werden ihr Hunderttausende in Ordnung folgen. Dann vereinigen wir Wähler uns mit Euch, den Gewählten, zu einem friedlichen Zuge, der, begleitet von dem Segen aller Guten, der Sonne entgegengeht, „der Sonne der Gerechtigkeit“, Niemals werden die Abwesenden des Gongresses die Dankbarkeit vergessen, die sie den Anwesenden des Gongresses schulden. Bis dahin aber, Gewählte des jüdischen Volkes, empfanget den achtungsvollen Gruss Eurer Wähler. Hoch das Judenparlament von Basel! Weltchronik. Der Dean von Guild Ormiston ist der Meinung, dass Juden christlicher zu sein haben, als — Christen. Als unlängst eine Petition des Inhalts, es möge in einem Edinburgher Parke die Musik auch am Sonntag spielen, von Christen und Juden unterzeichnet wurde, bezeichnete der komische Herr die Juden als gottlosen Mob. Eine geheimnisvolle Rabbinerconferenz. Von einer demnächst in London auf Veranlassung der „Alliance israelite“ stattfind enden „mysteriösen“ Rabbinerconferenz erfährt das „D e u t s c h 6 V o 1 k s b I a 1t“. Den eigentlichen Zweck dieser Conferenz konnte der Gewährsmann des „D. V.“ wohl nicht in Erfahrung bringen, er verimithet jedoch, dass diese Conferenz mit der Affaire Dreyfus im Zusammenhänge stehe. Eine grössere Anzahl von galizischen Rabbinern habe sich, erzählt das „D. V.“ ferner, bereits nach London begeben, um an dieser Conferenz tbeil zu nehmen .... „Da stinkfs nach Juden!“ Ueber ein Rencontre, das ein Neffe Dreyfus’ mit einem antisemitischen O Meier nach Schluss der denkwürdigen samstägigen Verhandlung des Kriegsgerichtes hatte, berichtet die „N. Fr. Pr.“ in ihrer letzten Sonntagsnummer folgendermaßen: '„Als Mathieu Dreyfus mit seinem Neffen aus dem Seitenthore herauskam, rief ein Hauptmann der hiesigen Garnison: „Da stink t’s n a c h Juden!“ Der Neffe Dreyfus’ gieng auf den Hauptmann zu und stellte ihn zur Rede. „Ja“, erwiderte dieser, „ihr seid doch Juden, fühlt ihr euch beschimpft, wenn man euch Juden nennt?“ Es wäre zu ernstlichen Auseinandersetzungen gekommen, hätte nicht ein Commissär interveniert.“ Ein Ausflug. Die Leitung der städtischen Mädchenschule in Kalusz wollte kürzlich einen Schülerinnen-Ausflug veranstalten. Darob herrschte natürlich grosser Julie! bei den Zöglingen dieser Schule und sie erschienen auch zur an beraumten Stunde, festlich gekleidet, im Schulgebäude. Doch hier stellte es sich heraus, dass ihre Freude verfrüht war. Diese Schule besuchen nämlich auch einige jüdische Mädchen, welche in ihrer Arglosigkeit ebenfalls erschienen, um an dem Ausfluge theilzunehmen. Dies gieng jedoch dem Herrn Katecheten wider den Strich, und er erklärte kategorisch, er wolle an einem Ausfluge, an dem sich auch „S . . . Jüdinnen“ betheiligen, nicht theilnehmen. Da es nun unmöglich war, die jüdischen Schülerinnen abzuschaffen, die Leitung andererseits wieder auf die Mitwirkung des hoch würdigen Herrn Katecheten durchaus nicht verzichten wollte, musste der Ausflug unterbleiben. Und so kamen nicht nur die jüdischen, sondern auch die christlichen Zöglinge dieser Anstalt um ihr Vergnügen. Die jüdische Landes-Lehrerpräparandie in Budapest hatte im Vorjahre eine Höreranzahl von 117, heuer zählte sie 125 Hörer. Das Lehramts-Befähigungszeugnis erhielten im Vorjahre 25, heuer 35 Hörer. Diese Lehrerbildungsanstalt kann heuer schon auf ihren 42jährigen Bestand zurückblicken. Jüdisches Hausiererelend in Budapest. Eine dieser Tage in Budapest abgehaltene Versammlung der dortigen Hausierer wirft ein grelles Licht auf das traurige Los unserer armen Brüder, die aus Russland und Galizien massenhaft nach Ungarn einwandern -- trotz der durch die Bajonnette der ungarischen Gendarmerie bewirkten „Grenzsperre“. So bitter auch das Brod des ungarischen Hausierers im allgemeinen sein mag, diesen armen Einwanderern dünkt der Hausierkasten ein Juwel, und so werfen sie sich denn auch in Ermanglung eines jeden anderen Erwerbes mit der ihnen eigenen Zähigkeit auf den Hausierhandel, und schädigen dadurch natürlich die „einheimischen“ Hausierer, die ebenfalls durchweg Juden sind. Dieser Umstand nun veranlasste die Budapester erbgesessenen Hausierer, eine Versammlung einzuberufen, in der sie gegen die Ertheilung von Hausier-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.