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Die Welt · 1899-08-18 · 33 (18.8.1899) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
33 (18.8.1899)
Article
[Ohne Titel]
Date
1899-08-18
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die Welt“ Nr. 33 Den Finanzbericht des Actionscomites erstattet Herr Dr. Kokescli. Es wird beschlossen, den Bericht des Dr. Kokesch in Druck zu legen und die Debatte darüber am nächsten Tage (Mittwoch) zu eröffnen. Dr. Gaster gibt den Vorsitz an Dr. Nord au ab. Es folgen nun Ergänzungen verschiedener Redner zum Berichte des Actionscomites. Dr. Niemirower (Jassy) gibt eine Uebersicht über die Thätigkeit der Zionisten in Rumänien. Erwähnenswert sei die Gewinnung der akademischen Jugend. In Jassy seien fleissig arbeitende Studentenvereine gegründet worden. Auch in Bukarest werde sehr stark für den Zionismus gearbeitet. An der Spitze der Agitation stehen die Herren Dr. Lippe, Schwarzfeld, P i n e 1 e s . und Rosenbau m. Prof. Gottheil schildert den Stand der zionistischen Bewegung in den V ereinigten Staaten Amerikas. In Amerika gibt es ungefähr eine Million Juden. In New- Yorlc selbst leben gegen 400.000 Juden. Die zionistische Federation hat 125 Gesellschaften. Vor zwei Wochen sind sämmtüche „Chowewe Zion“ der Federation beigetreten. Es gibt in Amerika streng zionistische Juden gemein den. Auch in C a n a d a schreitet der Zionismus vorwärts. In den Synagogen werden zionistische Vorträge abgehalten. Heute hält in Chicago unser bekannter Gesinnungsgenosse S. Wise ein zionistisches Meeting in Gemeinschaft mit den Ben ei Berith von Chicago. Frau Prof. Gott heil gibt einen sehr beifällig aufgenommenen Ueberblick über die zionistische Frauenbewegung in Amerika. (Der Congress beschliesst die Drucklegung dieser Rede.) Kohan Bernstein referiert über den Zionismus in Russsland. (Schluss d er 2. Sitzung 1/2 8 Uhr abend s.) Die Abwesenden des Kongresses. Von Bernhard Fuchs. Zur Zeit, da diese Zeilen durch die Presse gehen, luit der dritte Congress seinen Höhepunkt schon überschritten. Drei von den vier Tagen, auf welche die Verhandlungen a uh ernennt waren, sind bereits zu Ende gegangen, und während der Leser dieses Blatt in Händen hält, versammeln sich die Delegierten zur letzten Sitzung. Zweck und Wert der jungen Institution, die sich nach kurzem Bestellen durch ihre Würde den Titel des „Judenparlamentsu erworben hat, sind aller Weltbekannt und werden in dem immerhin nicht unbeträchtlichen Lager der Unbefangenen gehörig geschätzt. Welches Uriheil die Geschichte dereinst insbesondere über den Congress dieses Jahres fällen wird, könnte Gegenstand einer interessanten Untersuchung sein, zu welcher die bisher eil ^gelaufenen Berichte ausreichendes Material holen. Aber keine Untersuchung von dieser Art soll im Folgenden angestellt werden. Wir wollen vielmehr versuchen, das allgemeine Wesen der Congresseinriehtimg von einem, wie uns dünkt, für die Erkennung dieses Wesens charakteristischen Standpunkt zu beleuchten. Von zwei Seiten lässt sich der Gongress betrachten, von Seiten der Gewäli ten und von Seiten der Wälder. Gewöhnlich beschäftigt man sich mit den Erster™. Wie viele ihrer sind, welches ihre Art und Begabung, wie ihre Besonderheiten im Ilahmen des allgemeinen Bildes zur Geltung kommen und wie sie sc.her von den gewaltigen Impressionen des Judenparlaments beeinflusst werden — das ist es, worum sich der Berichterstatter und der Leser lurimt-äcblich. kümmert. Die Berichte tragen deutlich den Stempel des Ortes, wo sie entstanden sind: der Galerie oder des Journalistentisches im Baseler Stadtcasino. So nimmt sich der Congress aus, gesehen von Einem, der ihn an Ort und Stelle betrachtet und Geschichtsschreiber der Hunderte sein will, die in Basel versammelt sind. Ein richtiges Parlament besteht aber nicht bloss aus den Gewählten. Vielmehr ist es eines der vornehmsten Merkmale für die innere Gesundheit jedes Parlamentes, dass Wähler und Gewählte sich in ihm wechselseitig zur Einheit ergänzen; und eben daran, dass dieser Zusammenhang zerrissen erscheint, erkennt der politische Arzt die Auflösung* des parlamentarischen Körpers. Wir wollen daher das Parlament von Basel einmal auch von Seiten der W ä h 1 e r betrachten; und indem wir einen Standpunkt wählen, den wir uns nach Belieben nach einem der unzähligen Wahlorte verlegt denken, möchten wir der besonderen Art des jüdischen Wählers näher kommen. Das hervorragendste Merkmal der A b wese nden des Cong'rcsses ist ihr rechtschaffener Neid auf die Anwesenden des Gongresses, der Neid auf das Hochgefühl, an einer welthistorischen Versammlung theilzunehmen und an einem Werke mitzuarbeiten, das in eine glorreiche Zukunft führen soll. Wir Hunderttausende Namenloser, deren Beziehungen zum Gongress im eigentlichen und strengen Sinne zu Ende sind, sobald wir unsere Function als Wähler erfüllt haben, wir, „das Volk“ — wie gerne wäre doch jeder von uns dort, wo unser Wille den Delegierten hin entsendete! Wir haben ihm gesagt: Geh! — und wären doch so gerne selber gegangen. Auf einen Delegierten kommen hundert Neidische, gerade die Mindestzahl, die einen Delegierten zu wählen das Recht hat. Aber das ist kein niedriges Gefühl, und es schafft keine Kluft zwischen Neider und Beneidetem. Vielmehr \ egreifen die in Basel sehr gut diesen Neid, der eigentlich eine Form der Sehnsucht und ein Exponent unserer hohen Wertschätzung des (Kongresses ist. Und wie einst Moses dem eiternden Josua das schöne, grossherzige Wort sagte: „Wäre doch das ganze Volk Gottes Propheten“, so würden gewiss auch die Delegierten lieber in einem Saale tagen, in dem das ganze Haus Israel Platz fände. Jawohl, wir liehen unser Parlament. Hallen wir doch nie eines besessen, nie auch nur geträumt, eines zu besitzen, wir, das wandernde Volk ohne Land, ohne Zusammenfassung irgend einer Art, ohne Führer — kein Volk mehr, wie viele wähnten. Und mm, mit einem Schlage, gibt es viele Tausende J u d e n w ä h I e r. Auch wir, meine Damen und Herren in Basel, sind ein interessanter Menschenschlag: nicht nur der zionistische Gongressdelegierte, auch der (Kongress- Wähler ist eine neue Erscheinung auf der politischen Weltbühne. Im Wählen allerdings sind wir Juden keine Neulinge. Im Gegentheil: es gibt keinen geübteren Wähler als den jüdischen, den geehrten israelitischen Mitbürger, wie die weitverbreitete Species gerne genannt wurde. Gerne, ' weil er die Ihörichte, feige Selbstverleugnung übte, stets für andere Parteien zu wählen, nie für eine eigene. Diesmal aber wählen wir Männer, die nur für Juden Parlamentarier sind und nur um jüdischer Interessen willen gewählt werden. Wirklich, viel Anlass zum Staunen! Selbst den Umweg, in schon bestehenden Vcrtretungskörperu als eigene Partei aufzutreten, was ja. an einzelnen Punkten keine Sache der Unmöglichkeit gewesen wäre,

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