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Die Welt · 1899-08-18 · 33 (18.8.1899) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
33 (18.8.1899)
Article
Vom Gedanken zur That
Date
1899-08-18
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite Z „Die H Welt“ Nr. 33 aufreibender Kleinarbeit die Organisation vollzogen ist und in der Golonialbank das Instrument geschaffen ist, dessen unsere Bewegung so dringend bedurfte, jetzt fangen auch die Schwerfälligen und Phantasielosen an, die Actualität des Zionismus zu begreifen, und der Zuwachs in unseren Reihen geht wesentlich auf die Bekehrung dieser Langsamen zurück. Aber eben dieser Zionismus der That, deruns immer neue Freunde unter den Minderbegabten, unter den Mittelschichten gewinnt, erschreckt die rasch Entflammten, die ihre gesammte ästhetische und ethische Bildung aufboten, um die zionistische Idee bei ihrer Geburt in allen Tonarten zu preisen. Wer hätte gedacht, dass Theodor Herzl die Sache so ernst, so wörtlich nehmen würde! Auch Beaconsfield hatte mehr als einmal zionistische Anwandlungen, aber darum war und blieb er ruhig bei seiner englischen Politik; Moses Hess schrieb ein prächtiges Buch, das seinerzeit das grösste Aufsehen erregte, aber damit war auch seine zionistische Thätigkeit erschöpft. Warum konnte sich Herzl nicht damit begnügen, den „Judenstaat“ zu schreiben und im übrigen der Macht der Idee zu vertrauen? In der Idee ist jeder mit ihm einverstanden, ist jeder denkende Jude Zionist. Aber der Mann schreitet vom Gedanken zur That. Als die deutsche Einheit das Ideal aller Deutschen war und in Vers und Prosa gefeiert wurde, während in manchen Gegenden jede Quadratmeile deutschen Bodens andere Staatsbürger trug und von anderen Gesetzen regiert wurde, sagte man mit heissendem Spotte vom Volke der Denker und Dichter, es habe im Gedanken, in abstracto, längst die Frage der deutschen Einheit gelöst, es fehle nur noch ein unwesentliches Detail — die That. Warum dauerte es so lange, bis dieses Detail nachgetragen wurde? Das Volk der Denker liebte die Idee zu sehr, um sich mit der That zu beeilen. „Hamlet ist Deutschland“, sagte ein geistreicher Erklärer- Shakespeares und traf mit dem vieleitierten Aussprüche den Nagel auf den Kopf. Deutschland hat die Gedankenschwere überwunden. Jetzt haben wir die Rolle übernommen. Hamlet ist das Judenthum. Dem dänischen Königssohne wird seine Aufgabe vom eigenen Gewissen dictiert, und er wandelt in thränenreicher Schwermuth einher und klügelt und sinnt, ob sein Gewissen sich auch in voller Uebereinstimmung mit seinem Verstände befinde; da erscheint der Geist des Vaters und gemahnt den Saumseligen an seine Pflicht — der Sohn flammt auf in heller Thatbegier: „Dein gedenken? Ja, Du arlner Geist, so lang Gedächtnis haust In dem zerstörten Ball hier* Dein gedenken? Ja* von der Tafel der Erinnerung will ich Weglöschen alle thörichten Geschichten* Aus Büchern alle Sprüche, alle Bilder, Die Spuren des Vergangnen, welche da Die Jugend einschrieb und Beobachtung; Und dein Gebot soll leben ganz allein Im Buche meines Hirnes, unvermischt Mit minder würd’gen Dingen!“ Aber wenige Wochen vergehen, und der Denker spintisiert auch an der Mahnung des Vaters hemm; er redet sehr weise und gefühlvoll, aber keine Spur von einer That! Das ist unser ideeller Zionist Zug um Zug. Wenn man mit schönen Worten seine Freiheit erkaufen könnte, so wäre die Judenfrage gelöst, wenn Begeisterung allein Städte erbaute, hätten wir längst unser eigenes Land, so überreich sind unsere. Denker an beiden Artikeln. „Wenn ich Dein vergesse, Jerusalem, so verdorre meine Rechte!“ Der zionistische Hamlet hat den Schwur im besten Glauben gelhan, aber wie es zur That kommt, erscheint die reine Idee und hemmt den Entschluss. Was bekommen wir nicht alles für Gründe des Zögerns zu hören! Das Land ist noch nicht bewaldet genug, noch nicht genügend mit Wasser und Ackererde versorgt, noch nicht mit den nöthigen Verkehrswegen versehen, steht überhaupt noch in mancher Beziehung hinter europäischen Ländern, wie zum Beispiel Belgien und England zurück: die Völker, auf deren Wohlwollen wir angewiesen sind, haben noch nicht zur Genüge ihre Liebe zum jüdischen Volke erklärt, und dieses jüdische Volk selbst, für das wir Freiheit und Menschenwürde erstreben, steht in seiner Gesammtheit noch nicht ganz auf der Höhe der modernen Gultur. So leicht es wäre, auf diese thörichten Einwürfe zu erwidern, so unsinnig wäre ein solcher Versuch. Dem ideellen Zionisten fehlt es nicht an Verstand, im Gegentheil, er hat des Guten zu viel, ganz wie Hamlet, Prinz von Dänemark, und der deutsche Denker von anno dazumal. Man kann unseren gebildeten Glaubensgenossen nichts Neues sagen, das ihnen ihr Gewissen und der Geist ihrer Väter nicht schon viel schärfer und eindringlicher gesagt hätten — was sie brauchen, das können wir ihnen leider nicht geben, den Muth zu dem kleinen Schritte vom Gedanken zur That. Der dritte Zionisten=Congress. Stimmungsbilder. Schon vom 11. August an herrscht im Gongresshause lebhafte Bewegung. Die Delegierten kommen vom Bahnhofe in Reisekleidern direct in das Gongresshaus. Hier weist ihnen das Wohnungscomite Logis an. Die vielen hundert Fremden verursachen in Basel eine Ueberfüllung der Hotels und eine gelinde Wohnungsnoth. Das gut organisierte Wohnungscomite, bestehend aus Mitgliedern des Vereines „Jung-Zion“, sorgt mit anerkennenswerter Umsicht für die Ankommenden. Zahlreiche Delegierte sind während ihres Baseler Aufenthaltes die Gäste einheimischer jüdischer Familien, die sichs nicht nehmen lassen, den aus weiter Ferne kommenden Stammesgenossen in liebenswürdigster Weise ein Obdach zur Verfügung zu stellen. Im Secretariate des Gongresses trägt jeder Delegierte seinen Namen in das aufliegende Präsenzbuch ein. Sonntag, den 13. August, weist die Liste bereits gegen 200 Delegierte auf. Im Hauptcorridor vor dem Secretariat befinden sich die Anschlagtafeln mit Verlautbarungen des Secretariates und Ankündigungen von Vorträgen und Gonferenzen. Man kann da sehr sympathisch anmuthende Beobachtungen machen. Die neu ankommen den Delegierten werden äusserst herzlich begrüsst. Die, die schon die früheren Gongresse besucht haben, begegnen vielen Bekannten. Sie umarmen, küssen einander beim Wiedersehen. Man gewinnt den Eindruck, als wäre hier ein Stelldichein naher Verwandter, eine Zusammenkunft von Familienmitgliedern. In den Wandelgängen und Sälen stehen einzelne Gruppen von Delegierten und erörtern zionistische Fragen. In diesen kleinen, zufälligen Conventikeln werden in zwanglosem Gespräche Gegensätze geschlichtet, Missverständnisse geklärt, Sonderstellungen fixiert. Auffallend ist der Ernst und Eifer, mit dem die Themen durchgesprochen werden*

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