Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 32 (11.8.1899)
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1899-08-11
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 „Die Hl Welt*1 Nr. 3Z Brodln ins Köfiorlr packt und a buckes Hähnle und 110 gmsclit mer au den Karle und segscht em, .er soll uns bald b’sucha in Jaffa. Adie, Fritz!“ „Adjes, Mutter! Gott's Blitz, Mutter, wo ischtjieim meiKofferschlissele?“ „Ei jetzt hau i vergesse, Dir6 Schlissele mitzugeba.“ Die gute Mutter hatte gerade noch Zeit, ihrem Sohn den Schlüssel zu der köstlich versorgten Reisetasche zu reichen, als auch der Zug, allerdings mit mehr als einer Stunde Verspätung, nach Jerusalem abdampfte. Die Gegend bot zunächst wenig Interessantes, wir fuhren ziemlich rasch iib-er eine einförmige, schlechtbestellte Ebene, ln der Ferne sah man rechts die Colonien Rischon le Zion, Rechowoth und Ekron, links die Stelle, wo die bulgarische Judencolonie Artuff im Entstehen begriffen ist. Die Fahrstrasse nach Jerusalem lief in weiten Strecken nahe der Bahn. Da sahen wir trotz sengender Hitze in munterem Galopp einige französische Correspondeten hintraben, Reisegefährten vom „Nikolai II." Wir begrüssten uns durch Tücherschwenken und lächelten über ihren vergeblichen Versuch, mit dem Dampfross gleichen Schritt zu halten. Nach etwa zwei Stunden begann schon eine erhebliche Steigung, und wir gelangten durch ein enges, schluchtenreiches Thal ins Gebirge. Steingeröll bedeckt die Abhänge, zwischen denen wilde Oel- und Johannisbrotbäume nebst massenhaftem Unkraut wuchern. Fast unglaublich ist es, wie aus engen Steinritzen Buschwerk emporwächst. Die Gegend wird malerisch und pittoresk. Steil aufragende Felswände, an denen in schwindelnder Höhe schmale Fusswege sich hinziehen, die den Zugang zu Höhlen bilden, vor denen sich kleine Beduinentrupps lagern. Diese Gegend müsste einen wunderbaren Eindruck machen, wenn sie durch Reben- und Baumpflanzungen cultiviert wäre. Die engen Tliälev, durch welche zur Winterszeit ungeheuere Wassermassen zum Meere stürzen, sind wie geschaffen zu Stauanlagen, welche elektrische Kraft erzeugen und zur Berieselung tiefer liegender Ländereien dienen könnten. Die Mittagshitze wai gewichen, und die untergehende Sonne erzeugte die herrlichsten Farbenwirkungen am Gebirgssaume und den Berggipfeln. Es war schon dunkel, als wir auf dem Bahnhofe zu Jerusalem eintrafen. Trotz unserer grossen Müdigkeit und einer ernstlichen Erkrankung Dr. Her/ls beschlossen wir den mehr als eine Stunde weiten Weg zum Hotel Kaminitz zu Fuss zu machen. Zunächst sahen wirnur die sauberen Häuschen der deutschen Colonien, die weder vom Orient noch der heiligen Stadt etwas vermuthen Hessen* Doch als wir die Station verlassen hatten, da sahen wir sie vom silbernen Mondlicht überflutet vor uns liegen — Jeruscholajim. die heilige Stadt Staubbedeckte Felsblöcke rechts und links, ein tiefes Thal vor uns, links eine lange Reihe einstöckiger, steinerner Häuser, Montefiores jüdische Colonien. Und vor lins in Windungen, die sich dem Gelände anschliessen. eine ■mittelalterliche, romantische, zinnengekrönte Mauer mit kleinen Thermen, dahinter ein Wirrsal von steinernen Kuppeln — alles in einer grau gelben Farbe, nicht als oh es gemauert, sondern aus dem Felsen des Bodens herausgehauen wäre. Durch fusstiefen Staub stiegen wir zu dem Thale hinunter, mit grösster Vorsicht, um nicht in eines der mächtigen Löcher zu fallen, welche sich selbst mitten nuf dem Wege vor uns aufthaten. Die Strasse zum Jaffa-Thore war natürlich mit Rücksicht auf die bevorstehende Ankunft i], s Deutschen Kaisers gut in Stand gesetzt. Scharenweise begegneten Uns askenasische und sephardische Juden. Die ei steren mit mächtiger Pelzmütze, dem sogen* Streimel, und farbigem, meist seidenemgelbem, rothem oder blauem Kaftan über halb oder ganz europäischer Kleidung, die letzteren mit Fez oder Turban und gestreiftem seidenen Kaftan sammt breitem Gürtel. Die Frauen in Kattunkleidern; den Kopf mit einem Tuch nach Art der deutschen Bauersfrauen bedeckend. Man rief uns „Schalem aleehem“ entgegen, ein Gross; den wir brüderlich erwiderten; Wir standen vor dem Thurme Davids am Jaffa-Thore, dessen mächtiges Fundament selbst die Kriegskunst der Römer nicht zerstören konnte. „Wie Du die Jahrtausende überdauert hast, Du stolzer Bau, so lebst auch Du noch, Volk Israel, wenn auch der Mund frecher Spötter Dich verleugnen will. Romantisches Mauerwerk hat man in der finsteren Zeit des Mittelalters um Dich aufgeführt, um Dich zu schützen und zu erhalten, aber wenn es der Wille des Höchsten ist, wirst Du wieder in alter Kraft und Pracht erstrahlen.“ Ein seltsames Zwielicht bewirkten Tausende von Lämpchen, welche zum Zwecke der Illumination an Häusern Und auf den Dächern angebracht waren. An den Bier- und Kaffeehäusern in der Jaffa-Strasse in der Vorstadt drängte sich die Menge der Fremden und der mohammedanischen Fellachen. Ueberaus seltsam wirkte das fast tageshelle Mondlicht. An dem Stadtgarten, vorbei, in welchem wöchentlich mehrmals eine Musikkapelle concertiert, gelangten wir durch mehrere, erst halbfertige Ehrenpforten hindurch, endlich nach langer, ermüdender Wanderung zu dem in einem grossen Garten gelegenen, geräumigen Hotel Kaminitz. Leider waren alle Zimmer besetzt, da unsere Bestellung verspätet ein getroffen war, und erst nach mehrstündigen Verhandlungen und durch die Vermittlung des Cook’schen Bureaus gelang es uns, unsere Unterkunft für die Nacht zu sichern. Das Hotel wimmelte von türkischen Officieren und Würdenträgern, und wir mussten wirklich staunen, wie es der Wirt fertig brachte, all diese Gäste mit dem verhältnismässig geringen Personale zu bedienen. Das Gerücht von unserer Ankunft musste sich schon in der Stadt verbreitet haben, denn der Director des jüdischen Waisenhauses, den ich von Deutschland her kannte, und mehrere andere Herren meldeten sich bereits, um uns zu he grossen. W. und ich hatten ein grosses Zimmer, von dem wir nach zwei Seiten einen überaus interessanten Blick über die Vorstadt genossen. Wir waren leichtsinnig genug, wegen der frischen Abendkühle die Fenster geöffnet zu lassen, dafür hatten wir den Vorzug, die ganze Nacht von den kleinen Stechfliegen geplagt zu werden. Unsere grosse Müdigkeit liess kaum einen Eindruck von der Grösse des Momentes, an dem unser Fuss den heiligen Boden berührte, aufkonunon. Wohl stand ich noch eine Viertelstunde träumend am Fenster und schaute in die silberglänzende Ferne, Ein Gerüst eihob sich um die halbfertige Ehrenpforte der Juden. Ein seltsames Gewimmel von Menschen wogte durch dieselbe. Das freudige Gefühl der bevorstehenden Feierlichkeit erregte die Menge. Ein armes, gedrücktes Volk sollte von der Sonne der Majestät des Herrschers eines grossen Reiches bestrahlt werden. Wird es ein Liehistrahl der Freiheit sein? Schwebt vor dem Auge dieser Menge vielleicht ein Bild künftiger Zeiten, da sie im Glanze der Freiheit und der Rechte, die durch das Bewusstsein des eigenen Werkes errungen werden, wiederum ihres Daseins froh werden? Schwebt ihnen das Bild eines aus den Ruinen hervor erblühenden neuen Jerusalem vor Augen, zu dem die Herrscher der Völker in frommer Ehrfurcht wallen: Dank zu zollen dem innig einzigen Gotte, dem Vater der Menschen und Völker, dem Gotte Israels? . . . Briefkasten. A. M. L., Johannisbad. Besten Dank. E. Kohnb., Mürzzuschlag. Ihre Frage ist in dieser Nummer beantwortet. Zionistischer Studententag; Lemberg. Besten Dank und Zionsgruss. jüdische Handlungsgehilfen-Organisation, Brünn. Besten Dank und Gruss. Wilhelm Lewy, Krakau. Besten Dank für die Anregung. Sie wurde, wie »Sie gesehen, in ähnlicher Form benützt. Breslauer Zionistenversammlung. Besten Dank und Gruss. $uausgeber: P. Naschauar. Verantw. Red.; Erwin Rosenberger« Buchdruckerei .Industrie0 (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11