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Die Welt · 1899-08-11 · 32 (11.8.1899) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
32 (11.8.1899)
Article
Lemberg
Date
1899-08-11
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 32 „Oie Weit“ Seite 13 formvollendeten und gedankenreichen Rede bewies Dr. G u tm ann klar und deutlich, dass gegenwärtig nur diejenigen Rabbiner Existenzberechtigung haben, welche den alten Missions- und Assimilationsdusel aufgebend, im Judenthum als solchem die Losung der Judenfrage erblicken. An den entsprechenden Wo dien ab schnitt anknüpfend, entwickelte er den Gedanken, das Judenthum beruhe auf den drei Pfeilern, der Hoffnung, der Nächstenliebe und des Glaubens, in einer solch präcisen Art, dass man sofort erkannte, wie verständnisvoll er reiches modernes Wissen mit klarer und ausgezeichneter Kenntnis unseres gesammten Schriftthums vereinige. Während die Hoffnung uns an unsere nationalen, die Nächstenliebe wieder an die s o c i a 1 e n P f 1 i c h t e n mahne, gebiete uns der Glaube, an die eigene Thatkraft nicht zu verzweifeln und im vollen Gottes vertrauen all dasjenige zu tliun, was zur Errettung unserer armen Brüder beitragen kann. Lemberg. (Eine „j ii d i s c li e Frechhe i t“ vor G eri cht.) ln der Nummer 27 der „Welt“ berichteten wir über eine Notiz des Lemberger „Dziennik polski“*). welche später die Runde durch die gesammten polnischen und auch mehrere deutsche Tageszeitungen machte und darauf berechnet war, den leichtgläubigen Mob auf den Fall einer ungemein grossen „jüdischen Frechheit“ entsprechend au fm e r k s a m zu machen. Trotzdeip aber infolge polizei- 1 i c h er Erhebungen die ganze Angelegenheit sich als niederträchtige L üge erwiesen und zwei polnische Blätter dies auch veröffentlicht hatten, fand es der wahrheitsliebende „Dziennik polski“ nicht der Mühe wert, über den Fall mehr ein Wörtchen zu verlieren. Im Namen der bedrohten jüdischen Bevölkerung brachte daher unser Gesinnungsgenosse Herr Dr. Malz bei der Staatsanwaltschaft eine Eingabe ein, in welcher er, die Folgen solcher aufhetzender Notizen schildernd, den Staatsanwalt autTorderte, die entsprechende Nummer des „Dziennik polski“ zu confiscieren und das Notlüge zu veranlassen, dass für die Zukunft derlei Berichte mit grösserer Aufmerksamkeit von der Staatsanwaltschaft gewürdigt werden mögen. Da nun offenbar die Confiscation der entsprechenden Nummer nicht mehr vorgenommen werden konnte, klagte der Staatsanwalt den Redacteur des genannten Blattes vor das Bezirksgericht Section III, worauf für den 31. Juli die Verhandlung festgesetzt wurde. Sofort bei Beginn der Verhandlung warf der Vertreter des „Dziennik polski“ die Unzuständigkeit des Gerichtes ein und behauptete, sich nur vor den Geschworenen vertheidigen zu sollen. Der Bezirksrichter war aber ganz anderer Ansicht und erklärte sich für competent, weshalb auch der Vertreter des Angeklagten die Berufung anmeldete. Hierauf wurde nun bis zur Einlangung der oberinstanzlichen Entscheidung die Verhandlung vertagt. Ueber das Resultat dieser „interessanten“ Angelegenheit werde ich Sie seinerzeit verständigen. Holleschau. (Der erste jüdische Militärveterane ii verein inOesterreic h.) Auf Grund der von der k k. mährischen Statthalterei genehmigten Statuten hat sich dieser Tage hier der erste jüdische Militärveteranen-Verein in Oesterreich constituiert. Der Verein bezweckt unter Anderem die Wahrung der militärischen Berufstreue, die Bethätigung des Patriotismus und die Unterstützung kranker und hilfsbedürftiger Mitglieder. Etoutsstiland. Stuttgart» Die Kammer der Abgeordneten hat zu Alters-- fcülägen für Rabbiner, israelitische Lehrer und Vorsänger die Summe von 5100 Mk. ohne Debatte bewilligt. Das An¬ *) Anmerkung. In dieser Notiz hiess es> dass aus dem Fenster jüdischer Einwohner ein Gefäss verdächtigen Inhaltes auf eine vorbeiziehende Leichenprocession entleert Worden sei. fangsgeb alt der Rabbiner beträgt nunmehr 2200 Mk„ das der Lehrer 2100 Mk. England. London. 4. August. Die englischen Delegierten zum Congress sind bereits gewählt. So stark wie dieses Jahr waren wir noch nie in Basel vertreten. Was zwischen dem zweiten und dritten Congress an zionistischer Arbeit geleistet worden, ist ausserordentlich. Trotz aller Parteiungen, Anfeindungen und Einschüchterungsversuchen ist der Stand der Bewegung höher als je. — Ich habe Ihnen über eine sehr merkwürdige Bewegung Bericht zu erstatten. Vor einiger Zeit tauchte das Project auf, in London eine Gemeinde zu gründen, in welcher Sonntag-Gottesdienst gehalten werden sollte. Der Plan wurde sowohl von orthodoxer als auch von Reformer-Seite entschieden missbilligt. Man sprach von ihm als einem religiösen Kind erstreich. Nun höre ich, dass diese Bewegung ihre ursprüngliche Richtung aufgegeben hat. Vom Sonntag-Gottesdienst soll zwar nicht abgegangen werden, aber statt eine organisierte Gemeinde zu gründen, will man eine allwöchentliche Agitation einleiten, um zunächst den jüdischen Renegaten die „Mission Israels“ zu verkünden. Vielleicht werden sich nun die Gläubigen der Mission mit der Bewegung in dieser Form eher befreunden; die Orthodoxen wollen natürlich auch jetzt nichts davon wissen. Der erste Anreger der Idee ist aber noch weiter gegangen. Er möchte in zwei Rollen auftreten: in der eines grossen Versöhners der Religionen und in der eines Champions für specifisch jüdische Interessen. Wir haben also alle Hoffnung, in zwei Jahren einen jüdischen Vertreter im Parlament zu haben, der die jüdischen Angelegenheiten in den Vordergrund seiner politischen Thätigkeit stellen wird. Wir wollen 's ah warten. Jedenfalls ist es bitterernst gemeint. — Die englische Regierung ist entschlossen, die Judenfrage dieses Jahr noch nicht aufzunehmen. Wir dürfen also für die kommende Zeit, besonders für den Id erb st, beruhigt sein und frei athmen. Zwei gegen Juden gerichtete Strömungen machen sich jetzt überall bemerkbar. Dem armen Juden wird vorgewoi len, dass er den armen Christen aus seiner Eastender Heimat verdrängt habe; dem reichen Juden wieder, er dränge sich in die „Gesellschaft“ ein. Für den eigentlichen Antisemitismus ist aber die Dreyfus-Affaire ein mächtiger Dämpfer geworden — die Folge ist, dass er sich jetzt langsamer ausdehnt. Chicago Die jüdischen Einwohner der West Side von Chicago hielten unlängst eine Versammlung ab, in welcher sie die „Jüdisch - Amerikanische Schutzgesellschaft von Chicago“ gründeten. Die Action dieser fast fünfhundert Bürger ward durch einen unlängst an einem Juden begangenen schrecklichen Mord veranlasst. Der Mörder hiess John Sheehy, sein Opfer, Salomon Op tu er, war ein armer Hausierer, der ihm nichts zu Leide gethan hatte. Zum Präsidenten der neuen Gesellschaft wurde Dr. Gustav B 1 a c k, zum Vicepräsidenten \Y ein schenke r, zum Schriftführer M. Zoll ne gewählt. In einer packenden Ansprache erinnerte Alderman Brennei' an die vielen Acte von Grausamkeit und Feindseligkeit, die von dem Mob Chicagos an hilflosen Juden begangen wurden» „Innerhalb eines Jahres“, erklärte-er, „sind 3 Juden erschlagen worden und ihre Nationalität war die .Hauptursache ihres schrecklichen Todes.“ Afrika. Algier, 24. Juli. Der antisemitische Generalrnih von Mustapha, Lu eien Chaze, der gestern Abend mit zwei Redacteuren des „Antijuif“ sich an dem Jahresfeste von Elbiar eingefunden halte, ist wegen einer frechen Kundgebung und Ruhestörung verhaftet worden. Er verlangte nämlich, dass das Orchester bei seinem Erscheinen ' die „Marseillaise“

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