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Die Welt · 1899-08-11 · 32 (11.8.1899) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
32 (11.8.1899)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1899-08-11
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die Welt« M. 32 mit Artikeln begrübst, die von einer wahrhaft verblüftenden Roheit und Gehässigkeit durchwellt sind. Diese barbarische Herzlosigkeit ist im ersten Momente eine unerklärliche Erscheinung. Wieso kommt es, dass dem grausam gemarterten Dulder gegenüber die natürlichsten Regungen des Mitleids und der Menschlichkeit schweigen? Man hasst eben in Dreyfus die ganze Gattung. Drey fus ist nur zufällig ein geeigneter Punkt, gegen den sich die der Gattung geltende Feindschaft bequem entladen kann. Dieser gut leitende Punkt könnte ebensogut die Bezeichung Kohn oder LÖwy führen. Es zeigen sich da Analogien zwischen den Gesetzen der Liebe und des Hasses: Die elementare Stärke der Liebe gegenüber einer einzelnen Person wäre nicht selten unbegreiflich, wenn sich nicht die Erklärung fände, dass man in dieser einen Person nur die ganze Gattung liebt, dass der Erhaltungstrieb der Gattung die Liebe zu so heftigen.Flammen schürt. Auch der Zerstörungstrieb, der sich gegen eine bestimmte Gesammtheit richtet, kann dem Hass gegen ein Individuum dieser Gesammtheit so bestialische Formen verleihen, wie sie der Hass gegen Dreyfus zeigt. Ob wohl Dreyfus dem Judenthuine in Anhänglichkeit zugethan ist! Die Dreyfus-Literatur der Blätter enthält unseres Wissens nichts Näheres über diesen Gegenstand. Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, dass er als enragiert französischer Patriot nicht gern an sein Judenthum erinnert sein will. Es könnte sich vielleicht ereignen, dass Dreyfus, nota bene wenn er freigesprochen wird, sich nach einigen Monaten taufen lässt. Jedenfalls ist es eine bemerkenswerte Thatsache. dass gerade diejenigen Juden, die sich von dem Judenthume mehr oder weniger entfernt haben, die Function vorgeschobener Posten ausüben müssen, gegen die sich der Judenhass leicht entlädt. Dem französischen Juden ist es geglückt, der Trübsal des Ghettos zu entfliehen, er darf sogar in den Bureaus des Generalstabes sitzen. Die sogenannte Emancipation der Juden. Aber sein jüdischer Habitus wird umso auffälliger, je weiter er in Gesellschaftsschichten und Berufszweige vordringt, die sonst der „Judensperre“ huldigen. Der Reisende, der in verbotenes Land eindringt, ist umsomehr in Gefahr, entdeckt und von den Eingeborenen gelyncht zu werden, je weiter er über die Grenzpfähle vorrückt. Dreyfus war schon weit jenseits der Ghettomauern. Da fiel es den Eingeborenen auf, dass er ein Jude sei, und Richter Lynch waltete gelegentlich seines Amtes. Die Affaire Dreyfus ist ein böses Omen für die Erfolge der Emancipation. Jeder „emancipierte“ Capitän kann über Nacht ein Excapitän werden. E r w i n R ose n berge r. Zionistischer Studententag in Lemberg. Der am 25. und 2b. Juli in Lemberg stattgefundene Studententag nahm einen glänzenden Verlauf. Trotz der Ferialzeit und des regnerischen Wetters haben sich über hundert zionistische Akademiker aus allen Gegenden Galiziens, die Blüte der gahzi sehen zionistischen Jugend, im Sitzungsaale der jüdischen Cultusgemeinde zusammengefunden, um über dringende, den Zionismus einerseits und das akademische Leben andererseits tangierende Angelegenheiten zu berathen. Die Einmiithigkeit, die auf dem Studententage herrschte, der Ernst und die Würde, durch die sich die Verhandlungen desselben auszeichneten, können nicht hoch genug geschätzt und gewürdigt werden, angesichts der Zerrissenheit, die unter den Zionisten Galiziens seit einiger Zeit platzgegriffen hat. Sachliche Referate, verbunden mit nachfolgenden, anregenden Discussionen, ermöglichten Beschlussfassungen über Gegenstände von grosser Bedeutung und Tragweite. Die Debatte über den Punkt „Organisation und Agitation“ führte zur Schaffung einer Organisation und eines Programmes für die Thätigkeit der zionistischen Studenten Galiziens. An den Punkt „Sport“ knüpfte sich eine überaus interessante Discussion über das Duell. Eine Reihe verschiedener Anträge hatte knapp vor Schluss des Studententages manche wichtige Resolution zur Folge. Im Nachstehenden der Detailbericht: I. Sitzung. Dienstag den 25. Juli, um 10 Uhr vormittags. Im Sitzungssaale der Cultusgemeinde sind über 100 Akademiker versammelt. Die Finkenschaft ist nicht minder zahlreich vertreten, als die akademischen Verbindungen und Clubs. Von den letzteren sind vertreten: „Jüdische akademische Lesehalle“ in Lemberg, „Emunah“ in Lemberg; „Bar-Kochba“, Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien in Wien; „Bar-Kochba“, akademischer Club in Stanisiau; „Bnei-Zion“, akademischer Club in Jaroslau; „Haschachar“, akademischer Verein in Krakau und „Beth-Israel“, akademischer Club in Kolonien. Zahlreiche Telegramme sind eingelangt, darunter eines vom Actions-Comitemitgliedc Dr. L. Kahn. JJjriefe sandten Frl. Rosa P omeranz aus Tarnopol und die Vereinigung „Haschachar“ aus Lodz. Auf der Gallerie fanden sich viele Gäste ein, darunter auch zahlreiche Damen. Berichterstatter waren erschienen von der „Welt“, dem „Jüdischen Volksblatt“, dem „Hameiitz“, der „Przyszlosc“ und dem „Hamagid“. Nachdem jur. Löwenherz -Lemberg Theilnehmer und Gäste aufs herzlichste begrüsst hatte, wurde an die Wahl eines Bureaus geschritten; per acclamationem wurden gewählt: K r u li, Präses, Löwe n h e r z und S c h a 1 i t, Vizepräsidenten , Schiffer, Berner und F ü 11 e nb a u m, Schriftführer. Nach einer kurzen Debatte wird die Geschäftsordnung aufgenommen. Phil. S c h i f f e r - K olomea erhält das Wort zu seinem Referate über die Lage der Juden in Galizien. In einem amlerfchalbsfcüiidigen Vortrage erörtert der Referent die social-ökonomische, c u 11 u r e 11 e und inner politische Lage der J uden in Galizien. Die ö k o n o m ischc Lage verschlimmert sich mit jedem Tag. Die Reichen leiden unter furchtbarer Coneurrenz, der Mittelstand kämpft um sein Brot mit den Autoehthonen, das Proletariat nagt am Hungertuche. Die traurige Folge davon ist die Emigration nach Amerika. Das Verhältnis zur autoehthonen Bevölkerung verschlimmert sich ebenfalls. Viel tragen dazu gewissenlose Wahlmachinationen bei. Trotz des grossen Wissensdranges gibt es noch sehr viele jüdische Analphabeten. Wie Ueberall hat sich auch in Galizien durch die Nichtzulassung von Juden zu Aemtern ein geistiges Proletariat herausgebildet. Um die Schulen ist es arg bestellt. Die „Chedarim“ lassen die Kinder physisch verkümmern, die übrigen Schulen vernachlässigen die Pflege der hebräischen Sprache und des jüdischen Geistes. Von grösster Bedeutung sind die Abendcurse der Baron Hirsch-Stiftung. In den Cultusgemeinde n herrschen Missstände. Der Conflict zwischen Orthodoxen und Fortgeschrittenen lähmt jede Thätigkeit. Zur Besprechung der innerpolitischen Lage der Juden übergehend, unterscheidet der Referent Assimilanten, Socialisten und Zionisten. Die Assimilanten sind glücklicherweise im Schwinden begriffen, die Socialisten kämpfen zwar mit Recht gegen das jüdische Massenelend, sie vergeben sich aber viel von ihrem Judenthume, die Zionisten endlich sind seit kurzer Zeit in zwei Lager getheilt. Die Vereinigung beider Richtungen wäre für die akademische Jugend ein anstrebenswertes Ziel. (Beifall und Händeklatschen.)

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