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Die Welt · 1899-08-04 · 31 (4.8.1899) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
31 (4.8.1899)
Article
Israel, von Gyp [Rezension]
Date
1899-08-04
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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„Die $ Welt“ Nr. 3!t Seite 15 werten Zustande ist man nicht geistreich und nicht überzeugend; auch sind die der Zwangsjacke Bedürftigen nur selten hitzig. Bemerkenswert bleibt das Buch dennoch, eben wegen jener Raserei; durch diese ist „Israel“ das brutalste, unfläthigste und niedrigste Pamphlet geworden, das jemals gegen die Juden gerichtet wurde. Und wenn man bedenkt, wie zahllos die Beleidigungen sind, welche gegen die Juden begangen wurden, muss man den Record der Frau Gyp immerhin anerkennen. Frau Gyp ist, wie schon erwähnt wurde, eine Gr ahn. Im .republikanischen Frankreich hat sie sich ihre feudalen Gesinnungen bewahrt und sehnt die Wiederherstellung irgend eines Thrones herbei. Die Republik ist ihr zuwider und die Juden sind ihr verhasst, und wenn auch sonst niemand einen wesentlichen Causalnexus zwischen Juden und Republik in Frankreich herzustellen vermag, bringt die Gyp es doch auf die einfachste Weise zustande. Sie fasst die Republik als eine jüdische Gründung auf. In ihrem masslosen Uebermuthe haben die Juden es nicht geduldet, dass ein König über ihnen herrsche, und so haben sie ganz natürlich eines Tages die französischen Dynastien verjagt und Herrn Thiers zum Präsidenten ernannt, nach ihm Mac-Ma h on, dann Gr e v y und so weiter bis auf L o übet. In ihrem „Israel“ zeigt nun Frau Gyp, wie die Juden daran arbeiten, sich des französischen Adels zu bemächtigen. Da alles Geld, das in Frankreich rolliert, ihr Eigenthum ist, kaufen sie die Schlösser und weil sie es noch nicht verstehen, in diesen Schlössern und Burgen so recht „adelig“ zu sein, kaufen sie sich gleich die Aristokraten mit dazu. Diese Juden, die hier in den Zimmern der Rohans schlafen, in den Wäldern der Herzoge von Chartres jagen und in den Prunksälen königlicher Familien ihre Feste geben, sind lauter Gauner. Reich geworden, haben sie nur clen Ehrgeiz, auch vornehm zu werden. Dabei behalten sie ihren erbärmlichen Jargon bei. Sie reden kein richtiges Wort, sie mauscheln den Prinzen und Herzoginnen, die sie bei sich zu Gaste sehen, die Ohren voll. Sie waschen sich nicht, riechen nach Knoblauch, zittern beim Anblick einer Flinte. Die Männer sind Wüstlinge, die sich junge Comtessen und Fürstinnen als Maitressen halten, die Weiber, sind Dirnen, welche ihre Liebhaber unter den jungen Cavalieren der Gesellschaft suchen und für Zärtlichkeiten mit barem Gelde oder mit Aetien zahlen. Allzuviel ist unvernünftig und selbst im Pamphlet, wo das Uebertreiben doch am Platze ist, hat es seine Grenzen. Wenn man jemandem Böses nachsagt, von welchem alle Leute gerne Böses glauben, kann man schon ein stattliches Quantum riskieren. Darüber hinaus jedoch hört auch der willige Glaube auf und man. verdirbt seine Wirkung. Sogar Leute, welche sich in ihrer Gesinnung mit der Gyp eins fühlen, werden durch ihre Anhäufung von Schmähungen zum Widerstand gebracht und besinnen sich darauf, dass gerade jene Juden, die es zu einer gewissen gesellschaftlichen Höhe gebracht haben, über eine gewisse weltmännische Routine verfügen, dass sie die Landessprache ordentlich sprechen, und auch nicht mehr bis an clen Hals in Schmutz und Knoblauch stecken. Auch die panische Angst vor Waffen wird man an ihnen nicht bemerken — es gibt Beispiele vom Gegentheil. Nun ist es gewiss nicht meine Sache, die Juden vor diesen kleinlichen Angriffen gegen die furiose Gyp in Schutz zu nehmen. Es führte auch in ein zu weites Feld, wollte man es unternehmen, den Beschuldigungen der Frau Gyp gegenüber nachzuweisen, wie sehr die Juden sich in körperlichen Hebungen auszeichnen, wie sie im Fechten, Reiten, Schiessen, Schwimmen und Tennisspielen auf allen europäischen Sportplätzen Preise davongetragen haben. Wenn man allen Albernheiten und Infamien, die in „Israel“ vorgebracht werden, auf den Grund sieht, erkennt man, dass es im Wesentlichen nur die helle Wut über das sociale Avancement ist, welches die Juden gelegentlich erleben. Es ist der aufs äusserste gebrachte Hass gegen diese Menschen, welche imstande* sind, äusserliche Qualitäten anzunehmen. Der rasend gewordene Snob schimpft sich gegen diesen Einbruch der Juden in die „höchsten Kreise“ allen Schmerz von der Seele. Dieser Einbruch ist der einzige Gedanke, über welchen Frau Gyp in Delirium geräth. Er ist aber auch der einzige, über welchen man wirklich ein Wort sprechen könnte. Man könnte in einer schwächlichen Lust am Vertheidigen vielleicht sagen, auch hier erfülle das Judenthum möglicherweise so etwas wie eine Mission. Man könnte die Gerechtigkeit anrufen und ausführen, dass dem Juden das gesellschaftliche Aufsteigen geradeso gebürt, wie anderen Menschen, dass seine Rasse kein Hindernis sein dürfte, als Graf mit Grafen zu Tische zu sitzen, und es liesse sich eine altliberale Redensart verwenden, dass der neue Graf seinen Adel vermutlich schwerer verdient habe als jener, dessen Verdienste sechzehn Ahnen weit liegen. Aber einigermassen sind wir über die Wichtigkeit solcher Fragen doch schon hinaus und haben das Pathos vor Königsthronen ein wenig verlernt. So darf man es denn aussprechen, dass die Lust reichgewordener Juden am Verkehre mit der Aristokratie; ein recht kindischer und ein sehr thörichter Ehrgeiz ist. Wenn aber unter allen Menschen die Juden etwas Dummes thun, so wird ihnen das noch viel mehr verübelt als allen anderen. Mit ihnen hat man keine Nachsicht, und so wird auch dieses sich Einschmeicheln in die „höchsten Kreise“ als etwas speciflsch Jüdisches hingestellt, indessen es doch nur etwas Menschliches ist. Bürgerliche aus allen Confessionen und Rassen, wenn sie emporgekommen sind, versuchen es, durch irgend ein Thürchen in die grosse Welt, in die gute, die beste und allerbeste Gesellschaft einzudringen. Sie nehmen ihren Weg durch den politischen Staatsdienst, durch die Armee und vorzüglich durch das Capital. Was thun denn die amerikanischen Milliardäro, die ihre Töchter an französische Vicomtes und Herzoge verheiraten, anderes als die Juden? Wer nur ein bisschen Geld hat, kauft einen Prinzen für seine Tochter, und wenn es dazu nicht langt, wenigstens einen Baron. Man hat sich das schon so eingerichtet; die bürgerlichen Väter sparen zu diesem guten Zwecke und die Aristokraten machen der neuen Zeit die Concession, ihre Adelsbriefe zu verkaufen, die in alter Zeit ja auch gelegentlich sollen käuflich gewesen sein. So bringen sie es zuwege, auch heute die anderen für sich arbeiten zu lassen. Sie sitzen im Cercle Royal zu Paris, während jenseits des Oceans ein biederer Yankee so lange schuftet, bis er die Summe zusammengerafft hat, die ein Cavalier wert ist. Derselben Naivetät machen sich auch die Juden schuldig, nur dass sie das bisschen Ehre, das sie erstehen, beträchtlich überzahlen müssen, wie sie alles überzahlen, was sie von ihren freundlichen Mitmenschen erwerben. Denn nirgends ist der Antisemitismus so ausgebildet, wie in der Aristokratie. In den niedrigeren Volksschichten ist dieser Hass dumpfer, oft auch leidenschaftlicher und brutal. Da oben aber ist’s fürchterlich. Da ist diese wohltemperierte Verachtung daheim, diese höfliche Wuth, die zu stolz ist, um überhaupt in Wuth zu geraten, dieser kühle Hass, der nicht zur Plünderung übergeht, sondern sich lediglich darauf beschränkt, die Preise für Umgang, Geselligkeit und Verschwägerung bei Juden zu erhöhen. Hier

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