Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 31 (4.8.1899)
- Article
- Der Process Dreyfus
- Date
- 1899-08-04
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 31 „Die Seite-11 Weisung allsogleich nachvRennes begeben zu können. Die Verteidigung wird im Ganzen 30 bis 40 und die Anklage 70 Zeugen vorladen. Die Verhandlungen werden im Saale der Militär-Verproviantierungs-Anstalt abgehalten werden. Ghederreform. Bekanntlich ist seit dem Jahre 1881 der Unterricht der russischen Sprache in den jüdischen Ohe deren verboten worden. Jetzt ist, wie die Wochenschrift „Woschod“ meldet, dieses Verbot aufgehoben worden; die russische Sprache ist als obligatorischer Unterrichtsgegenstand' dem Stundenplan einverleibt worden. Hamlet im Jargon. In Chicago wurde von der Gesellschaft „Knightsof Zion“ Shakespeares „Hamlet" im Jargon zur Aufführung, gebracht. Es scheint, als ob das Wagestück nicht gerade gelungen ausgefallen ist, der Grund mag vielleicht in der mangelhaften Jargon-Uebersetzung liegen, während Mh© 'Solche im reinen Hebräisch die Pointen besser wiedergeben, würde. Demnächst wird von der genannten Gesellschaft ein Stück unter dem Titel „ An der Klagemauer" aufgeführt. Dasselbe spielt in Russland, Constantinopel un d Palästina. , Eine jüdische Publicationsgesellschaft. In England wird der Plan zur Gründung einer „Jüdischen Publicationsgesellschaft" lebhaft discutierfc. Man verweist dabei auf Amerika, wo ein derartiger Verein existiert, der 5000 Mitglieder zählt und bereits 29 Bände, meist populären Inhaltes, pubiiciert hat, darunter Grätz’Geschichte der Juden. . .. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Bolszowce (Galizien). Ein helles Licht auf die unsichere ökonomische Lage der Juden in Galizien, namentlich auf dem flachen Lande, verbreitet der folgende beachtenswerte Fall, der sich vor kurzem in dem nahen Dorfe Kunaszow zugetragen hat. Dort wohnte nämlich seit langer Zeit ein armer jüdischer Kleinhändler,namens S.Weintraub, der einzige Jude des Ortes. Sein Laden war von einem Bauern gemietet und aus dem schmalen Erträgnisse desselben ernährte er sich und seine zahlreiche Familie wahrhaft kümmerlich. Eines schönen Tages beschlossen die Bau ein des Ortes, keinen Juden mehr in ihrer Mitte zu dulden und veranlassen den Mietsherrn Weintraubs durch Zureden und Drohungen, diesem den Laden sowie die Wohnung zu kündigen. Da half kein Bitten und Jammern, Weintraub musste aus dem Dorfe ausziehen, nachdem all seine Bemühungen, ein anderes Local in Kunaszow zu mieten, an der Böswilligkeit der Bauern gescheitert waren. Um die Ursachen ihres unmenschlichen Verhaltens befragt, gaben die wackeren Landleute einigen hiesigen Bürgern zur Antwort, die Juden hätten in Galizien nichts zu suchen; sie mögen nach Palästina ziehen, ehe man sie verjagen werde. England. London. (Stimmungsbilder aus dem Londoner Haup tlager.) Im Buche Esther heisst es: „Der Befehl des Königs ist unabänderlich." So war es auch bei uns. Das Fiat der Führer bestimmte den 29. Juni als den Tag des AUotement und Himmel und Erde wurden in Bewegung gesetzt, um den Tag einzuhalten. Und wiederum, wie es im 2. Buche Mosis steht: „Das Volk brachte soviel als man verlangte und noch weit mehr", so war es auch hier. Nicht nur die 250.000 Actien. waren am bestimmten Tage vorhanden und registriert, sondern noch weit mehr! Nicht nur die 600,000 Gulden — der Zahl der aus Aegypten in die Freiheit ziehenden Juden entsprechend — die haaren fünfzigtausend goldenen Pfunde waren da, sondern noch weit-, weit mehr! Denn das Volk Wetteiferte, Vollzahlungen und Raten noch vor der Zeit zu leisten. Wenn ein grosses Oceanschiff mit seiner nach Tausenden zählenden Bevölkerung den Weg nach den Antipoden antritt, ist es .ein beliebter Journalistenkniff, durch vergleichende Modelle und Tabellen den Lesern in graphischer und interessanter Weise zu veranschaulichen, was eigentlich nöthig war zu schaffen und zu sorgen, bevor das schwimmende Riesenhaus reisefertig war. So auch mit unserem Allotement! Hat denn einer der Leser audh nur eine Ahnung von dem, was eigentlich notwendig war, was alles zu geschehen hatte, bis der grosse Tag herankam, bis der Coloss unter den Gründungen, das Unicum unter den Aktiengesellschaften, welche ihre Subscribenten in der ganzen civilisierten Welt in beiden Hemisphären zählt, bereit war, voll ausgerüstet mit Geld und Geist, mit Mann und Maus, seinen Pionnierdienst zum Heile unseres Volkes anzutreten? Seit Schluss der ersten officiellen Subscriptionsperiode, nachdem das grosse Werk des Ordnens und Arrangierens der Tausende von Zeichnungsformularen vollendet war, begann die Eintragung derselben in die gedruckten Bogen, wie sie von dem Gesetze verlangt werden. Man denke sich einen Bogen zweimal so gross als die „Welt", in 15' Colonnen eingeteilt, von denen 7 vorläufig ausgefüllt werden mussten. Jeder Bogen enthält 30 Linien für ebenso viele Namen. Jede Eintragung musste nach Namen und Wohnort, Actienzahl und Bankstelle, Agenten und Datum genau controliert und"Tnit der Correspondenz und den Büchern verglichen werden.. Im Sprächen Wirrwarr, in der Deutung von Schriftzügen — die oft eher als Bilderrätsel betrachtet werden konnten — arbeitete, emsig wie die Bienen, das bedeutend vergrösserte Personal Tag und Nacht, mit Ausnahme des Tages, an welchem der Sonnenuntergang den bevorstehenden Sabbat meldete, bis zu dem Augenblicke, in welchem das zionistische Siebengestirn drei Satelliten zur Aufhebung des Ruhetages ausschickte. Gleichzeitig wird das laufende Geschäft, dank der aufopfernden Thätigkeit der leitenden GeisteL, die, in ganz Europa zerstreut, an den Beratungen schriftlich th ei in eh men, ordnungsgemäss erledigt; Fünfundzwanzig Mann sassen und schrieben unaufhörlich an den Bogen, welche paketweise, nach Städten geordnet, von den Werkstätten der oberen Etage nach dem Archive des Hauptbureaus befördert und alphabetisch aufgestapelt wurden. Endlich sind sie fertig und liegen da auf einer Fläche von 180 Quadratfuss wie im richtigen Katasterbureau; Berditscheff neben Berlin, Irkutsk neben Irland, Lodz und London, Paris und Petersburg in brüderlicher Eintracht — im Gefühle zionistischer Sicherheit — eine Stadt sich anlehnend an die andere. Längs den Wänden sind arrangiert hunderte von weissen Fächern, nach Ländern und Städten geordnet, welche die Originallisten der Zeichnungen enthalten. Es will etwas heissen, über 100.000 Subscribenten und 1000 europäische, asiatische und amerikanische Städte in Reih und Glied zu stellen und auf Commando jeden beliebigen Zeichner mit unfehlbarer Sicherheit auffinden und dessen ganze Literatur und Geschichte aufdecken zu können. 4000 Meter rothes Band und 2000 grosse gelbe Pappdeckel wurden für circa 20.000 Catastralbogen verwendet! Und nun kommt die Absendung der „Allofcementletters“, d. h. der officiellen Briefe, welche jedem Subscribenten die Mitteilung machen, dass ihm die verlangte Zahl Actien auch zu geteilt worden ist. Wiederum 100.000 Briefe, 100.000 Couverts und 100.000 Steuerstempel müssen, dem Gesetze folgend, ihren Weg nach allen Himmelsrichtungen Einschlägen. Der Zeichner einer einzigen Actie oder der Subscribent von 10.000 Shares, jeder erhält den Contractbrief, der ihn bindet, seine Zahlung zum Heile der guten Sache voll und ganz abzutragen. Wie dann die endgiltige Actie aussieht, der Freiheitsbrief, das Ehrendiplom eines jeden Zionisten, welches er, statt im eisernen Schrank, in goldenem Rahmen, unter Glas, als Prunkstück in seinem Salon aufhängt, zum ewigen Angedenken für Kind und Kindeskmder, darüber erzähle ich in meiner nächsten Plauderei. Mittlerweile habe Tch alle diese statistischen Mit-