Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-08-04 · 31 (4.8.1899) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
31 (4.8.1899)
Article
Die Judenfrage in Amerika
Date
1899-08-04
Page
9 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315828-3389677--14190-3389776
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 31 „Die Welt“ Seite 9 werfen, sie api Barte zupfen, in die Wangen kneifen, sie anspueken, ihnen allerhand Schimpfworte naehrufcn (Sheeney, das amerikanische Hepp-Hopp), die Verkaufsstände der jüdischen Hausierer plündern, ihnen bei Nacht anslauern, die Fenster einsehlagen und was dergleichen Zärtlichkeitsbeweise mehr sind. Erst vor wenigen Tagen erklärte der Magistrat, gelegentlich der Verhaftung eines Antisemiten, die Judenhetze müsse unterdrückt werden, denn sie fange an, unerträglich zu sein, und Polizei sowie Gericht müssen alles aufbieten, um ihr Einhalt zu thun. In Arbeiterkreisen und in vielen Trade- Unions werden die jüdischen Genossen intensiv gehassi, weil sie billig arbeiten, die herrschenden Lohnsätze drücken und sich an die bezüglich der Arbeitszeit geltenden Grundsätze nicht halten. Im socialen Leben mengen sich die Juden nur selten unter die anderen. Im Geschäftsleben begegnen sie häufig der Missachtung und der Isolierung. Ein Kaufmann, der unlängst in einem Processe gegen einen jüdischen Händler zur Ausübung der Geschworenenpflieht berufen wurde, musste abgelehnt werden auf Grund seiner offenherzigen Erklärung: Er beurtheile Juden nach allgemeinen Principien. Wie hübsch verschleiert das klingt: Allgemeine Principien! Diese wenigen Illustrationen dürften genügen, um ein Bild von dem Anwachsen des Antisemitismus seit Beginn der grossen Judeneinwanderung zu geben. Dabei ist das jüdische Volk von New-York von den vielfältigen Elementen der Riesenstadt das friedlichste, gutmüthigste und nüchternste. Der Raufbold Dt unter ihnen eine unbekannte Erscheinung, fast niemals machen sie sich einer Gewaltthat schuldig. Was sie vor Gericht bringt, sind zumeist Eigenthumsdelicte, Aber auch diese ereignen sich nicht so häufig, dass man, wie es die Antisemiten thun, von einem specifiseh jüdischen Delicte sprechen könnte. Im allgemeinen verdient die jüdische Geschäftswelt ebensoviel Vertrauen wie die christliche, was mir unter anderem auch vom letzten Mayor von New-York, Mr. Stroug, bestätigt wurde, der, an der Spitze eines ausgedehnten Etablissements stehend, mir versicherte, er sei fast niemals von seiner jüdischen Kundschaft geschädigt worden. Die Juden von New-York unterhalten eine grosse Menge von Wohlthätigkeitsanstalten und dotieren sie reich. Sie haben ferner technische und Handelsschulen gegründet, welche genügend unterstützt und stark besucht werden. Von Zeitungen erscheinen zwei oder drei tägliche mit hebräischen Charakteren im Jargon und eine Anzahl englisch geschriebener Woehenorganc. „S c o t s in a n“. Tribüne. Aufruf! Zum zweitenmale seit 10 Jahren ist schweres Unglück über unsere Gemeinde hereingebrochen. Ein am Freitag, den 30. Jtuii I. J. nachts über Stadt und Umgebung niedergegangener Wolkenbrucli verwandelte die Bäche in reissende Ströme. Verheerend und mit Blitzesschnelle ergossen sich mächtige, schlammige Fluten in Gassen und Wohnhäuser. Nur mit knapper Noth konnte inan das nackte Le b e n retten; an Bergung von Habseligkeilen konnte nicht mehr gedacht werden. Sämmtliche Warenvorräte von Handelsleuten, Gewerbetreibenden und Industriellen wurden von den Fluten fortgeschwemmt oder durch stundenlanges Liegen im Wasser, das an zwei Meter Höhe erreichte, vernichtet und wertlos gemacht. Mehrere Lehmhütten sammt Material und Requisiten sind spurlos hinweggeschwemnit. Am meisten wurde die Juden gasse von der K a t a s t r o p li e h e i m g e s u c h t; d a gab es kein Haus, das verschont geblieben wäre. Der Schaden ist m i t z w e i m a 1 li u n d e r 11 a u s e n d Gulden nicht zu hoch beziffert. Im Zeitraum von wenigen Minuten waren viele Existenzen gänzlich vernichtet; andere um den grössten T heil i li r e r II abe g e Jj rächt. Trostlos ist das Bild der Verwüstung, herzbrechend der Anblick so vielen Elends und Jammers, womit unserer Gemeinde auf Jahrzehnte hinaus unheilbare Wunden geschlagen wurden. Rasche und ausgiebige Hilfe ist dringend geboten, wenn das Elend auch nur teilweise gemindert werden soll. In dieser traurigen N o t h 1 a g e wenden wir uns vertrauensvoll a n d i e I ö b 1! c h e n Gemeinde n, Vereine und Privat e, m i t d e r d u r c h die U in stände leider n u r zu gerechtfertigten Bitte, sie möge n d u r c li S a m m 1 u n gen oder in a n d c r e r, i li neu geeignet ersc h einender W e i s e, d e n v o in U n g 1 ü c k e h a r t H eimgesuchteu helfe n d u n d u n t erstütze n d b e i s t e h e n. Nehmen Sie hierfür im Vorhinein unseren innigsten Dank und die Versicherung, dass Ihr Wohlthun dazu beitragen werde, vernichtete Existenzen aufzurichten und gebeugte Gemüter mit neuem Muthe und neuer Thatkraft zu erfüllen und zu beleben. Genehmigen Sie zugleich die Versicherung aufrichliger Hochacl 11ung I s r a e 1 i 1. C u lt u s v o r s t an d G r. - M e s e r i t s c h Der GultusVorsteher: I. G. Müller. L e m b e r g, 30. Juli 1899. G e e h r io R e d a c t i o n d e r „W e 11"! Auf Grund des § 19 Press-Ges. ersuche hötlichst um Aufnahme nachstehender Berichtigung in Ungeschütztes Blatt. Es ist nicht wahr, dass ich a 11 e i n in Nr. 29 der „Welt“ Protest gegen die „Bekämpfung des politischen Zionismus“ seitens des Herrn Dr. Abraham Salz, Präsidenten des Vereines „Aha was Zioir‘ in Tarne w, und dessen Artikel „Organischer Zionismus“ in der Oesterr. Wochenschrift“ eingelegt habe. Wahr ist es vielmehr, dass ich nicht nur von mehreren Ausschussmitgliedern, wie von Herrn Ed. Schwager, Tarnow, L. Taubes, Kolonien, wie auch von vielen Vereinsrnitgliedern des „Ahawas Zion“ schriftliche Aufforderungen — die ich der geehrten Redaction zur Einsicht beilege — zur Entgegnung gegen den offenen Kampf des Herrn Dr. Salz empfangen habe, sondern auch Vertrauensu. Dankvoten seitens zionistischer Gorporationen — wie beiliegendeZustii1imungsorklünm gdes Vereines „Oliowew e Erez Israel“ in Krakau — um deren Veröltentlichung ich in meinem und im Aufträge des Vereines „Clio wo we Erez Israel“ die geehrte Redaction der „Welt“ in Ihrem geschätzten Blatte hötlichst ersuche, empfangen habe. IiuUebrigen werde ich bei einerGeueraI vorsamndimg mein Verhalten als politischer Zionist und Mitglied eines philanthropischenVereiries „Ahawas Zion“ zu rechtfertigen wissen. In weitere Diseussion mit Herrn Doctor Salz werde ich — da ich keine persönliche Animosität in Gedanken habe und als friedensliebender Zionist bin, — in öffentlichen Blättern mich nicht entlassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.